Zwei Jahre

Am 28.04 habe ich Jubiläum gefeiert, denn vor zwei Jahren, am 28/04/2010, um genau zu sein, landete ich in Cork und damit in Irland. Es war zwar nicht so spektakulär wie 1096, als Wilhelm der Eroberer in England einfiel, aber für mich ein doch sehr erhebender Moment.

Nun fragen mich manche völlig überrascht, „Zwei Jahre in Irland, geht das überhaupt?“ Und ich muss dann immer gestehen, „erstaunlicherweise ja, es geht.“
Vielleicht liegt es am Ueberlebenswillen, am irischen Whiskey, oder am berühmten irischen Wetter, was wahrscheinlich zu meiner Konservierung beigetragen hat, so dass ich die Zeit nicht mal habe vorrueber fliegen sehen. Ich habe es nur völlig überrascht festgestellt, als ich auf den Kalender sah und mir einfiel, „Donnerknispel, zwei Jahre schon hier und nichts gemerkt.“

Von aussen betrachtet hegen manche Menschen die Vorstellung von uns, dass wir uns den ganzen Tag in Pubs rumtreiben, Guiness saufen und wenn uns fad im Schädel ist, auf winzigen Pfeifchen spielen, melancholische Musik machen und dazu tagein- tagaus tanzen, aber dem ist nicht so, denn Guiness ist hier bah. Bei uns in Cork verkaufen wir das an die Touristen, die dann wiederum verblüfft feststellen, „die Iren arbeiten ja?“
Tja, manchmal habe ich so das Gefühl, dass uns der Rest der Europäer als dem afrikanischen Kontinent zugehörig sieht, und uns eher so wie halbgebildete Wilde betrachtet. Kulturell und touristisch sehr reizvoll, aber anders halt. Und die Engländer betrachten uns aus einer Mischung ungläubigen Staunens und massloser Verachtung, dass Irland ohne das britische Mutterland überleben konnte. Besonders waehrend der Wirtschaftskrise machten sich viele Engländer unglaublich viele Gedanken, ob man Irland zurück nehmen solle, oder aber den Stöpsel in der Mitte der Insel zieht und den Rest, der der Katastrophe entgeht, auf den Neuen Hebriden ansiedelt, schliesslich ist das Wetter vergleichbar mit dem Westen Irlands.

Was den Tourismus betrifft ist man in der Tat sehr einfallsreich Touristen auf die Insel zu schaffen und sie, nachdem sie zünftig über den Tisch gezogen hat, wieder in’s Meer zu entsorgen. Was nutzt uns auch ein Hungerleider der sein Geld im Pub, beim Wetten und beim Sean nós dance sinnlos verschleudert hat. Bei letzterem im wahrsten Sinne des Wortes.
Deswegen finden es auch viele Iren völlig schwachsinnig, dass es Menschen gibt, die nicht als Touristen, sondern zum arbeiten auf die Insel kommen, während viele Iren fluchtartig das Land verlassen und in England, Australien, Neuseeland, oder den USA ihr Einkommen suchen.
Wie mir mal ein Ire spasshaft sagte, „das einzige was man in Irland findet, sind Schafe, Kühe, Pferde, Arbeitslose, Rentner und Rechtsanwälte. Dazu dann noch Euch Ausländer.“
In der Tat ist die Auswanderung ein Thema, das viele Iren belastet. Zwar ist es nicht mehr so, wie im 19ten Jhr. als Hunger und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit die Menschen aus dem Land trieb und Liverpool praktisch das New York der Nachbarschaft wurde, aber auch heute verlassen viele Iren das Land. Weniger wegen Hunger, den muss hier niemand erleiden, aber wegen der Wirtschaft.
Selbst die Feen und Leprechauns sieht man mittlerweile häufiger an den Flughäfen und auf Fähren.

In einem Artikel der „Irish Times“ konnte man lesen, dass die Zahl der Bewerber bei den „Irish Guards“ nach oben gegenagen ist. Etwa 32% der Bewerber besitzen einen Pass der Republik Irland. Nun ist es Iren zwar nicht unbedingt gestattet Militärdienst in einer ausländischen Armee zu absolvieren, aber bei den Irish Guards drückt man die Augen zu, so dass laut Times, die Irish Guards, die einzige Einheit ist, die sich keine Sorgen um Nachwuchs machen müsste.
Ein Gesetz, was wohl noch aus der Zeit stammt, als England über Irland herrschte, macht es möglich dass man problemlos in der britischen Armee dient. Ein Umstand übrigens, der es ermöglichte, dass im zweiten Weltkrieg knapp 56.000 Servicemen aus der Republik Irland kamen.

Wie lebt es sich also nun im „Armenhaus Europas,“ wenn man Berichterstattungen in deutschen Zeitungen folgt und der Tatsache, dass wir wohl mit 320Mrd. in der Kreide stehen.
Ich muss sagen, nicht schlecht. Das Geld ist verprasst und man kann einem nackten Mann nicht in Tasche fassen, deswegen hat der irische Staat einige lustige Ideen entwickelt, wie man doch noch zu ein bisschen Geld kommen kann, in der Hoffnung, es „denen“ irgendwann heimzuzahlen.

Was mich, jetzt nicht an Irland, aber an Cork tierisch nervt, das ist die grosse Zahl der Betrunkenen die teilweise schon um die Mittagszeit durch den Verkehr torkeln und manchmal alles anpöbeln, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Auffällig ist dabei die Aggressivität mit der diese Leute unterwegs sind. Sie schimpfen, sie pöbeln und werden teilweise gewalttätig. Ein Umstand, den das Tourismusministerium hartnäckig verschweigt und den ich aus anderen Ländern nicht kenne.
Das Bild, welches von Iren vermittelt wird ist, dass wenn sie angetrunken sind, sie fröhlich singend andere um sich herum erheitern.
Wer hier lebt, der kann vom Gegenteil berichten und weiss, sie sind sehr unangenehm und lösen einen Fluchtreflex aus, denn sie sind nicht nur störend, sondern können auch durchaus gewalttätig werden.
Auffällig ist es deswegen, weil Irland sehr klein ist und wir nur sehr wenige Einwohner haben. Es mag sein, dass die Zahl in Deutschland, oder Frankreich ähnlich hoch ist, aber das liegt wahrscheinlich an der Fläche dieser Länder, sowie an den Einwohnerzahlen.

Nervig sind zu grossen Teilen auch die Jugendlichen und ihre Art nach Zigaretten zu fragen. Selbst wenn man Nichtraucher ist, man wird zwangsläufig in ein Gespräch verwickelt, „Hey, do you have a sparecigarette?“ „No sorry, i don’t smoke!“ „Feck, you bloody Bastard, if you don’t have a sparecigarette, so gi’me a Euro, that i can buy some.“ „You Moron, you don’t even get one cigarette for a fucking Euro, so don’t waste my time and get a life!“
Egal was es ist, sie sind in der Lage und laufen quer über die Strasse um Passanten anzupöbeln.
Das stört nicht nur mich, sondern ist ein Problem, das selbst Iren stört. Viele Iren sind verärgert über die Jugendlichen, die wenig Respekt haben und es im Umgang mit ihren Mitmenschen an Respekt fehlen lassen.
Dabei muss ich sagen ist die Gesellschaft selber schuld. Es mag mit Sicherheit eine „irische Kultur“ geben, nur findet man diese Kultur nicht in den Städten.
Die Staedte in Irland und besonders Cork, erinnern teilweise an englische Arbeiterstädte. Trist, trostlos, grau in Grau und dreckig. Auf diesen kurzen Nenner kann man es zusammen fassen.
Ich denke der Sightseeingbus vom Cork City Council schafft seine Tour der Sehenswürdigkeiten in 5 Minuten, mehr braucht es nicht, damit man die Schönheiten von Cork sieht.
Trotzdem war Cork für Liebe auf den ersten Blick, denn man muss wirklich die Leute kennen lernen, damit man die Stadt mögen kann.

Dabei ist auch das recht schwierig denn ich empfinde die Iren als sehr oberflächlich. Sie sind freundlich, sie laden Dich ein, oder geben Dir ein Bier aus, aber sie sind nicht sonderlich an Dir interessiert. Das übliche „How are you?“ ist nicht wirklich ernst gemeint. Wenn man sagt, „not so good, i had a Heartattack last week,“ ringt ihnen ein „oh, sounds not too bad,“ab und den üblichen Hinweis, „take care.“ Mein Landlord und seine Frau kennen mich seit 2 Jahren, meinen Namen können sie immer noch nicht aussprechen, selbst mein Mitbewohner hat jeden Tag einen anderen Namen für mich, obwohl mein Name auf der Rückseite meines Leiberls steht.

Was auch nervt, das sind die gefühlten Millionen Hundehaufen, die es in einer Stadt mit gerade mal 100.000 Einwohnern gibt. Man laueft jeden Tag einen Megaslalom um nicht in diese Tretminen, die achtlose Hundebesitzer einfach nicht wegräumen mögen, zu geraten. Ich war selbst Hundebesitzer und habe die Häufchen meiner Liebsten oft genug beseitigen müssen, aber die Iren hoffen halt auf’s Wetter. „Der Regen wäscht es weg und wenn der nicht, wer weiss wozu es gut ist, früher haben wir damit die Felder gedüngt, heute halt den Asphalt. Ausserdem bringt der Tritt in Hundescheisse Glück. Wenn Du also in Barries Haufen trittst und gewinnst beim Pferderennen, dann war es mein Hund, dem Du das zu verdanken hast.“

Nervig ist auch der Spendenmarathon. In Irland gibt es unzählige gemeinnützige Organisationen deren Ziel es ist, Spender zu finden. Anders als in Deutschland, tragen sich die Vereine hier selbst, was zur Folge hat, dass an einem Wochenende in Cork gleich mehrere Volunteers unterwegs sind und Ausschau nach potenziellen Spendern halten. Will man diesen aus dem Weg gehen, dann empfiehlt sich, a.) ein schneller Schritt, b.) völlig teilnahmslos in eine andere Richtung zu schauen. Gerät man trotzdem in die Fänge, spricht man nur gebrochen englisch und gibt sich als Tourist aus. Ich habe zu dem Zweck einen Langenscheidt dabei. Die Leute schütteln dann nur noch hilflos mit dem Kopf und lassen einen ziehen. Bevorzugt stelle ich mich als Jacek aus Polen vor, der seinen Bruder hier besucht. Hilft immer.

Aber es gibt natürlich auch gute Seiten, logischerweise.
Da waere zunächst einmal das Outfit eines typischen Iren. Damit meine ich nicht diese völlig blödsinnige Werbung für das furchtbare Gesöff Tullamore Dew (Hier in Irland waschen wir uns nicht mal die Füße damit). Diese kernigen rotbehaarten Gestalten mit Flatcap, Pullover von der Insel Aran, Tweethose, Gummistiefel und Wolfshund.
Nein hier trägt man typischerweise Hoodie -bevorzugt von englischen Premierleague Teams, oder irish gaelic Sport-, dazu dann die passende Jogginghose und Runners.
Am Wochenende sieht man die weiblichen Iren in Miniröcke gezwängt, auf hochhackigen Schuhen und wundert sich, dass es nicht zu größeren Verkehrsunfällen kommt, weil sie absolut nicht mit diesen Schuhen laufen können.
Auch wenn die Iren jetzt meckern mögen, dass kenne ich eigentlich nur aus England und zeigt mir, dass Irland, auch wenn es formal unabhängig ist, sich von England mental nie trennen konnte.

Ich muss auch gestehen, so schmerzhaft es ist, Irland ist für mich die USA im Kleinen. Viele Dinge, z.b. mit einer Stretchlimo zur Abschlussfeier zu fahren, das kenne ich nur aus den USA, wahrscheinlich haben die ausgewanderten Iren die USA dergestalt geprägt, dass viele Dinge in Amerika nicht amerikanisch, sondern irisch sind, was die Behauptung vieler VT’ler widerlegt, die Juden wuerden die USA beherrschen. Nonsens, die Iren sind’s.

Wetten: Ein beliebter Zeitvertreib der Iren ist das Wetten. Iren wetten auf alles und Paddy Power ist die Gesellschaft, die hier in Irland am schnellsten wächst und die meisten Einnahmen macht mit ihren Wettbüros. Ob Hunde- oder Pferderennen, der Ire ist verrückt danach und Zeit für eine Pferdewette beim Tee, dafür ist immer Zeit.

Ich denke ich werde in Irland bleiben. Es mag zwar nicht alles perfekt sein, aber es ist „meine Insel,“ und solange ich mal von dieser Insel runterkomme, nach England, ist alles in Ordnung. Irland ist England im Kleinen.

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