irische Aerzte

Ich kann mich noch daran erinnern, dass in Deutschland viel ueber das Gesundheitssystem gemeckert wurde, und man es teilweise als ineffektiv und teuer bezeichnet hat. Ebenso bekamen die Krankenkassen ihr Fett weg und teilweise jagte ein Skandal den naechsten, was Abrechnungen der Aerzte und Krankenkassen betraf. Man sprach gar von 3. Welt Mentalität, so als waeren alle Aerzte und Krankenkassenmitarbeiter korrupt, wie ein Grenzbeamter im hinteren Uganda, der fuer ein paar Dollar, zwei Stempel mehr in den Pass macht.

Wer in Irland lebt, der kann darueber nur den Kopf schuetteln, denn verglichen mit Deutschland, ist das System hier in Irland wahrscheinlich noch schlechter als ein Buschhospital in Kenia. Nicht umsonst sagt man den Iren nach, dass sie erst dann zum Arzt gehen, wenn sie den Kopf zwischen den Armen tragen. Das irische Gesundheitssystem ist langsam, ineffektiv und sehr teuer, was verwundert, da man sich hier selbst versichern muss. Es gibt zwar einige Leistungen die vom Staat uebernommen werden, oder von der VHI ersetzt, trotzdem zahlt man, selbst wenn man einem Doktor auf einer Cocktailparty, oder im Pub die Hand schüttelt. Mein Landlord sagt dazu gerne, „ich habe mal in einem Pub einem Mann die Hand geschüttelt und gefragt, was er von Beruf ist, Doktor antwortete dieser und verlangte 20 quit. Wofuer fragte ich und er sagte, fuer die Auskunft.“
Bei mir begann es im letzten Oktober als ich Schmerzen in der Brust bekam. Da ich nicht wusste wohin, schickte man mich in unser Medicalcenter. Man muss sich das so vorstellen, dass es dort zwei Krankenschwestern gibt und hin- und wieder ein Arzt vorbeischaut, von dem niemand weiss, was er fuer ein Doktor ist. Er kann auch Veterinaer sein, aber er ist Doktor.
Ich bin also in das Medicalcenter zu diesen Schwestern, die zwei Dinge wirklich gut können, Paracetamol geben und Blutdruck messen. „Glückwunsch,“ meinte die Krankenschwester, „bei Ihrem Blutdruck waere die Titanic nicht gesunken, sie haette den Eisberg in Stuecke gelegt, 180 zu 120, Respekt.“
Das haette zwar den Kult um die Titanic, sowie mehrere schlechte Filme verhindert, half mir aber nicht wirklich weiter, also fragte ich was zu tun sei. „You need a Familydoctor,“ sagte sie mit Bestimmtheit und beantwortete das Fragezeichen in meinem Gesicht mit: „Everybody has a Familydoctor, even my Family has one.“ Auf meine schuechterne Frage, was denn das fuer ein Doktor sei, schaute sie mich mitleidig an und meinte, ich solle mal im Telephonbuch nachschauen.

Das tat ich dann auch und wurde durch Zufall fuendig, denn hier ist es nicht so, dass man einfach irgendwo beim Arzt reinstapft und sagt, „Hallo, ich bin krank und jetzt bin ich hier,“ nein, man ruft an und bittet untertaenigst darum, in den Kreis der Erlauchten aufgenommen zu werden. Das heisst, hat der Arzt ueberhaupt Lust dazu, sind nicht 10 Patienten schon zuviel, wuerde da nicht ein elfter Probleme verursachen? Hat er eine Krankheit die sich lohnt, wie Typhus zum Beispiel? Ist er krank genug dass er Behandlung braucht, aber gesund genug es fuer ein paar Jahrzehnte zu machen, praktisch regelmaessige Einnahmequelle?
Mein Arzt erkannte sofort, „da laesst sich Geld machen,“ also nahm er mich auf. Und bevor wir zur Tat schritten, erzaehlte ich was mir fehlt. „Oh,“ sagte er,„bevor ich da jetzt irgendwas mache, also in blinden Aktionismus verfalle, muessen wir rausfinden was es ist, ob Stress oder was anderes. Ich schicke Dich einfach mal zu einem 24 Stunden Monitoring und einem Stresstest.“ Auf meine Frage wie lange es dauert, kam die Antwort, „Och das geht, die melden sich umgehend bei Dir, uebrigens kostet das 30€.“

„Umgehend.“ Der Duden schreibt dazu:

sofort, so schnell wie möglich, ohne jede Verzögerung erfolgend
auf dem schnellsten Weg, auf der Stelle, augenblicklich, eilends, flugs, geradewegs, im Nu, postwendend, prompt, schleunigst, schnellstens, sofort, sofortig, sogleich, unmittelbar, unverzüglich; (gehoben) schleunig; (veraltend) alsbald; (besonders Papierdeutsch) alsbaldig

In Irland hat das eine andere Bedeutung. Umgehend heisst, „möglicherweise Morgen, eventuell naechste Woche, naechsten Monat, naechstes Jahr, niemals. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wenn der Papst ein Ire ist.“ Das einzige was hier „umgehend“ ist, das ist, wenn Du eine Irin 5 Minuten anschaust und nach 9 Monaten Vater wirst, das ist umgehend. Ansonsten ist es ein abstrakter Zeitbegriff der gern verwendet wird, wenn man etwas aus dem Weg gehen möchte. Umgehend wird man angerufen, wenn im Pub die Leitung nicht funktioniert und die Gaeste rebellieren, dann besteht umgehender Handlungsbedarf und den sollte man umgehend ausführen.

Also wartete ich umgehend auf Nachricht, sowohl fuer den Stresstest, als auch fuer das 24 Stunden Monitoring.
Ich wurde auch umgehend im Februar, beim Arzt war ich Anfang November, vom Mercy Hospital zu einem Monitoring eingeladen, wobei mich das Krankenhaus, an diese Gruppe erinnert hat. Man hat mich also verkabelt und war ueber das Ergebnis überrascht. Meine Performance glich einem Flugzeugtraeger der Nimitzklasse, was man mir auch froehlich mitteilte, mit dem Ratschlag doch das rauchen sein zu lassen und alles andere gleich mit.
Gemacht wurde erst mal nix, ausser dass mein Arzt mir Tabletten verschrieb, damit man meinen Blutdruck in Griff bekommt.
Ich fuer meinen Teil bin erst mal in Urlaub geflogen da ich nicht wirklich auf das CUH setzen wollte und richtig, umgehend hiess, dass man sich im April bei mir gemeldet hat und mich zum Stresstest einlud. Nach diesem Stresstest befand man, dass man mich gleich da behielt. Auch mein Einwand, dass ich eigentlich voellig unvorbereitet sei und ich erst mal Sachen benoetigen würde machten auf das Personal dort nicht wirklich viel Eindruck und so wurde ich am naechsten Tag einer „Operation“ unterzogen, wobei die OP in die Hosen ging.
Nicht nur gab man die falsche Dosis an Beruhigungsmittel, ich weiss jetzt wie sich Delinquenten bei der peinlichen Befragung fühlten, nein, es war ein Arzt und vier Krankenschwestern anwesend, die sich im Raum befanden, aber nicht wirklich den Eindruck hatten, man muesse jetzt irgendwelche Massnahmen einleiten, waehrend der Arzt versuchte, mir seine 18″ Stricknadel mittels Gewalt durch den Arm in Richtung Herz zu jagen. Als ich dann meinte, wuerde er nicht aufhören, dann wuerde ich meinen Fuss dahin setzen, wovon sich seine Mutter den Nachwuchs verspräche, meinte er, es waere besser mir a.) Eine weitere Narkose zu versetzen, was seine Girlgroup in Aufregung versetzte und b.) vielleicht einen anderen Zugang zu wählen, um das ganze dann irgendwann aufzugeben.
Ich wiederum wolte einfach nur ein Telefongespraech mit einem Anwalt meiner Wahl, oder halt eine Stunde, damit ich meine Sachen holen konnte.
Nach ca. einer Stunde entliess man mich mit den Worten, „Wir sind nicht in Deutschland, wo man mal eben ein paar Sachen holen kann. Wenn Du gehst, dann kannst Du grad daheim bleiben, aber eins sagen wir Dir, Du bist ein Risiko fuer Dich, quasi eine tickende Zeitbombe.“ Dass mich das so periphaer tangierte wie ein Sack Reis, der in China umfällt, das verwunderte sie doch sehr. Und als ich sagte, dass sie sich vom deutschen System eine Scheibe abschneiden koennten was Patientensorge betraf, das traf sie dann doch tief. Voller Hass warf mir der Arzt entgegen, „Du haettest in Deutschland bleiben sollen,“ was ich mit den Worten konterte, „Ja, das haette ich, da sind die Aerzte im Gegensatz zu Euch auf der Hoehe der Zeit und gewaehren einem eine Stunde, damit man seine Sachen holen kann und wenn sie einen behalten, dann sind sie nicht solche Stümper, dass sie einen zwei Tage festhalten, nur um zu beweisen, dass sie Nixkoenner sind.“
Ich gebe zu, etwas hart, aber angemessen. Also fuhr ich erst mal heim. Schliesslich wollte man sich bei mir melden.

In der Zwischenzeit wurde ich zweimal einbestellt. Beim ersten Mal wusste der Consultant nicht mal, warum ich da bin und musste sich erst mal informieren, das war ein Monat später, wohlgemerkt galt ich als Risiko, schliesslich haette ich jeden Moment umfallen können, laut den Ärzten. Der Consultant meinte, sie wuerde das mit den Chirurgen besprechen und spaetestens Anfang Juni wuerde ich ich operiert werden.
Nun haben wir Ende Juli und ich war wieder im CUH, sass ueber eine Stunde nutzlos rum und der Consultant meinte, er muesse sich erst mal das Endiogramm anschauen, dann meinen Arzt anrufen. Wenigstens entschuldigte er sich fuer die Verspätung. „Normalerweise dauert das bei uns 2 Wochen.“ Worauf ich fragte,„Was dauert zwei Wochen? Bis Sie sich melden, oder die Zeit, bis Sie sagen, wir machen es umgehend?“
Er schaute mich nur verwundert an und meinte, „Wir machen das umgehend, uebrigens ich mache es nach der alten Methode nur bei 70 bis 80 Jährigen.“ Und schickte mich wieder heim.
Fuer mich heisst das, ich warte halt einfach mal, denn „umgehend“ heisst bei uns, „don’t call us, we call you.“

Ach ja, ich habe eine etwas besondere Form der koronaren Harzkrankheit, dass heisst bei mir setzen sich gerne die Venen komplett zu. Ich kann mit dem rauchen aufhoeren was das ganze nur verlangsamt. Egal was ich mache, die Adern sind irgendwann komplett verstopft. Nicht sehr lustig und selbst wenn ich mein Leben komplett umstelle aendert es nicht viel, es gibt mir nur einen Zeitaufschub, aber wie man in Irland sagt, „das muss umgehend gefixt werden.“ Zeit habe ich ja noch, bis ich 70 oder 80 bin 🙂

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