Buddy Jesus

Als ich noch in Italien lebte, da gab es mehr Schutzheilige als Einwohner, in jedem Dorf mit 20 Einwohnern mindestens eine Kirche und mehr Madonnenstatuen als Einwohner. Jeden Sonntag gab es irgendwo ein kirchliches Fest, denn bei soviel Heiligen wie Hindugottheiten (irgendwo wurden mal um die 30.000 genannt), laesst sich immer ein Anlass finden und auch wenn es nur 400 anerkannte Heilige in der Römisch-Katholischen Kirche gibt, ist man ein Jahr in Feierlaune. Jeden Sonntag, wenn man unterwegs war, stolperte man ueber eine Prozession und war gezwungen eine Zwangspause einzulegen. Das war von daher ratsam, da in den Dörfern meist im Anschluss mitten auf der Strasse gefeiert wurde. Man war also quasi zwangsfestiviert mit Pasta, Ciabata, Vino und allem was dazugehört, inklusive Kuesschen von Mama.

Fuer mich war Italien das katholischste Land was man sich vorstellen kann und nicht umsonst verhoehnte Antonello Venditti in seinem von der RAI boykottierten Lied „Italia“ nicht nur die Korruption der italienischen Politik, sondern und gerade auch die Moral der Kirche. Italien war fuer mich katholischer als der Papst, heiliger als Petrus und Paulus in einer Person und keuscher als die Jungfrau Maria. Da ich als Atheist mit Religion nichts am Hut habe, kann man sich in etwa vorstellen, wie ich das Land gesehen habe, bevor ich nach Irland gekommen bin.

Nach ueber 2 Jahren in diesem Land, kann man Italien, was Religion betrifft, getrost vergessen. Auch wenn die Iren ueber die Kirche schimpfen, sich viele Iren als Agnostiker bezeichnen und die Skandale in der katholischen Kirche nur nach Nach und Nach aufgeklaert werden, kein Volk ist religioeser als die Iren.
In fast jedem Haushalt haengt „Buddy Christ“ an der Wand, selbst bei uns. Und wenn nicht er, dann einer seiner zahlreichen Kumpels, Kumpel Kumpels, oder seine Mutter. Am besten gleich das ganze Ensemble. Diverse rein katholische Läden bieten Erbauung fuer den beduerftigen Suender in Form von Buechern, Bildern und Heiligenfiguren. Alles nach dem Motto, „Wenn Sie’s nicht an die Wand bringen, dann stellen Sie’s sich auf den Tisch.“.
Es gibt in Irland wahrscheinlich mehr Kirchen als Einwohner, von den Pubs mal abgesehen, und wenn in Deutschland die Kirchen ueber den Schwund jammern, hier sind sie voll.

St. Patrick, der Schutzheilige Irlands geniesst hier immer noch Kultstatus. Man kann ueber die Rebellen von 1916 sagen was man will, aber St. Patrick war im Gepäck. Seaun O’Casey, einer der grossen irischen Dramatiker nimmt in seinem Theaterstueck „The Plough and Stars“ Bezug auf die Bigotterie.
In jedem Dorf in Irland gibt es mindestens eine Strasse, der nach St. Patrick benannt ist und wenn nicht eine Strasse, dann einen Feldweg. Es gibt Kirchen, Gebaeude usw. die es nur zu seinen Ehren gibt.
Die Macht der katholischen Kirche war in Irland bis in die 90er noch so stark, dass Iren nach Nordirland gingen und sich Kondome in den Apotheken kauften und diese in Republik einschmuggelten, da die irische Regierung den Gebrauch von Kondomen verbot und somit auch den Verkauf dieses „Teufelszeug“ in der Republik untersagte. Katholische Bischöfe und Kardinaele berieten die Regierung in Dublin in moralischen Fragen und Leute wie Dave Allen, einer der besten Stand Up Comedians die Irland jemals hatte, verliessen das Land, damit sie sich ueber die Kirche lustig machen konnten.
Nun wurden keine Fatwas gegen diese Leute verhängt, aber der Einfluss war teilweise so stark, dass Theaterstuecke nicht aufgeführt, oder Sendungen vom staatlichen Sender RTÉ einfach boykottiert wurden.

Oberflaechlich betrachtet mag Irland ein liberales offenes Land sein, unter der Oberflaeche hat sich der Einfluss der Kirche in manche Gehirne gepflanzt und viele Iren bekreuzigen sich im Bus an jeder Kirche, so als wuerden sie erwarten, dass morgen Gott an ihre Tuer klopft und sagt, „Schön dass Du an mich denkst, aber am Samstag gehen wir mal nicht in den Pub.“
Selbst mein Landlord, der sich als pragmatischen Agnostiker bezeichnet geht bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Kirche, ganz einfach weil seine Frau das anordnet, schliesslich koennten Bekannte mitbekommen dass man einfach mal die Messe geschwaenzt hat und koennten dieses dem Priester petzen, der natuerlich nichts besseres zu tun hat, als „oben“ anzurufen und zu sagen, „Du Chef, ich weiss was, im Keller brennt Licht, aber ich hab’s ausgemacht.“

Es gibt bei uns sogar zwei Tage an denen man nicht mal einen Tropfen Alkohol bekommt, das ist God’s Friday (Karfreitag) und Boxing Day (1. Weihnachtsfeiertag), entweder man knackt hier einen Off Licence, ueberfaellt Zecher auf der Strasse, die ein Sixpack zu einer Party schleppen, oder kauft auf Vorrat und huetet das, aus vorgenannten Gründen, wie Fort Knox und geht an diesen Tagen nur bis an die Zaehne bewaffnet in’s Bett, denn alles, was eine Licence hat ist geschlossen. Pubs, Off Licence, die Alkoholabteilungen der Supermärkte. Es sollen an diesen Tagen schon Freundschaften toedlich geendet haben, da sich die Kontrahenten zum Showdown auf der Strasse trafen.
Begruendet werden diese Tage von der Regierung, dass man sich um die Gesundheit der Iren Sorgen machen würde und wahrscheinlich und allen Ernstes glaubt, dass wenn die Iren an zwei Tagen im Jahr trocken bleiben, sie eine hoehere Lebenserwartung haben. Dass sie aus lauter Panik am naechsten Tag die Laeden leerkaufen und Druckbetankung betreiben, oder sich im Pub gleich unter den Hahn legen kommt unserer Regierung nicht in den Sinn.
Dabei ist der Grund eigentlich ganz simpel. Irgendein Bischof in Dublin dachte sich es waere sehr Unchristlich, wenn man an diesen Tagen auch noch blau rumtorkelt und an die Kirche pinkelt, also wurde er bei der Regierung vorstellig und praesentierte eine Stelle in der „Fianna“ als St.Patrick, der die Schlangen aus Irland zur Emigration zwang und so manche Schlange ein Boot in Richtung Afrika mit den Worten „Go down Moses“ bestieg, auch die Pubs von Antrim bis Cork an zwei Tagen schloss und die Zecher auf der Insel Aran festhielt.
Die Regierung wurde ganz nervoes und ordnete halt an, dass es an diesen beiden Tagen keinen Alkohol gibt.

Irland ist eng mit der Kirche verwoben, was gerade bei der katholischen Kirche erstaunlich ist. Waehrend der grossen Hungersnot im 19. Ihr, waren es ausgerechnet die den Iren verhassten Protestanten, die der Bevoelkerung halfen, waehrend die katholischen Priester von den Kanzeln predigten, dass die sturen Iren einfach nicht Gottesfuerchtig genug waeren und deswegen diese Strafe ueber sie hereinkommen sei und sich auf das Buch Hiob beriefen. Wie steht es in Hiob „Wen Gott liebt, den prüft er,“ und die Iren wuerde er halt nicht so lieben. Tausende Menschen verhungerten und Irland sah die groesste Emigration in Richtung USA.

In Irland sollten die Menschen vielleicht weniger in die Kirche vertrauen, sondern einfach in sich selber. Hier gehen selbst Atheisten in die Kirche, in der Hoffnung eventuell einen Fensterplatz im Paradies zu bekommen, schliesslich muss man pragmatisch vorausdenkend handeln.

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