Zeit

Wie ich schon geschrieben habe, wuerden manche Deutschen ausrasten in diesem Land.Da ich in Südeuropa gelebt habe, besitze ich manchmal die Sanft- und die Gleichmut eines Buddhas. Und die braucht man hier, wie der Ire sagen würde, „for Fuck’s sake!“

Nehmen wir den Supervalue am Merchants Quay. Ich geh manchmal dort hin, wenn ich wirklich nur eine Kleinigkeit brauche, dabei ist der Laden wirklich eine Wucht. Gross, übersichtlich, eine Fleischabteilung und alles was man braucht. Auch die Angebote sind toll und eigentlich koennte man den Laden lieben und braeuchte nicht zu Tesco, der weiter entfernt ist, wenn, ja wenn es nicht die Kassierer gäbe.
Ich habe keine Ahnung woher man die hat und frage mich seit über 2 Jahren, ob man bei Supervalue Kassierer irgendwo industriell fertigen lässt. Werden Iren auf extreme Kundenfreundlichkeit, Langsamkeit und Penibilismus getrimmt, bevor man sie auf die Kunden loslässt?

Kommt man zu Supervalues, dann sind von den 6 Kassen zwei besetzt, ok, man hat den Quick check out, der eruebrigt sich aber wenn man mehr als 5 und mehr als 10 Waren im Arm hält. Die Mitbuerger treten einem aber sowas von, wenn man in der Schlange steht und sagen einem wo es lang geht. Da sie das System kennen, machen sie vor einem Auslaender nicht halt.

Man steht also an der regulaeren Kasse und erlebt, wie die Frau vor einem, an einem Dienstag Nachmittag das Band dermassen bestückt, als wuerde sie den Armeestuetzpunkt im Co. Cork beliefern. Man steht und wartet, während hinter einem die Schlange immer laenger wird, denn schliesslich sind nur zwei Kassen besetzt. Mehr Kassen wuerden zu einer gewissen Unruhe und Hektik unter der Kundschaft fuehren, ausserdem wuerde man sich genoetigt fuehlen aus 6 Kassen die richtige zu wählen, nein, da sind zwei Kassen schon eine weise Entscheidung und das Management von Supervalue kann sagen, „Wir koennen innerhalb von Sekunden eine dritte Kasse aufmachen, wenn es die Situation und der Kundenwunsch abverlangt, wenn das nicht im Sinne unserer Kunden ist, was ist es dann?“
Man schaut auf und erkennt, dass der groesste Trottel an der Kasse sitzt. Keine Ahnung wie der heisst, aber wenn ich schon die Brille sehe, dann bedauere ich einen Fuss in den Laden gesetzt zu haben.
Mit Akribie nimmt er die Dose Heinz Beans in die Hand, dreht sie als wuerde er den Inhalt dekantieren, schaut auf den Boden, dann auf den Deckel, ob die Bohnen auch gut genug sind und dreht sie noch einmal von Nord nach Sued bevor er sie vorsichtig ueber den Scanner zieht, als wuerde Heinz „Djihadbeans“ produzieren, die beim Scanvorgang explodieren. Dass er nicht sagt, „Da haben Sie aber mal eine gute Wahl getroffen,“ ist alles. Danach blickt er versonnen auf die Dose und rollt sie vorsichtig in die Ablage, so als wuerden die Bohnen an Geschmack verlieren wenn er sie fester rollt. Und so ist Eoin, wie ich ihn nenne, einer geschlagene halbe Stunde damit beschäftigt nicht nur Bohnen, nein alles ausgiebig zu begutachten, was der Kunde gekauft hat. Sobald das beendet ist fragt er den Kunden dummerweise danach, ob dieser einen Bon hat.
Und das ist ganz schlecht, weil natuerlich hat man einen Bon, jeder hat einen Bon wenn er einkaufen geht. Wir leben und sterben fuer diese Scheissbons, nicht nur bekommen wir Prozente, nein wir kriegen auch Punkte auf unsere Kundenkarten. Er muss das wissen und er muss wissen dass er ein Idiot ist, warum fragt er nach diesen Bons. Und natuerlich sagt die Matschkuh, „sure, just a Second,“ und kramt in ihrer Handtasche von der Groesse des Lago di Bolsena nach den Bons. Natuerlich findet sie ihn nicht auf Anhieb und vor dem geistigen Auge tickt die persoenliche Rentenuhr, erst gemaechlich und dann immer schneller wie das Schuldenbarometer, bis sie den Inhalt der Tasche einfach auf die Ablage schüttet, was auch einen Einblick in die Taschen irischer Hausfrauen erlaubt -ich habe immer gewusst, dass der Inhalt weiblicher Handtaschen in allen Laendern gleich ist, aber mir will man ja nicht glauben. Eoin rueckt seine Brille zurecht und erblickt den Bon, den er erstmal einer hochnotpeinlichen Untersuchung unterzieht, bevor er ihn ueber den Scanner zieht. Das dauert seine Zeit und Eoin, der nicht ansatzweise Schweiss auf der Stirn hat, stutzt, liest den Bon nocheinmal und tippt dann im Einfingersystem den Code ein, „1,8,9…ah dann, 1,8,9,4..instead of 7, 6“. Derweil erklaert er die ganze Prozedure und was er gedenkt zu tun. Falls der Code abgelaufen ist, dann wird er seinen Supervisor kontaktieren müssen, was mich zu dem Gedanken verleitet, „Waere ich Dein Supervisor, dann wuerde ich Dich vor dem Laden erschiessen muessen, als Abschreckung fuer Alle.“
Aber er schafft es und nach 45 Minuten glaube ich, dass ich jetzt der Naechste bin, aber weit gefehlt, denn Eoin hat bei der ganzen Aktion der Kundin ein Bild entdeckt, waehrend des Bezahlvorgangs, das seine Aufmerksamkeit geweckt hat. „Is that Diedra? The Girl from Wexford and married with Michael from Connemara? Damn, the last Time i’ve seen her was in School!“
Natuerlich ist das nicht Diedra, aber als Ire ist man hoeflich und jederzeit fuer ein Gespraech offen, also erklärt die Dame vor mir, „No that’s not Diedra, that’s Siobhan, my little Sister. She’s married with a Guy from Dublin and they live near Galway. He’s driving every Morning to Dublin.“
Dieses Schicksal beruehrt Eoin doch sehr, also packt er seine Familienphotos aus und ploetzlich erkennt man, dass man doch irgendwie um 180 Ecken miteinander verwandt ist.
Ich werde langsam ungeduldig und rufe in die vertraute Runde, dass auch andere Leute harte Schicksale hinter sich haben und man kann sich gerne mal auf einen Kaffee treffen, woraufhin die Kundin ihre Sachen eilig zusammenraeumt, waehrend Eoin mir den Todesblick zuwirft, was mir aber herzlich egal ist.
Und ich begebe mich in diese 45 Minuten Wartezeit, waehrend Eoin meine Sachen akribisch scannt, den Code haendisch eingibt, „1,3,6…no just a Second…..1,3,9,6….“ und ich einfach meine Karte in den endlos langsamen Kartenautomat schiebe und es Tage dauert, bis dieser meine Bank erreicht. Etwas was normal Sekunden braucht.

Aber so ist er halt, man muss sich fuer alles Zeit nehmen und nur verrueckte Kontinentaleuropäer, oder Englaender haben davon viel zu wenig. Und das merkt man.
Egal ob an der Kasse, oder im Bus.
Iren koennen sich stundenlang unterhalten und bevor manche Iren den Bus verlassen, da diskutieren sie erstmal endlos mit dem Fahrer ihre Wehwehchen, waehrend man verzweifelt überlegt, wieviel Zeit man bis zum Arbeitsbeginn hat. Damit hat man hier keine Probleme.
Vor allem hat man staendig den Eindruck rund 4 Mio. Iren waeren miteinander verwandt und wuerden sich kennen. Man empfindet nichts dabei waehrend der Fahrt mit dem Fahrer zu sprechen, waehrend dieser mit seiner Frau telephoniert und Einhaendig einen Bus, so gross wie ein Einfamilienhaus, aber nicht so breit, durch die engen Gassen von Cork lenkt.
Waehrend der Fahrt fuchtelt der Fahrgast mit der Hand vor den Augen des Fahrers und zeigt auf ein Haus, dabei wird er ganz aufgeregt, „Da hat James gewohnt, 60 Jahre ist das her, der alte Hurenbock, aber zechen konnte der, unglaublich!“ Dass er nicht auf den Boden spuckt ist grad alles.
Der Mann wohnt seit gefuehlten 100 Jahren, als noch die Englaender in Irland waren, hier und tut so, als wuerde er die Strecke zum ersten Mal fahren. Keine Ahnung ob er das bei jedem Fahrer macht, aber man versteht, warum sich Iren an Kirchen bekreuzigen. Wahrscheinlich nicht aus religioesen Gründen, sondern weil sie insgeheim hoffen den Bus lebend zu verlassen.
Seamus fuehlt sich auch zutiefst gestört, wenn sein Buskumpel anhält, um anderen Menschen die Gelegenheit zu geben fuer 1.70€ in den Genuss dieses Schauspiels zu kommen. Widerwillig weicht Seamus auf die Seite und erzaehlt munter weiter.
Wenn der Bus da haelt, wo unser Seamus zwangslaeufig aussteigen muss, dann geht dieser nicht zielstrebig aus dem Bus, nein, er muss ja noch unbedingt die Geschichte von Rosanne und ihrem Nichtsnutz von grenzdebilen Ehemann erzaehlen. Dabei werden noch Photos getauscht, man verabschiedet sich per Handschlag, so wie das hier üblich ist, schwoert sich ewige Freundschaft und nimmt sich das gegenseitige Versprechen ab, dass man sich zur gleichen Zeit am selben Ort trifft, so als wuerde der Busfahrer aus purer Bosheit beschliessen, „Nein, Morgen fahre ich mal ueber die Grand Parade, dann die Bridge Street, Richtung CUH, dann über UCC von hinten nach Hollyhill.“ Natuerlich faehrt er jeden Tag die gleiche Strecke, aber es koennte ja sein dass. Danach schlurft unser gespraechiger Fahrgast aus dem Bus, schneuzt sich nochmal die Nase und winkt dem abfahrenden Bus hinterher.
Die verlorene Zeit holt unser Busfahrer dann in Eddie Irvine Manier wieder locker raus, so dass man wie immer einigermassen zur Arbeit kommt.

Zeit ist wie gesagt bei uns recht relativ. Man sieht abgehetzte Ausländer, bepackt mit Kisten und Tueten durch die Gassen huschen. Iren sind entspannter und falls sie das Hetzgen haben, dann waren sie entweder lange Zeit im Ausland, oder leiden unter extremen Bluthochdruck.
„Ich bin doch kein Windhund,“ oder „ich bin doch kein Rennpferd.“ sind beliebte Redewendungen, auch „wenn ich’s eilig habe setze ich beim Rennen.“
Natuerlich haben sie, wenn man sie frontal tacklet keine Zeit.

Im Dezember 2010 gab meine Heizung im Badezimmer den Geist auf. Da das Haus von 1895 ist, vermute ich mal dass meine Heizung so um das Jahr 1900 das Licht der Welt erblickte und im Laufe der vielen Jahre treu und brav seinen Dienst verrichtete. Wahrscheinlich in den letzten Jahren, unter der Last des Alters, dieses mit Zipperlein verbunden, aber man kennt ja diese zaehen alten Hunde -Picasso malte auch noch mit 90. 2010 verstarb also meine Heizung und liess unter sich.
Mein Landlord kam voller Panik und wummerte an meine Tür, schlug mich fast durch die Wand, als ich ihm die oeffnete und stuermte in mein Bad, wo er einen Schreckenschrei machte, „For God’s sake, this shit costs me a Fortune!!!!!“ Machte auf dem Absatz kehrt, und stand zwei Sekunden spaeter mit einer Zange im Bad, wo er den Regler mit aller Kraft abdrehte.
Danach stand er kreidebleich vor mir und erklaerte mit todernstem Gesicht, „I’ll fix it tomorrow and replace it. I know a good Plumber, a Cousin of a Friend of mine. I’ll meet him in the Pub next Door.“
Das war also Dezember 2010. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2012 und es sind noch 2 Monate bis Dezember. Das heisst ich feiere dieses Jahr das zweijährige Todesjahr meiner Heizung, moege sie in Frieden ruhen. Sie steht noch bei mir im Bad, denn getan hat sich nichts.
Letztes Jahr habe ich sie lustig dekoriert und mit Klopapierrollen drapiert. Dann habe ich extra fuer sie ein Porter aufgemacht und geleert, „Cheers Old Fellow, Slainte!!!!!“
Fuer dieses Jahr ueberlege ich noch.
Ich muss nicht erwähnen dass ich meinen Landlord in diesen zwei Jahren des Oefteren ueber das Ableben von Beth, so nenne ich meine Heizung mittlerweile ich finde das macht unsere Beziehung persönlicher, informiert habe. Und natuerlich verspricht mein Landlord regelmaessig, wenn es die Zeit erlaubt, diesem Umstand ein Ende zu bereiten.
Ok, es war letztes Jahr nicht so kalt wie der Winter 2010. Das muss man als Argument gelten lassen, aber wir wissen nicht wie es dieses Jahr aussieht. Moeglich dass es auch diesmal wieder der Regen flauschig ist, es kann aber auch sein, dass die Dusche einfriert, wie 2010 und man eine gepflegte Eisschicht nach dem Duschen hat und aussieht wie ein Schlumpf aus den Comicstrips, das weiss nur St. Patrick, aber es waere nett, wenn ich einen jungfraeulichen Heizkoerper im Bad hätte und das sichere Gefuehl, ich kann ihn auch mal aufdrehen. Aber alles braucht halt bei uns seine Zeit und davon haben wir reichlich.
Nur Auslaender haben diese unverstaendlicher Weise nicht.

3 Kommentare zu „Zeit

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  1. Hi W.,

    ich glaube, ich muss mal nach Cork kommen und dann kannst Du in meinem Hotelzimmer mal wieder duschen! Nach zwei Jahren müffelt man doch bestimmt, oder? 🙂

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