Nicht willkommen

Ich habe lange überlegt ob ich über das Thema schreibe, zumal es sich ja um einen Blog über Irland handelt, aber ich denke, als Ausländer hier in Irland und da ich schon öfters über meine privaten Ansichten geschrieben habe, ist es in Ordnung das Thema anzusprechen.

Wenn man im Ausland lebt, dann verliert man trotz allem nicht die Bindung an die, wie es so schön heisst, „Heimatscholle,“ wobei meine Heimatscholle nach über 5 Jahren Irland ist. Man nimmt teil am Geschehen, liest deutsche Meldungen und Zeitungsberichte und schüttelt teilweise den Kopf, oder nickt und zeigt seine Zustimmung.
Zur Zeit bin ich verblüfft über die Artikel zum Thema Flüchtlinge und wie damit umgegangen wird. Ich wundere mich darüber, dass die Zeitungen zwar meinen, sie würden das Thema objektiv behandeln, aber dann, letztenendes, darüber schreiben, wie sich die Flüchtlingen in den Gastländern verhalten. Da liest man von Aufständen in den Lagern zwischen den Bewohnern, oder von Flüchtlingen, die Jagd auf autochthone machen und Mädchen reihenweise vergewaltigen.
Und man hat, fern des ganzen Geschehens, den Eindruck, als wären ganze Gesellschaften aus den Fugen geraten. Hinzu kommen die xenophoben Kommentare, wo die Leute mal so richtig die Maske fallen lassen und ihre Meinung zu den Flüchtlingen kund tun, was mitunter dazu führt, dass man den Worten durchaus auch Taten folgen lässt. Und, das verwundert mich am meisten, wie plötzlich wieder ein Riss durch die Gesellschaft nach über 20 Jahren Wiedervereinigung geht.

Da werden die Leute aus den neuen Bundesländern pauschal als fremdenfeindlich abgestempelt, während man den Eindruck hat, die Leute aus den alten Bundesländern wären pauschal weltoffen und pflegen quasi die offene Gesellschaft. Österreicher und Ungarn werden generell als xenophobe Halbwilde dargestellt, die am liebsten alle Flüchtlinge in Lager stecken würden und erschiessen, einfach so zur Abschreckung.
Es werden auch Zahlen vermittelt, dass man den Eindruck hat, Millionen von Menschen wären auf der Flucht nach Europa und dagegen wäre die Völkerwanderung ein Sonntagsnachmittagsausflug des Wandervereins Vandalen West gewesen, der sich einfach nur verlaufen hat und sich in Nordafrika wiederfand.

Gerade Deutsche und Österreicher sollten sich vor Augen halten, dass allein durch die zwei verlorenen Kriege Millionen von Menschen in diese Länder fliehen mussten und, betrachtet man die Geschichte an sich, es immer Zeiten gab, wo ganze Menschenmassen sich aufgemacht haben, woanders Fuss zu fassen, sei es aus wirtschaftlichen Gründen, oder aus Verfolgung heraus. Amerika, Australien und Neuseeland sind Paradebeispiele für Gesellschaften die sich aus Flüchtlingen zusammen setzten. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass 95% der Einwohner, ihre Wurzeln in Europa haben. Während des grossen Famines hier in Irland zwischen 1845 und 1852 starben etwa 1 Million Iren und etwa 2 Millionen Iren gelang die Auswanderung nach Amerika, Australien, Neuseeland oder nach England und andere Kolonien.
Die Zahlen für den 30 Jährigen Krieg, der gerade Deutschland fest im Würgegriff hatte, da Deutschland als zentrales Land, praktisch das Hauptaufmarschgebiet für den ganzen Mob gewesen ist, sind nicht genau belegt, aber es wird vermutet das die Hälfte der Bevölkerung -die nach Schätzungen 18 Millionen betrug- auf Grund der Folgen starb, durch Ermordung, Verhungern und Seuchen die sich ausbreiteten. Die deutschen Fürsten waren wohl froh und dankbar, dass sich Leute aus fremden Ländern in ihren Ländereien niederliessen.

Die Familie meine Grossmutter väterlicherseits musste aus dem Tiroler Land fliehen, weil der Erzbischof von Salzburg es „zum kotzen“ fand, dass viele Familien in seinem Herrschaftsgebiet vom katholischen zum protestantischen Glauben konvertierten. Anfangs war es ihnen noch gestattet ihren Besitz mitzunehmen, die letzten die vertrieben wurden, trugen nichts weiter als das, was sie am Körper hatten. Sie fanden Aufnahme im damaligen Preussen und der Koenig schickte sie nach Ostpreussen, damit sie das Land urbar machten und eine Grenze gegenüber den Prussen bildeten. Die Vorfahren meines Grossvaters väterlicherseits kamen aus Italien und folgten dem Lockruf der grossen Kirchen, die in den Ländern nach Arbeitskräften suchen. So kam mein Urahn nach Breslau, wo er sich niederliess.
Die Familie meiner Mutter war eigentlich auf dem Weg von Schwaben nach Amerika und blieb in Norddeutschland hängen, sei aus Geldmangel, oder aus Möglichkeiten die sich ergaben.
Ich denke, viele Menschen in Deutschland werden ähnliche Berichte haben, wo der Opa aus Schlesien kommt, aus Ostpreussen, oder aus dem Sudetenland.

Ich kann mich noch daran erinnern, als die CDU 1982 die Wahlen gewann und ein Jahr später verkündete, „die Deutschen sterben aus.“ Es gab Hochrechnungen das im Jahr 2023 die autochthone Bevölkerung um mehr als die Hälfte geschrumpft sei und es notwendig wäre, Leute aus anderen Ländern zu holen. So schickte man den damaligen Staatssekretär Horst Waffenschmidt, den Apostel der Russlanddeutschen, als Emissär mit einem Geldkoffer in die Ostgebiete, damit dieser beim ZK der noch bestehenden Sovietunion nachfragte, ob nicht Interesse daran bestünde, die Russlanddeutschen, die sich unter Katharina der Grossen dort niedergelassen hatten, nicht in’s gelobte Land ziehen zu lassen. Und das ZK war nicht nur bereit, nein war geradezu ueberschwenglich, konnte man das Geld, was man für die Leute bekam, doch gut gebrauchen.
Und ich kann mich noch gut an die Berichterstattung, die aus den Aussiedlerheimen, von den Flughäfen und den Kommunen erinnern, die von den „Russenhorden“ schwadronierte, die in das deutsche Sozialsystem einfallen und dem letzten Rentner seine Rentenmark streitig machen würden. Von den Russengangs war die Rede und ein Bürgermeister machte seinem Unmut im Spiegel Luft, indem er sich darüber beklagte, dass die Russen nicht mal den Umgang mit Mülltonnen kennen würden. Man bezeichnete sie als Luxusaussiedler und Sozialschmarotzer und unterstellte ihnen, sie würden sich eh nicht integrieren können.
Gleiches galt übrigens für die Polen, die in den Siebzigern aus Schlesien kamen und wo man den Begriff fuer sie prägte, „Ja,ja, hat einen deutschen Schäferhund besessen, schon hat er Anrecht hier in Deutschland zu bleiben.“

Die sogenannten Gastarbeiter hatten mit diesem Privileg zu kämpfen, aber man war ja der Meinung, die gehen eh wieder zurück und so mancher türkisch oder italienischstämmige schaute auf diese Leute herab und hatte Angst, dass er seinen Arbeitsplatz verlieren und diese ihnen die sozialen Errungenschaften streitig machen könnte.
Irgendwann flaute die Debatte ab und plötzlich hörte man nichts mehr davon.
Dafuer drehten dann nach der Wiedervereinigung Leute im Osten durch und steckten unter viel Jubel, auch von vielen im Westen, Flüchtlingsheime in Brand und veranlassten die Regierung zu der Aussage, „das Boot ist voll.“ Die Asylgesetze wurden rigoros geändert und alles wurde abgeschoben, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Nun ist es also wieder so weit und in Europa bricht Panik aus, angesichts von geschätzten 607.000 Flüchtlingen, die durch Kriege in ihren Ländern vertrieben wurden und die zu grossen Teilen keine Aufnahme bei ihren Nachbarn finden. Kuwait und die Arabischen Emirate zum Beispiel, nehmen grundsätzlich keine Flüchtlinge auf. Dazu kommen dann die Flüchtlingen aus Nordafrika und dem schwarzafrikanischen Kontinent, in deren Ländern Bürgerkrieg oder ethnische Säuberungen ein Event sind, wie bei uns am Wochenende die Bundesliga.
Viele Nigerianer leben hier bei uns in Irland und wie ich einmal schrieb, es ist ein bösartiges Gerücht, dass sie ausgerechnet wegen der Guiness Brauerei gekommen sind, die in Nigeria die groesste Brauerei unterhält. Sie arbeiten als Taxifahrer, Handwerker oder sind in vielen Büros. Einer meiner Bekannten, Michael, hat hier sein Betriebswirtschaftsstudium beendet und sich auf Marketing spezialisiert, einer meiner ehemaligen Mitbewohner arbeitet für ein Wirtschafspruefungsunternehmen, welches seinen Hauptsitz in England hat.

Vielen Flüchtlingen wird unterstellt, dass sie ja nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa kommen und ja gar keine Flüchtlinge, im humanitären Sinn wären. Ja und, selbst wenn, dann ist es noch lange kein Grund diese Leute wie Vieh zu behandeln. Und wenn ich mir die Reaktionen auf den Kommentar von Frau Reschke anschaue, dann kriege ich das kalte Kotzen. Was bilden sich die Kommentatoren eigentlich ein? Wem nehmen diese Leute die zu uns fliehen denn irgendwas weg? Woher wissen diese grenzdebilen Vollidioten eigentlich, dass es sich bei den Flüchtlingen um Terroristen, Mörder, Vergewaltiger und Wirtschaftsfluechtlinge handelt? „Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ sagte der Maler Max Liebermann einst angesichts der Machtergreifung Adolf Hitlers, mir geht es bei den Kommentaren und Artikeln so, die ich in deutschsprachigen Zeitungen lese.

Nett finde ich vor allem Kommentare, die darüber schwadronieren, dass es jetzt an der Zeit wäre das Land zu verlassen. Man muss sich diese Logik einmal vorstellen, sie regen sich über Flüchtlinge auf, unterstellen diesen Menschen die niedersten Motive und wollen es ihnen, was sie ihnen unterstellen, gleichtun, indem sie sich überlegen in ein anderes Land auszuwandern. Was wollen sie denn, wenn sie nach ihren Motiven gefragt werden, antworten? Dass ein Syrer ihnen den Platz in der U-Bahn weggeschnappt hat? Das sie sich politisch verfolgt fühlen, nur weil sie ihre xenophobe Meinung kund getan haben? Und vor allem, wo wollen sie hin? In das Paradies des Liberalismus, nach Russland? Im Resteuropa werden sie genau das finden, weswegen sie gegangen sind, es gibt überall Flüchtlinge und die Bevölkerung ist nicht weniger fremdenfeindlich als daheim. Selbst viele Iren betrachten uns Ausländer mit Argwohn und mutmassen, dass wir ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, dabei sind wir hier weil die Firmen uns, auf Grund unserer Sprachkenntnisse und Ausbildung brauchen.
In den USA, Canada und allen anderen Ländern brauchen sie ein Arbeitsvisa und, sie müssen erklären warum denn dieses Land ausgerechnet das Land ist, wo sie arbeiten möchten und ich kann mir nicht vorstellen, dass es die Beamten der Ausländerbehörde zu Jubelstürmen veranlasst, wenn sie antworten, sie seien wegen der Flüchtlinge da.

Und, um es ganz klar zu machen; vielleicht sind unter den Flüchtlingen Wirrköpfe und vielleicht sind unter diesen Flüchtlingen auch monetäre Habenichtse die auf Grund der Erzählungen beschlossen haben ihre Grossmutter zu verkaufen, damit sie die Schlepper bezahlen können, das mag man alles nicht ausschliessen, aber zu allererst sind es Menschen die aus der Not heraus die gefährliche Reise unternehmen, die aus der Not heraus, weil sie in den Nachbarländern keine Aufnahme finden, nach Europa kommen. Sie kommen nicht aus Jux und Dollerei zu uns und wüssten wahrscheinlich weit besseres mit ihrer Zeit anzufangen, als sich auf einem Seelenverkäufer ihr innerstes aus dem Leib zu kotzen, nur damit sie hier wie primitive Halbaffen behandelt werden und wieder um ihr Leben trachten müssen, weil ein primitiver Mob Stimmung gegen sie macht und zu Pogromen aufruft.
Und, es sind Menschen, die diesen Braindrain, der zwischen den Gesellschaften stattfindet entgegenwirken können, in dem man ihnen in Europa Chancen gibt, ihr erlerntes Wissen einzubringen. Denn viele qualifizierte finden in ihren Ländern keine Arbeit und sind gezwungen im Ausland zu arbeiten, da beisst die Maus kein Faden ab und das sollte nicht vergessen werden. Wenn man die entstandenen Lücken mit diesen Leuten füllen kann, dann ist das für die Gesellschaften sehr gut und das sollte man sich erstmal vor Augen halten und die Chancen erkennen, die sich daraus ergeben und nicht diesen Pessimismus und Fremdenhass, der ihnen entgegenschlägt.

Nachtrag: Preussen hatte damals sehr viele Flüchtlingen aufgenommen, Hugenotten aus Frankreich, Protestanten aus Tirol und Salzburg, holländische Arbeitskräfte waren am Bau von Potsdam beteiligt und der alte Fritz sagte über sie:
„In meinem Staate kann jeder nach seiner Façon selig werden.“

2 Kommentare zu „Nicht willkommen

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  1. Ich denke, das öffentliche Bild hat sich gewandelt. Seit die lange schweigende Mehrheit den Mund aufmacht, wird hoffentlich auch dem Letzten klar, dass Rechtsradikale und Fremdenhasser hierzulande in der Minderheit sind. Angesichts der Not und der großen Anzahl der Flüchtlinge könnte die Unterbringung und Versorgung ohne die überwältigende Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, die praktisch ein Heer an freiwilligen Helfern stellt, nicht mal ansatzweise bewältigt werden.

    Wie steht es in Irland mit der Mitmenschlichkeit? Wie denkt die Bevölkerung über die Flüchtlingskrise? Werden die Iren ihr Land, ihre Geldbeutel und Herzen öffenen, einer Verteilungs-Quote zustimmen und notleidende Vertriebene und Flüchtlinge aufnehmen?

    1. Hallo Christina,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. In der Tat gehen immer mehr Leute auf die Strasse, oder machen den Mund auf in den Ländern, wie Deutschland, Österreich, Ungarn oder aktuell in Gross Britannien oder Irland. Hier bei uns waren die Leute am Wochenende in Dublin auf der Strasse und unsere Regierung überlegt insgesamt ca. 1800 Flüchtlinge aufzunehmen, nachdem erst von 1600 die Rede war.

      Die irische Bevölkerung steht dem ganzen in der Mehrheit eher positiv gegenüber, die meisten Iren reagieren eher neugierig auf Fremde -ok nicht alle-. Eine Minderheit steht den ganzen Plänen ablehnend gegenüber und es bleibt die Frage, ob die Stimmung mehrheitlich positiv bleibt, oder ob nicht wieder ein Politiker das Thema Fremde -wie damals die Labour Party- zum Anlass nimmt, Stimmen zu gewinnen. Der Pegidaableger hier in Irland wettert zwar, aber die Gruppe ist zu unbedeutend und kann, wenn sie protestieren möchten, kaum Unterstützer auf die Strasse bringen. Man wird also abwarten und solange wir uns hier über Watertax unterhalten, treten die anderen Dinge in den Hintergrund. Ich bin auf jeden Fall gespannt wie es hier umgesetzt wird, ob man, wie England die Flüchtlinge direkt in Syrien abholt, oder vom europäischen Festland aus die Erlaubnis gibt nach Irland zu kommen.

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