Ungarische Rhapsody

Von den Ungarn heisst es, dass sie sehr Heißblütig sind und viel Temperament besitzen. Die Csárdásfürstin des ungarischen Komponisten Emmerich Kálmán gibt einen Einblick über die ungarische Mentalität.

Auf jeden Fall wurde ich Zeuge dieses, sagen wir mal, Operettenhaften Temperaments, als ich während meines Ungarnaufenthaltes mit meiner Frau zum Kundencenter des Stromwerks ging, da sie dort eine Eingabe, bezüglich der Stromrechnung machen wollte. Es ist nämlich etwas ungewöhnlich, dass sie für monatlich für Strom bezahlte, den sie gar nicht nutzt, wie auch in Irland.
Wir sind also dort hin und während wir warten mussten konnten wir den Auftritt des Csárdásfürsten beobachten der seine grosse Szene hatte. Der gute Mann sah aus, als würde er eine Peruecke tragen die aus der Beatnikzeit der Sechziger Jahre den Weg in unsere Zeit geschafft hat. Dazu Anzug Krawatte und sein Mobiltelefon das er für seinen Auftritt als Requisite brauchte. Nervös lief er hin und her wie ein Loewe im Käfig sah auf sein Telefon und führte ein paar Telefonate. Dabei sah er alle Leute im Raum an, in der Hoffnung dass sie mitbekommen, wie wichtig er im Grunde genommen war. Dann schaute er auf sein Display ob er einen Anruf verpasst haben könnte und steckte das Teil wieder in die Tasche seines Jackets, um es kurz danach wieder aus der Tasche zu ziehen und zu schauen, ob er nicht vielleicht doch einen Anruf vom Orbán Vicki bekommen hat. Dann steckte er weder das Telefon ein und machte sich auf den Weg. Dabei achtete er stets, dass er auch von den anderen gesehen wurde. Uns gegenüber sass eine ältere Frau, die eine Brille mit Glasbausteinen trug und wartete geduldig, dass sie an die Reihe kam. Wobei ich dieses System Wartehallenbingo getauft habe. Auf der Wartetafel waren drei Zahlenreihen die für mich, als Aussenstehenden, keinen Sinn machten, denn man sah dass zwischen Hundert und Neunhundert alles dabei war und jeder sofort auf seinen Wartezettel blickte um laut „BINGO!“ zu rufen aeeehh zu schauen, ob er/sie schon an der Reihe ist. Auf jeden Fall war die Frau, die uns gegenüber sass an der Reihe, was unser Csárdásfürst zum Anlass nahm, sofort Richtung Schalter zu laufen, um dann abzubremsen als er merkte, dass er noch nicht an der Reihe war. Er machte auf dem Absatz kehrt und nahm wieder Fahrt auf, um telefonierend und gestikulierend durch den Raum zu laufen.

Die ältere Frau begab sich blinzelnd zum Schalter, räumte mit einer unsicheren Bewegung den Kugelschreiber vom Tisch, versuchte ihn linkisch wieder an seinen Platz zu stecken und fiel, beim Versuch sich hinzusetzen, beinahe mit dem Stuhl um. Dann hatte sie es geschafft und schilderte der Schalterbeamtin ihr Leid. Beim Versuch zu schauen, ob Strom auf der Dose ist, steckte sie den Finger in die Dose und plötzlich gab es ein „Sssst“ und der Strom war weg. Dabei machte sie eine so ausladende Armbewegungen, dass beinahe der Kugelschreiber vom Tisch flog, als auch die Trennscheibe gefährlich anfing zu vibrieren. Die Frau hinter dem Schalter schaute sie mitleidig an und fragte, „der ganze Strom weg?“ „Ja,“ sagte die Frau mit den Glasbausteinen und führte ihren Satz weiter aus. Das sie richtig schwarz war und es dauerte bis sie den Russ vom Gesicht entfernt hatte, was für sie nicht ganz leicht ist, dabei schob sie ihr Brillengestell wieder an den richtigen Platz, schneuzte sich die Nase und folgte den Ausführungen der Schalterbeamtin. Von Zeit zu Zeit warf sie ein ernstgemeintes „Danke“ ein und entschuldigte sich, wie schon am Anfang, vieltausendmal gestoert zu haben mit diesem Problem was einer Erwähnung unwürdig sei. „Nein, nein“ meinte die Frau hinter dem Schalter, es sei sehr wichtig, dass man sich da sofort meldet. „Was hätte da alles passieren können, beispielsweise der Strom im kompletten Raum Budapest hätte ausfallen können und dann….?“ Sie führte den Satz nicht zu Ende sondern liess ihn bedeutungsschwer im Raum stehen. Die Frau mit den Glasbausteinen dankte ihr vieltausendmal und dankte auch uns für unsere Geduld, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, dass man wartet, schliesslich heisst es, „wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Dann war meine Frau an der Reihe und ich konnte mich wieder auf den Csárdásfürsten konzentrieren, der sich mittlerweile auf seinen grossen Auftritt vorbereitete, denn er war an der Reihe. Mit einer ausladenden Geste liess er sich in den Stuhl fallen, kramte seine Habseligkeiten aus der Tasche und breitete diese auf dem Tisch vor sich aus. Er schilderte sein Problem und den Grund seines Besuches, fiel der Beamtin ständig in’s Wort, wenn es ihm nicht gefiel, was sie sagte und schaute sich theatralisch im Raum um. Dann sprang er plötzlich auf und hielt einen Monolog zu einem nichtanwesenden Publikum. Dabei meinte er offensichtlich die Beamtin mit seiner Anrede und liess sich wieder auf den Stuhl fallen. Dieses Verhalten rief den Supervisor auf den Plan. Ein grosser, schwergewichtiger, schwitzender Mann im kurzärmeligen Hemd, der sich extra von seinem Platz, eine Etage tiefer, erheben musste und sich genötigt sah nach oben zu stapfen und sich neben unseren Protagonisten zu platzieren. „Guter Mann, mäßigen Sie sich, wissen Sie eigentlich wo Sie hier sind? Es sind hier auch noch andere Menschen anwesend.“
Der Csárdásfürst schlug sich die Hände vor das Gesicht und redete gestikulieren auf den Supervisor ein. „Wissen Sie eigentlich wer ich bin? Ich habe keine Zeit hier extra her zu kommen und zu diskutieren, nur wegen so einer Kleinigkeit weil mir der Strom abgeschaltet wurde. Mein Gott, eine Millionen Forint seit sechs Monaten, das sind doch Peanuts.“
Der Supervisor blickte auf ihn runter und meinte, „das ist mir egal wer Sie sind, Sie sind ein Kunde und schulden uns Geld, basta! Und wenn Sie hier so weitermachen, dann werfe ich Sie raus und das wird dann Folgen haben.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte wieder davon. Man sah ihm an, dass er sich sichtlich unwohl fühlte, dass er nun extra jedesmal seinen Platz verlassen und einschreiten musste.
Währenddessen hatte ein anderer Protagonist die Bühne betreten und lehnte sich an die Säule links von mir. Mit stoischem Blick schaute er sich um und in seinem Gesicht tauchte ein riesiges Fragezeichen auf warum er überhaupt hier sei.

Mein Csárdásfürst erblickte ihn, stand mitten im Satz der Beamtin auf und lief wild gestikulierend auf ihn zu. „Laszló, na endlich! Wo warst Du denn, Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie man mich hier behandelt,“ dann stockte er und setzte hinzu,“Sag mal, habe ich Dir nicht gesagt, Du sollst sofort hierher kommen? Wo warst Du denn? Noch Deine Mutter besuchen?“
Beide gingen sie zum Schalter zurück und Laszlo erklärte der Beamtin, dass er diesen Mann kenne, für ihn arbeitet, aber keine Ahnung hätte,warum er überhaupt hier sei.
Dies wiederum rief den Supervisor auf den Plan, der sich extra von seinem Kaffee trennen und die Stufen hinaufstapfen musste. „So langsam platzt mir der Kragen,“ sagte er dem Fürsten, „vielleicht rufen Sie noch alle Leute an, die Sie kennen, das dürften dann noch zwei weitere Personen sein.Und Sie,“ er zeigte auf den Bettvorleger,„warten gefälligst da vorne und mischen sich nicht ein!“ „Der gehört zu mir!“ meinte der Fürst, „und bleibt hier, ganz an diesem Platz stehen.“ Dabei zeigte er auf ihn und redete weiter. „Es ist mir ganz egal,“ sagte der Supervisor, „entweder er wartet da vorne und Sie mäßigen sich im Ton, oder Sie fliegen beide raus,“ dabei wie er mit seinem Daumen über seine Schulter um anzuzeigen, wo die Tür ist.

Der Bettvorleger nahm wieder seinen Platz vor der Säule ein und verfiel wieder in Halbschlaf, während der Supervisor Richtung Arbeitsplatz ging und sich ächzend auf seinem Stuhl niederliess. Der Fürst, nun etwas ruhiger, jetzt wo die Claims abgesteckt waren, hörte mit in die Hände gestützten Kopf zu, peinlich darauf bedacht, dass seine Peruecke nicht verrutschte und hörte den restlichen Ausführungen der Frau hinter dem Schalter zu. Dann erhob er sich, raffte sein Zeug zusammen und schob seine Unterlagen in ein mitgebrachtes Sparsackerl.Ich nehme an, er wollte damit zeigen, wie arm er doch im Grunde genommen sei und der mit Fell gefütterte Ledermantel, lediglich ein Versehen, ein Geschenk seines Bettvorlegers sozusagen. Dann nahm er seine Begleitung am Arm und redete theatralisch auf ihn ein, dass dies alles eine Unverschämtheit sei und die schon bald wissen würden, mit wem sie es zu tun hätten. Spätestens wenn er in die Fidesz eintreten und Karriere machen würde. „Der Orbán hat es schliesslich auch geschafft!“ Hörte ich in noch und sah ihn dann, als ich mich umdrehte, durch die Tür rauschen.

In mir reiften nach diesem Erlebnis mehrere Erkenntnisse. Erstens, dass, als ich in Italien gelebt habe, das sprichwörtliche Temperament der Italiener in den Schuhen steckt, sobald sie es mit der Obrigkeit zu tun haben und zweitens, dass es nirgendwo Unterschiede gibt, wenn es um das Auftreten von Arm und Reich geht. Die Frau mit den Glasbausteinen, die wahrscheinlich ein Opfer der ungarischen Regierung ist und möglicherweise die Zähne in die Wand schlägt um überleben zu können, war dermassen verängstigt und überaus Dankbar, als man ihr eine Lösung ihres Problems präsentierte. Und der Fürst, der sich aufführte, als wäre er der Koenig von Ungarn, dachte, er bräuchte nur einen seiner Lakaien einzubestellen und alle auf dem Amt würden sofort einknicken. Allerdings ermöglichte dieses Erlebnis auch einen tiefen Einblick in die ungarische Gesellschaft seitdem Fidesz am Ruder ist und die Regierung Orbán versucht, das Land nach ihrem Gutdünken umzugestalten. Wenn Rentner in der Fußgängerzone betteln müssen weil die Rente nicht reicht, dann ist etwas faul im Staat. Und diese ganzen nationalistischen Reden und Versprechen, sei es von Fidesz oder von Jobbik sind nur Makulatur und Augenwischerei. Das Problem, so wie ich es als Aussenstehender sehe, ist, dass es keine Alternativen gibt. So schlimm Fidesz ist, die Skandale der Opposition in der Vergangenheit haben dieses System mit einem „Pseudoführer“ ermöglicht und es nutzt nichts, wenn man ständig auf die ungarische Regierung einschlägt. So lange die Opposition keine Führungspersönlichkeit auf die Beine stellt und die Ungarn endlich dieses Systems, was für die Ungarn, mit denen ich gesprochen habe, einen Albtraum darstellt, abwaehlen, wird sich nichts ändern. Im Gegenteil es dürfte noch schlimmer werden.

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