Bloggergate auf Irisch

Paul Stenson

Paul Stenson

Den Hotelier Paul Stenson, bzw. das The White Moose Cafe kannte ich bis Dato nicht, erst seit der Berichterstattung in den Medien ist mir Paul Stenson ein Begriff. Auf seinem YouTube Kanal gibt er Tips wie man mit wenig Geld effektives Marketing betreibt und in den sozialen Medien für Gesprächsstoff sorgt. Er dürfte wahrscheinlich einer der Wenigen sein, die ihre eigene Berichterstattung in den Medien genießen, und bei Paddy Power an der Wetttafel stehen. Anfang jeden Jahres werden Wetten angenommen, wie lange es dauert bis Paul sich mit irgendjemanden anlegt. Dieses Jahr zumindest hat es nicht lange gedauert.

Selbstüberschätzung

Elle Darby, 22 Jährige Vloggerin aus Bath in Groß Britannien, wurde in diesem Jahr zum Opfer des genialen Wahnsinnigen aus Dublin. Vielleicht ist Stenson aber auch einfach nur ein Misanthrop, wer weiß. Auf jeden Fall war Miss Darby der Meinung mit ihrem YouTube Kanal einen gewaltigen Einfluss auf die Welt außerhalb des sozialen Netzwerkes zu besitzen und dafür prädestiniert, vom White Moose Cafe einen kostenlosen Hotelaufenthalt gesponsert zu bekommen.

Soweit, so gut. Allerdings nahm das ganze eine völlig andere Wendung, denn Paul Stenson hat nicht einfach die Mail beantwortet, sondern die Mail auf der Facebookseite seines Hotels veröffentlicht und dazu dann auch noch seine Antwort auf die Mail öffentlich gemacht. Nun wird das Ganze ein wenig kompliziert und jeder hat eine andere Darstellung der Geschichte.

Besucher der Seite hätten, findig wie sie sind, den Kanal der Vloggerin ausfindig gemacht und daraufhin einen Shitstorm gegen die Betreiberin gestartet. Eine andere Version ist folgende: Elle Darby hätte die Antwort gesehen und daraufhin ein 17 Minütiges Video gemacht und darin erklärt, wie sehr sie in ihren Gefühlen von den Ü-30 Jährigen gemobbt wurde.

Wie dem auch sei die Geschichte zeigt eines sehr deutlich, nämlich die Selbstüberschätzung mancher Leute. In den Kommentaren fand ich viele die der Meinung waren, dass Paul Stenson keine Ahnung von der „Macht der Blogger“ hätte und allen Ernstes glaubten, dass wenn man negativ über ein Unternehmen berichtet es Einfluß auf die Welt außerhalb der Social Media Blase hat, was natürlich Quatsch ist. Natürlich stehe ich auf Seiten des Hoteliers, nicht weil er Ire ist, sondern weil er in meinen Augen absolut richtig reagiert hat.

Zuerst einmal glaube ich, dass Miss Darby ihre Anfrage im Copy & Past Verfahren nicht nur an Hotels in Dublin, sondern wahrscheinlich auch in England geschickt hat. Jeder der eine gewisse Position inne hat und mit Geschäftsleuten Umgang, der achtet auf die Etikette, egal ob 22 oder 62. Für Miss Darby mag es natürlich ein Geschäft und das Normalste auf der Welt sein einen flapsigen Umgangston zu pflegen. In gewissen Kreisen kann das aber als Beleidigend aufgefasst werden.

Um ein Beispiel zu nennen: Ich arbeite in der IT. Manche Manager laufen in den Firmen rum, als wären sie erst vor kurzem in einer Kleidertonne der Caritas aufgewacht. Sie sitzen Dir beim Interview auch so gegenüber, erwarten aber, dass Du zum Interview einen Anzug trägst. Man mag das Gut, oder Schlecht finden, es gehört aber zum Geschäftsleben dazu.

Recherche, Recherche, Recherche

Normal sollte es eigentlich sein das ich mich über das Unternehmen informiere, oder zumindest rausfinde wer der Ansprechpartner ist und meine Mail nicht mit einem flapsigen „Hallo da draußen“ beginne. Es mag, wie ich schon schrieb, normal für sie sein, aber für andere halt nicht. In der Mail schreibt sie weiter über sich und wieviel Follower sie auf YouTube und Instagram hat und es für das White Moose Cafe doch etwas ganz tolles sei, wenn sie von „Celebrities“ kontaktiert werden, dafür würde sie natürlich positiv über das Unternehmen berichten. Zum Abschluss schreibt sie noch mit einem Unternehmen in Orlando „zusammengearbeitet“ zu haben, welches von ihrem Ruhm profitiert habe. Das Unternehmen um das es hier geht ist das Universal Orlando Resort und es scheint, dass Miss Darby zwar dort übernachtet hat, aber das wohl nicht kostenlos. Ehrlich gesagt kann Universal auch auf solcherart Werbung ganz gut verzichten.

Der Orlando Sentinel berichtet in einer Ausgabe vom 26. Oktober 2016, dass der Umsatz der Theme Parks um 14,2% auf 21,3 Mrd. $ gestiegen ist. Ich denke nicht, dass Elle Darby Universal so wichtig war, dass sie ihr die Übernachtung spendiert haben. Die Follower, die Miss Darby in die Waagschale werfen kann sind Peanuts. Ich finde es also schon mehr als Realitätsfern, wenn man mit Selbstüberschätzung versucht Dienstleistungen für lau zu bekommen.

Zurück aber zu ihrer Mail. Wer den Besitzer, beziehungsweise das The White Moose Cafe und die Charleville Lodge kennt der weiß, dass Paul vor Freude in die Luft springen würde hätte er, so wie dargestellt, ein Luxus Etablissement, hat er aber nicht. Das Hotel ist, laut seiner Angabe, im 3 Sterne Bereich angesiedelt und in dem Preissegment bekommt man dutzende Hotelzimmer in Dublin in zentraler Lage. Phibsborough ist auch nach Aussage vieler Dubliner kein Stadtteil wo man unbedingt hinmuß und die Charleville Lodge schreibt Spaßeshalber

„While the area sometimes resembles a scene from the night of the living dead, you’ve nothing really to worry about as 85% of cafe visitors make it home alive. As long as you don’t make eye contact with the locals you’ll be grand.“

Der nächste Punkt (ich hatte es ja weiter oben erwähnt) ist, dass Paul Stenson in Dublin eine lebende Legende ist und dementsprechend ein Meister des Guerilla-Marketings. Es gelingt ihm immer wieder mit wenig Aufwand ein Maximum an Aufmerksamkeit zu generieren. Sei es über die Homepage, Twitter, Instagram, oder seinen Blog. Er freut sich diebisch wenn die Zeitungen über ihn berichten und er wußte, als er die Mail las, dass das eine Steilvorlage für sein Unternehmen bedeutet.

„Unsurprisingly, there was a huge and immediate reaction to this post. I knew there’d be. I know that the vast majority of people on this planet work very hard for a living and would take issue with a self-entitled, self-proclaimed social media influencer with delusions of grandeur looking to blag a free room for 4 nights. I knew that people would be outraged, on so many levels.“

Hätte sich Elle Darby im Vorfeld informiert, dann hätte sie sich den ganzen Rummel ersparen können. Vielleicht hat sie sich aber auch informiert und dachte Paul sei ein putziger und lustiger Mensch, so denken ja viele über uns. Vielleicht dachte sie sich auch, dass durch die News der Vergangenheit, im White Moose Cafe der Schlüssel zu ihrem Erfolg liegt denn, ganz ehrlich, schaut man sich ihre Videos an, dann rollen sich einem die Fußnägel hoch. Der ganze Kanal ist eine einzige Selbstdarstellung der Person Elle Darby. Auch vor Ratschlägen zu einer Schönheits-OP ist man nicht gefeit. Geht man von den Followern aus, wobei die meisten wohl Minderjährig sind, dann hinterläßt das einen bittern Beigeschmack und stellt den Sinn des Social Media Marketing in Frage.

Social Media Influencer

Ich behaupte jetzt einfach mal das 90-95% der Blogger/VloggerInnen das ganze aus Spaß an der Freude betreiben und nur 5% damit Geld verdienen wollen (nicht müssen). Man schreibt über Käsekuchen, Stricken, Politik, oder wie ich, über das Land in dem man lebt.  Schreiben sehe ich eher als Therapie an die schon vor der Zeit des Blogs, bzw. des Internets statt fand. Wahrscheinlich geht es den anderen ebenso, dass sie den Blog praktisch als Internet Tagebuch verstehen. Früher Poesiealbum, Heute WordPress.

Für Miss Darby und die anderen 5% ist das aber eine Möglichkeit ohne besonderes Talent im Licht einer Öffentlichkeit zu stehen und, wenn man gut ist, von Firmen Aufträge bekommt, damit man seinen Follower Produkte empfiehlt. Früher träumte man davon SchauspielerIn, oder Model zu werden, Heute von einem Werbevertrag mit L’Oreal, natürlich ohne dafür etwas leisten zu müssen. Für Social Media braucht man keine Ausbildung denn es ist eine Bezeichnung die man nicht durch ein Studium, oder eine Lehre bekommt. Social Media Influencer kann sich auch der letzte Depp nennen.

Der Vlogger Matt Jarbo, der sich sehr kritisch über Elle Darby äußerte, erklärte in seinem Video, dass es vor 5 oder 6 Jahren einfacher war. Er sagte aber auch, dass es ihm nie in den Sinn kommen würde Firmen nach kostenlosen Produkten zu fragen. „Firmen,“ so seine Aussage, „kontaktieren die erfolgreichen Blogger/Vlogger und bieten ihnen, als Gegenleistung zu einer guten Bewertung, Produkte umsonst an.“ Er sagte er würde sich sehr genau überlegen, ob das Produkt zu seiner Zielgruppe paßt. Er meinte auch, dass Elle Darby auf Grund der Follower, keine „große Nummer“ sei.

Andere wiederum sprangen in die Bresche und meinten, sie hätten alles Recht dazu kostenlose Produkte zu fordern, schließlich würden sie ja Content zur Verfügung stellen. Naja, wenn man nicht mal weiß wen man anschreibt, dann ist der „kostenlose Content“ eher für die Tonne. Ich glaube nicht, dass sich 16-18 Jährige einen Aufenthalt in einem Luxus Spa, oder ein paar Kopfhörer für 800€ leisten können. Da kommt nämlich die Überlegung zur Zielgruppe in’s Spiel.

Und hier ist ein Problem, oder um es mit Paul Stenson zu sagen: „Sie hätte positiv über uns berichtet, nur weil sie etwas gratis bekommt.» Es ist aber kaum anzunehmen, dass Influencer dadurch Schaden davontragen. Firmen wissen, wie die Reviews ihrer Produkte zustande kommen. Die Einzigen, die sich dessen nicht immer bewusst sein dürften, sind die anvisierten Käufer – die Teenager.“

Das Phänomen des influencing hat es schon immer gegeben. Legionen von Gastro- und Hotelkritikern schwärmten bis in die hintersten Winkel des Globus aus, um dem Leser daheim die tollsten Plätze nahezubringen. Der Baedeker betreibt dieses Marketing schon seit 1832 und Guide Michelin, Gault Millau seit Jahrzehnten. Es gibt Menschen die planten ihre Reise an Hand des Feinschmeckers. Heutzutage haben Portale wie TripAdvisor oder Yelp diese Aufgabe übernommen. Der Unterschied zu Social Marketing, diese Leute bezahlen für ihre Dienstleistung.

Und hier beginnt das nächste Problem, denn wenn Leistungen, bzw. Produkte kostenlos abgegeben werden im Gegenzug für eine positive Rezension, wie soll man als Außenstehender das bewerten? Es steht ja nicht dabei, „Hey, das Produkt is voll leiwand weil ich es kostenlos bekommen habe.“ Besonders Amazon kann da als Beispiel gelten. Viele Selbstverleger kaufen positive Rezensionen, ebenso viele Produktanbieter. Der Gelackmeierte ist dann der, der auf Grund der guten Renzensionen das Produkt/Buch kauft und sich am liebsten in den Hintern beißen könnte vor Wut, dass er so einen „Dreck“ für teuer Geld erworben hat.

Alles auf Anfang

Ich denke, dass viele Leute auf das Thema Elle Darby vs. The White Moose Cafe“ deswegen so emotional reagieren, weil das ganze Dilemma mehr Öffentlichkeit bekommt und eine Diskussion angestoßen hat was „normal“ ist und was nicht. Es ist schon ein dickes Ding wenn Leute, die Irland, bzw. Dublin, nicht einmal Unfallfrei auf dem Globus finden können einem Hotelier eine schlechte Bewertung reindrücken und sich solidarisch mit einer Barbie Puppe erklären, der ihre Follower, bzw. die Umwelt, völlig am Allerwertesten vorbeigehen, denn sie ist sich selbst am Wichtigsten.

Mich regen auch diese Pro-Darby Kommentare von Blogger/VloggerInnen auf, die allen Ernstes glauben sie hätten wahnsinnig viel Einfluss und ein Anrecht darauf Dinge umsonst zu erhalten. Irland ist immer noch in einer Krise. In Dublin leben rund 1000 Obdachlose, teilweise haben sie unverschuldet ihre Häuser verloren. Viele Familien suchen verzweifelt günstigen Wohnraum und da kommt eine verwöhnte Göre und jammert tränenreich im Internet, dass man für seine Dienstleistung gern Geld hätte und nicht die Plattitüde „it was literally awesome.“

 

 

 

 

 

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