Sunderland ‚Til I Die

League One - Sunderland v Scunthorpe United
Identifikation einer Stadt mit ihrem Verein

Sportdokumentationen und Filme über Sport, oder Sportler gibt es viele. Vieles davon erzählt Geschichten, oder die Geschichte eines Sportlers. Dokus über Fussball, besonders über Mannschaften, fokussieren sich auf die großen Mannschaften, wie Barcelona, Manchester, Madrid, oder Turin. Entweder begleiten sie die Stars, oder zeigen auf warum sie so erfolgreich sind, oder wie sie in der Saison XY Meister, Pokal- und Champions League Sieger wurden und zeigt die Stars, die Massen in die Stadien locken, wer will da die Underdogs sehen, oder ist interessiert daran.

„Sunderland ‚Til I die“ macht genau das und den Machern der Dokumentation ist das Bravourstück gelungen einen Verein zu zeigen, der halt nicht in den Topligen ganz oben spielt, sondern der Underdog ist und man kann Netflix nur applaudieren, dass sie das in ihr Programm genommen haben.

Der AFC Sunderland ist, was man gemeinhin als Fahrstuhlmannschaft bezeichnet, steigen sie auf, dann kämpfen sie auch gleich gegen den Abstieg aber, und das macht den Reiz der Serie aus, das Umfeld des AFC identifiziert sich so stark mit dem Verein, dass man Sympathien für die Stadt und für den Verein entwickelt, am Ende war ich drauf und dran Mitglied zu werden. Sunderland, eine Stadt im Nordosten Englands, galt einst als die Hochburg des Schiffsbau und der Kohle Industrie. Dann begann, wie fast überall im

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Supporter

Königreich der Niedergang. Die Vaux Brauerei, 170 Jahre lang einer der größten Arbeitgeber, schloss 2000 seine Tore. Von daher ist es kein Wunder, dass der Verein, diese Stadt nach außen repräsentiert und identifikationsstiftend ist, das heißt sich die Einwohner zu 100% mit dem Verein identifizieren. Wie sagt der Inhaber des Bestattungsinstitut, „wir bieten besondere Arrangements an und der Kunde kann als letzten Wunsch wählen im Jersey, oder in den Farben des AFC Sunderland begraben zu werden,“ auf die Frage, „kann man dann sagen Sunderland ‚Til I Die?“ Kommt die nachdenkliche Antwort, „ja, das könne man so sagen.“

Abstieg und Neuanfang

Die Serie beginnt mit dem Abstieg Sunderlands aus der Premier League und beginnt in einer Kirche. Anhänger des AFC beten gemeinsam mit dem Pfarrer und der Pfarrer bittet um den Segen Gottes für den Verein. Das mag vielleicht ein bisschen kitschig sein, aber als Zuschauer fängt man direkt Sympathien zu entwickeln. Vorgestellt wird der neue Coach, Simon Grayson, der hoffnungsfroh in die neue Saison blickt und über die Ziele des Vereins spricht, man ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es für ihn ein kurzes Engagement bei Sunderland ist. Martin Bain, der auf Grund seiner Zeit bei Maccabi Tel Aviv eine ausgezeichnete Reputation vorweisen kann, spricht über seine Arbeit, den Verein und was es ausmacht, einen Verein zu führen. Man merkt im Laufe der Serie, dass Chief Executive für ihn nicht bloß ein Job ist, sondern eine Herzensangelegenheit. Zu Wort kommen einige Spieler und Mitarbeiter des Vereins und dann natürlich die Fans, die hinter dem AFC stehen und Woche für Woche in’s Stadion pilgern, oder zu Auswärtspielen fahren, egal ob der Verein 5:0 verloren, oder 1:0 gewonnen hat.

Die Leute also, die bei aller Professionalität, die einen modernen Verein ausmacht, diesen im Grunde genommen tragen. Roy Keane warf den heimischen Manchester Fans, nach einem Champions League Spiel, gegen Dynamo Kiew vor, „dass sie sich, im Gegensatz zu den Hardcore Fans (gemeint waren die Kiew Anhänger) während des Spiels mit Drinks und Garnelensandwiches vollstopfen und gar nicht verstehen würden was auf dem Platz vor sich geht.“ Aber und das ist beim AFC nicht anders als bei anderen Vereinen auch, man zählt auf diese, wie ich sie nenne, Champagnerfans“ die gerne in den Logen sitzen und sich hofieren lassen und denen im Grunde genommen ein Verein nur dann etwas bedeutet, wenn er gewinnt, am besten die Meisterschaft. Gut, ich kann verstehen dass ein Verein sie braucht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese dem Verein das Geld in Kasse spülen, außer wenn sie Sponsoren sind, aber egal, zurück zur Serie.

Das erste Vorbereitungsspiel gegen Celtic Glasgow geht mit 0:5 verloren und diese Niederlage wird von den Fans mit Fatalismus hingenommen. Grayson erklärt dass dieses Spiel gar nichts bedeuten würde denn was zählt, das wäre das Ziel am Ende der Saison. Also geht man in die Vorbereitung und trainiert für das nächste Spiel. Nachdem das erste Spiel gegen Derby County mit 1:1 ausgeht, wobei das 1:0 wie der Gewinn der Meisterschaft gefeiert wurde. Es kommen, da man das Spiel gegen Celtic schon abhakt hat, bei den Fans Zweifel auf, ob die Mannschaft die richtige Einstellung zum Verein hat. Bain erklärt im Gespräch was für ihn den idealen Spieler neben Talent und Einsatzwillen auszeichnet und erzählt die Geschichte, als er einen Spieler nach der Sommerpause mit der Frage begrüßte, ob dieser froh sei wieder beim Verein zu sein und trainieren zu können, worauf dieser ihm antwortete, froh sei er nicht, aber da er nun mal einen

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Hardcorefan. Egal was passiert, mein Verein!

gültigen Vertrag habe, müsse er wieder für den Verein da sein. „Wenn der Spieler sich nicht mit dem Verein identifiziert, dann ist er nichts für mich.“ Ein Phänomen dass man häufiger im Fußball erlebt. Es gibt kaum noch Spieler die ihr ganzes Fußballerleben von der Jugend bis zum Abschied bei einem Verein verbringen. Fußball ist, gerade für die Mehrzahl der Spieler, modernes Söldnertum. Sie zeigen auf ihr Vereinswappen und herzen das nach einem Tor, aber man spürt als Fan, sobald ein Verein kommt und ihnen mehr Geld anbietet, dann sind sie weg. Meist sind die Begründungen man müsse sich entfalten, oder man suche den neuen Horizont. Kein Spieler sagt, „ja ich will mehr Kohle und die Fans, sowie der Verein sind mir Scheißegal.“Unknown-3

Später in der Serie, als klar wird dass es mit einem Aufstieg nichts wird, sagt ein Spieler, dessen Leihvertrag ausgelaufen ist und er wieder zu seinem Stammverein zurückkehrt mit Blick auf den Verein und die Anhänger, „im Grunde genommen ist es doch so, wir spielen ein, zwei, oder lass es auch drei Jahre sein, bei einem Verein, dann sind wir weg, aber diese Leute, was haben die? Die müssen ihr ganzes Leben hier sein.“ Man könnte die Worte als Küchenphilosophie bezeichnen, aber eigentlich hat er Recht.

Der Trainer ist Schuld

Bei Vereinen, und das ist bei Madrid nicht anders als bei Sunderland, ist der Trainer derjenige, der die Sündenbockfunktion hat, egal was er macht oder unterläßt. Spielt das Team gut und dominiert den Gegner ist er ein begnadeter Fußballtaktiker, der Cristiano Ronaldo der Außenlinie, der Karpov der Strategie. Verliert das Team dagegen, dann ist der Trainer die größte Pfeife die der Fußball je gesehen hat, völlig egal ob er mit einem Verein regelmäßig die Meisterschaft gewinnt, was zählt ist der Augenblick und der ist für Sunderland alles andere als erfolgreich. Am Anfang steht bei den Fans die Mannschaft im Focus, einzelne Spieler werden aufgezählt und man sieht in ihnen die größten Idioten, wobei ich ganz ehrlich sagen muss, wäre ich der Trainer, ich hätte den Torhütern den Gnadenschuss verpasst. Gut es waren nur Momentaufnahmen, aber diese Momentaufnahmen haben gezeigt was die drei Torhüter für Fliegenfänger sind. Wenn Robbin Ruiter sagt, dass man als Torwart ständig einem Konkurrenzkampf unterliegt und nicht, wie als Feldspieler, auch auf anderen Positionen spielen kann, dann ist das eine Sache, aber wenn ich einen Kullerball nicht festhalte, was immer mal passieren kann, dann ist das eine Andere. Ich kann die Frustration und Wut von Fans und Trainer nachvollziehen und hätte am liebsten solidarisch mit den Fans mitgeweint.

So passiert es am Anfang dass man sich mit dem Trainer solidarisch zeigt und fordert, dass die Mannschaft komplett entlassen werden soll. Dann hört man auch von den Fans, dass den Trainer keine Schuld trifft, „die Mannschaft kann man einfach nicht trainieren! Warum?“ fragt die Stimme aus dem Off, ’na weil die Mannschaft ganz einfach Scheisse ist, wir sind Scheisse, so einfach ist das! Ein Giftbecher, niemand mag die übernehmen. Acht Trainer in zwei Jahren, das ist doch nicht normal, oder finden Sie das normal?“ 

Am Ende allerdings ist es der Trainer der gehen muss, denn die Stimmung kippt gegen Grayson, „Mann, wann haben wir eigentlich das letzte Heimspiel gewonnen, das ist doch Scheisse sowas und daran ist der Trainer Schuld, der stellt die Jungs nicht gut genug ein! Da fehlt völlige Motivation, die schleichen ja teilweise über den Platz! Hast Du Cattermole gesehen? Da ist mein Opa ja schneller mit dem Ball!“ Auf Grayson folgt Chris Coleman und erinnert einen daran, dass Fußball zwar mit Emotionen zu tun hat, aber ein Geschäft ist.

Everything counts in large amounts

Sunderland ‚Til I Die spricht auch die nicht so schöne Seite im Profisport an. Seit ein paar Jahren regiert das große Geld das Fußballgeschäft und viele Milliardäre leisten sich einen Fußballverein. Chelsea, oder Leicester sind Beispiele. Entweder sie stehen mit Leidenschaft hinter dem Verein und geben ihm die Möglichkeit sich mit Topspielern auszustatten, oder sie verwenden den Verein als Abschreibungsobjekt. Es wird in der Serie nicht ganz klar, aber man hat den Eindruck dass Ellis Short genau das gemacht hat.

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Gute alte Zeit als Fußball noch Amateursport war und nicht das große Geld

Ob nun er, oder die Vorbesitzer, Fakt ist, der Verein ist hoch verschuldet. Um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten greift man auf Leihspieler und die eigene Jugend zurück. O-Ton Bain: „394 Mio.£ haben die Besitzer in neue Spieler investiert, dem gegenüber stehen aber Verkäufe von 149 Mio.£, und die meisten Spieler waren absolute Flaschen und Fehlinvestitionen die das Geld nie reingespielt haben.“ Am Ende steht dann der Verkauf des Vereins durch Short der schon vorher beschlossen hatte kein Geld mehr in den Verein zu investieren, meist das Todesurteil für einen Club und eine Zeit, in der es für den Verein besonders bitter war. Was man auch erfährt, das ist die Distanz zwischen Club und Besitzer. Nicht ein einziges mal hat Short mit dem Verein gesprochen, anscheint wußte er gar nicht was vor sich geht, oder es war ihm egal. Selbst nach dem Verkauf war er nicht bereit nach Sunderland zu kommen.

In diesem Moment atmet der Zuschauer auf dass die europäischen Ligen, im Gegensatz zu MLS und anderen Sportvereinen in den USA, keine Franchisebetriebe sind. Der Besitzer kann nicht nach Gutdünken ein Team in eine andere Stadt verkaufen, so wie es in der NFL in der jüngeren Vergangenheit durchaus Usus war. Borussia Dortmund, oder Bayern München werden immer in Dortmund oder München bleiben und nicht aus einer Laune heraus nach Dorsten, oder Ingolstadt verkauft werden. Allerdings, gerade für die Premierleague -das zeigt die Serie wunderbar-, ist es existenziell so schnell wie möglich einen neuen Investor zu finden. Sunderland zeigt was passiert, wenn der Investor den Geldhahn zudreht. Vereine wie Redbull Salzburg, Leipzig, oder New York haben immer das Damoklesschwert über dem Haupt, denn was passiert wenn Redbull plötzlich abspringt? Leipzig hat keine Tradition wie Salzburg, oder Hoffenheim, wo allerdings der Verein weitestgehend autonom agieren kann. Ein Gedanken den auch ich mir gestellt habe, „was wäre wenn.“

Fankultur

Es heißt dass der AFC die treuesten Fans hat, egal wie der Verein spielt, es besuchen regelmäßig 27.635 Zuschauer die Heimspiele des AFC. Man lernt einige Fans kennen, ist teilweise Ziel der Frustrationen…„Mach die Scheiß Kamera aus….mach sie aus, habe ich gesagt!“…. Man wird Zeuge wie sich Chris Coleman beinahe mit einem Fan prügelt als er entlassen wird und sich vor dem Vereinsgebäude von ein paar Fans verabschiedet…“Chris, Chris! Na was sagst Du jetzt dazu?… Das ich die Verantwortung übernehme!… Das Du was? Du Arschloch weißt doch gar nix!…Wie nennst Du mich? Ich bin verheiratet und habe 6 Kinder und Du nennst mich ein Arschloch?…Komm doch her Du wenn Du Dich traust! Ich schlag Dir in die Fresse!“…. Security verhindert dass die Beiden aufeinander losgehen, aber es zeigt sehr schön den Frust auf der einen und die Verzweiflung auf der anderen Seite, wenn man als Trainer alles gegeben hat und am Ende mit leeren Händen dasteht.

Die Verbundenheit des AFC zeigt sich auch, dass Fans und Verein sich regelmäßig in einem Restaurant treffen. Man stelle sich vor der Vorstand und Spieler des FCB würden sich zu Schweinshaxe, Schweinsbraten und Bier treffen, oder Schalke 04 in Charles Bummelzug. Undenkbar, aber in Sunderland pflegt man das und das ist der Spagat zwischen Volksnah und Professionalität. Man ist, trotz allem, füreinander da und man nimmt den Spielern ab, dass ihnen der Club und Menschen nicht egal sind. Ich, für meinen Teil, war sogar drauf und dran eine Mitgliedschaft zu beantragen, so wird der Zuschauer involviert und zum Teil des Ganzen. Abgehalten davon hat mich die Entlassung Bains, für mich der Sympathieträger dem man ansieht, dass Fußball, besser das was er macht, nicht Job, sondern Herzen ist. Er leidet und identifiziert sich mit „seinem Verein“ obwohl es ihm egal sein dürfte ist er doch „nur Angestellter.“

Fazit: Diese Serie war wirklich seit Langem das Beste was ich bisher an Sportdokumentationen gesehen habe. Hier ist nichts gestellt oder geschönt und man nimmt es jedem Akteur ab was er sagt. Seien es die Fans, die Spieler, die Trainer, oder der Geschäftsführer. Man leidet jede Minute mit und freut sich über jeden Erfolg, obwohl das Quatsch sein dürfte sind es doch keine Momentaufnahmen, aber den Machern gelingt es diese vergangenen Episoden wie Momentaufnahmen rüberzubringen und dafür gebührt ihnen ein dickes dickes Lob. Meine Hochachtung. Ich kann diese Serie wirklich jedem empfehlen der interessiert ist an Sportdokumentationen  und einen Netflix Zugang hat, denen auch ein Lob gilt sowas anzubieten. Man muß kein Fan des AFC Sunderland sein, spätestens nach dem Ende sagt man sich „Sunderland ‚Til I Die!!“

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