Dummheit mit Ansage

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Le roi est mort, vive le roi

Als Teresa May ihre Rede vor der 10 Downing Street gehalten hat, da hätte ich beinahe mitgeweint, denn zuletzt hat mir die Frau einfach nur noch leid getan. Im irischen Fernsehen wurden die Debatten zum Brexit live übertragen und man sah eine sichtlich angespannte, gealterte und zutiefst verunsicherte Politikerin, die versuchte eine Mehrheit für ihren Plan, den sie mit der EU ausgehandelt hatte, zu finden. Am Ende ist sie an allen gescheitert. An der Opposition und, was besonders hart ist, an ihren eigenen Leuten. Die Frage, die ich mir die ganze Zeit gestellt habe war, haben diejenigen, die sich so vehement für den Brexit eingesetzt haben, sich eigentlich mit dem EU-Vertragswerk beschäftigt, oder dachten sie, der Austritt sei wie die Kündigung eines Zeitungsabos?

Diese ganze Veranstaltung hatte etwas zutiefst skurriles und brachte Abgeordnete dazu, vor laufenden Kameras die Segel zu streichen. Irgendwann reichte es Teresa May dann auch. May erinnerte mich an einen Vegetarier der einen Chefposten als Direktor eines Schlachthofes annehmen muss, und diesen dann effektiv gestalten. Da sie als überzeugte Europäerin gilt konnte das nur scheitern. Ganze vorne mit dabei war derjenige, der sie nun beerbt hat, Boris Johnson, oder BoJo wie man ihn auch nennt. Seit dem 23. Juli ist Johnson nun Premier und Johnson wäre nicht Johnson, wenn er nicht wieder einen flotten Spruch auf den Lippen gehabt hätte.

Seine Rede die er vor seinem Haus hielt war eine typische Boris Rede, viel Blabla, heiße Luft und wenig Inhalt und mit diesem Pathos ging es weiter in’s Parlament. Er will UK groß machen, das beste Land auf der Welt. Jeder der die Rede verfolgte, erinnerte sich an die Sprüche Trumps und viele werden sich gefragt haben, wann er endlich „make England great again,“ sagt. Mehr Polizei, so ein Versprechen, wird er in Angriff nehmen und, bezüglich des Brexit, wird er, ‚Bottler‘ Boris, wie ihn sein Rivale Jeremy Hunt nannte, Schlitten fahren und Brüssel quasi zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Dabei hat Brüssel schon gegenüber Teresa May klar gemacht das der Deal, den sie mit Barnier ausgehandelt hatte, das Beste ist was sie bekommt. Johnson, so spotten Einige, spiele jetzt den Bösen mit der Pistole in der Hand und glaubt dass die EU ihm gegenüber einknicken wird.

„Bumbling Boris“

Egal wo Johnson auftauchte, zielsicher trat er dabei in jedes Fettnäpfchen das auf dem Weg stand. „Stolpernder Boris“ -Bumpling Boris- so hat man ihn genannt und es ist zweifelhaft, ob er wirklich in der Lage ist irgendetwas positives für die Bevölkerung Großbritanniens zu erreichen. In London schreiben einige Zeitungen dass er eine Politik machen möchte für die Leute, die gedanklich noch im Common Wealth leben, wo sich zwar Kolonien vom Mutterland befreiten, die Queen aber trotzdem noch in den Amtszimmern hing -von einer Rekolonialisierung träumen die ganz Alten-. Das sind auch die Leute die mit großer Mehrheit für den Brexit gestimmt haben. Sie leben im Shire, sind finanziell unabhängig und verabscheuen es zutiefst, dass ihr geliebtes Königreich an ein Gebilde gebunden ist, wo doch England 800 Jahre lang die Welt regierte.

Wahrscheinlich ist das auch die Wählerschicht die bei der letzten Europawahl fast geschlossen zur Brexit-Party schwenkten. Konservativ bis zum Letzten, knüpfen sie nun die Hoffnungen an den „Eton-Schüler,“ einer der Ihren, der auf Grund seiner Herkunft die Sorgen und Nöte der Upperclass bestens kennt. Vielleicht verachtet er sogar den Durchschnittlichen Engländer, wer weiß. Was er allerdings meisterhaft beherrscht ist, dass er einen Spagat nach allen Seiten machen kann, egal was er erreichen will. Dabei nimmt er es dann auch mit der Wahrheit, besser Fakten nicht ganz so genau, und bevorzugt eher „alternative Fakten.“

So verteidigte er sich gegenüber Kritikern, die ihm vorgeworfen hatten, er hätte Zahlen des Amtes für Statistik aus dem Kontext gerissen, dass seine Zahl von £350 Mrd. eigentlich noch zu gering gegriffen sei und entging nur haarscharf einer Klage wegen Falschbehauptung. Als Bürgermeister von London behauptete er bei der Jugendkriminalität, diese sei angeblich zurückgegangen, eigentlich aber hatte sie zugenommen. Und mehr Polizisten würden die Straßen Londons nun sicher machen, tönte er. Dabei war die Anzahl der Beamten nicht gewachsen, sondern geschrumpft.

Das Wolfram Weimar auf N-TV jubelt: „Er wurde im Mulitkulti-London von 2008 bis 2016 zum beliebten Bürgermeister gewählt und wiedergewählt – eine der buntesten, offensten, tolerantesten Metropolen der Welt hat ihn zu ihrer Galionsfigur erkoren,“ zeugt eher von Ignoranz, ebenso sein Satz, „In der latent linken Stadt gewann er so zweimal mühelos Mehrheiten, weil er – ganz entgegen der derzeit verbreiteten Klischees – Toleranz leben kann.“ Man möchte fragen, „so, kann er das?“ Wer muslimische Frauen, die Niqab tragen, als Briefkästen bezeichnet, oder Schwarze als Picaninnies, der kann alles aber nicht Toleranz und beliebt in London war er nicht, oder wie man dort sagte, „Johnson war ein Idiot, aber Lustig.“ Schaut man sich nämlich die Bilanz an, so war sein Regentschaft alles andere als ein Erfolg.

König von London

2008 stellte er sich zur Bürgermeisterwahl in London. Nun stimmt es zwar, dass London traditionell eher Links, oder Linksliberal ist, das hat allerdings damit zu tun, dass die Hauptstadt Großbritanniens ein melting pot ist. Es gibt dort reiche Einwohner und sehr reiche Einwohner, es gibt die Middle Class und es gibt die Underdogs, dazu gibt es viele Zuwanderer aus dem Commonwealth. Hinzu kommt, das London Zeitlos ist. Kunst und Mode verbindet man auch und gerade mit London, das heißt, London zog über Jahrzehnte stets die Avantgarde an, und diese Leute denken eher Liberal, beziehungsweise Linksliberal. Und denkt man an London, dann denkt man auch an Minirock und Punk. Auch wenn die meisten ersten Punk-Rock-Bands aus New York kamen – zu einer echten Bewegung wurde der Punk in London. Was bei den New Yorker Punk-Rock-Bands künstlerisches Programm war, verband sich in Großbritannien mit dem eher diffusen, meist noch apolitischen Groll, den viele Jugendliche gegenüber sämtlichen Institutionen empfanden, und wurde so zu einer breiten subkulturellen Strömung. Zu den Ursachen für die Frustration englischer Jugendlicher bezüglich der sie umgebenden Regeln gehörte der mangelnde Halt durch die Schulen und mangelnde Aussichten im Berufsleben, bedingt durch die Wirtschaftskrise und das steife englische Klassensystem, schreibt Wikipedia.

Diese Mischung ist es, die jemanden wie Ken Livingstone zum Bürgermeister machte und Livingstone verlor ja nicht gegen Johnson weil er weniger beliebt gewesen wäre, im Gegenteil. Trotz aller Prognosen dass Red Ken ein trotzkistisches Refugium errichten würde waren seine Maßnahmen zu großen Teilen von Erfolg geprägt -Johnson erntete die Früchte von Livingstones Vorarbeit-. Livingstone verlor auch nicht weil er, ebenso wie Johnson, so exzentrisch ist -eine Eigenschaft mit der man die Engländer assoziiert-, er verlor, weil er Dinge tat, die man normalerweise nicht macht. So empfing er im Januar 2005 Yussuf al-Qaradāwī, einen islamistischen Kleriker, der Selbstmordattentate durchaus als Legitim erachtet. Es nutzte Livingstone nicht, dass er kurz nach den Terroranschlägen vom 7. Juli 2005 eine Kampagne startete in dem er den Multikulturellen Zusammenhalt der Londoner beschwor.

Außerdem nahm man ihm sein Verhältnis zu Hugo Chávez übel. Der Besuch Chávez‘ in London verursachte heftige Kritik, besonders aus konservativen Kreisen. Der Gegenbesuch, der £29.000 kostete, löste eine Debatte in den britischen Medien aus. Als er dann mit Venezuela die Lieferung von günstigerem Öl abschloss, um die Verkehrsbetriebe zu versorgen, kam es zum Bruch. Die konservativen Abgeordneten der London Assembly kritisierten dieses Vorgehen und meinten, die dafür notwendigen Gelder sollen besser dazu verwendet werden, den Armen Venezuelas direkt zu helfen. Als dann auch noch das Gerücht aufkam, dass sein enger Vertrauter Lee Jaspers als Chef der Stadtentwicklungsbehörde 2,5 Millionen Pfund unterschlagen haben soll, da war die Grenze erreicht, auch wenn eine unabhängige Kommission 2009 feststellte, dass an den Gerüchten nichts dran sei, half das Livingstone nicht.

Livingstone ist als notorischer Antisemit bekannt und in der jüdischen Londoner Community betrachtete man ihn mit einer gewissen Abscheu. Aber selbst sein Vergleich des Journalisten Oliver Finegold mit einem KZ-Wärter, womit Livingstone auf Feingolds Arbeitgeber, den Evening Standard, anspielte. Deren Blatt, der Daily Mail, war dafür bekannt, in den dreißiger Jahren eine gewisse Sympathie für den Faschisten Oswald Mosley gezeigt zu haben, hatten auf seine Beliebtheit keinen Einfluss. Vor allem war seine Suspendierung als Bürgermeister, nachdem sich mehrere Organisationen über ihn beschwert hatten, nur von kurzer Dauer. Er erklärte und bestand gegenüber dem London Assembly darauf, dass er in Wortwahl und Inhalt richtig gehandelt habe.

Für Johnson war es also ein Leichtes, zwar nicht König der Welt aber Bürgermeister zu werden. Und mit den Lorbeeren aus der Vorarbeit seines Kontrahenten konnte er gut glänzen und Erfolge vorweisen. Diese relativieren sich allerdings wenn man sich die Gesamtbilanz anschaut. 940 Millionen Pfund kosteten den englischen Steuerzahler Johnsons Wolkenschlösser. „Misserfolge überging er dagegen einfach. Als der Labour-Politiker Sadiq Khan im Mai dieses Jahres den Posten des Bürgermeisters von Johnson übernahm, entdeckte er im Rathaus einen Bericht über Londons miserable Luftqualität, von der vor allem Menschen in ärmeren Stadtteilen betroffen sind. Er stammte aus dem Jahr 2013. Johnson hatte ihn in der Schublade verschwinden lassen,“ schreibt Sascha Zastiral in der Zeit und weiter: „Detailfragen interessierten ihn nicht, er kümmerte sich um das Grobe. Für die Feinheiten mussten seine Mitarbeiter sorgen. Johnson trat weiter regelmäßig in Fernsehshows auf und schrieb weiter seine wöchentlichen Kolumnen für den Daily Telegraph, mit denen er 2005 begonnen hat – und für die er 250.000 Pfund im Jahr bekommt. Als er bei einem Interview mit der BBC darauf angesprochen wurde, bezeichnete Johnson die Summe als „Kleingeld“. Der nächste Skandal: Es war 2009 und Großbritannien steckte in einer tiefen Rezession.“

Verbrannte Erde

Es ist kein Wunder dass viele Menschen in England ihn mit Misstrauen betrachten. Schaut man sich sein Kabinett an und weiß, dass Jakob Rees-Mogg der reichste Abgeordnete im britischen Parlament ist (und vehementer Brexiteer), dann kommt einem schon die Frage in den Sinn, ob der Brexit das Ergebnis eines Spiels gelangweilter englischer Adeliger war. Rees-Mogg ist Multimillionär, ihn kümmert es wenig ob England nun in der EU ist, oder nicht.

Und schaut man sich den Weg von Boris Johnson an, dann wird man das Gefühl nicht los, dass er, um an die Macht zu gelangen, eine Landfläche in der Größe Luxemburgs als verbrannte Erde hinterlassen hat.

Fakten interessieren ihn nicht, Details geht er aus dem Weg und, wenn es zu Diskussionen kommt, dann geraten seine Politikberater regelmäßig in Panik und der Umsatz an Blutdrucksenkenden Mitteln steigt. Das konnte man sehen als er auf dem Parteitag der Tories den Brexit verteidigte in dem er einen eingeschweißten Fisch mit den Worten in die Höhe hielt, „Nach Jahrzehnten, in denen die Fische so transportiert wurden, erhöhen nun Brüsseler Bürokraten die Kosten, indem sie die Verwendung von Kühlkissen vorschreiben.“

Nun ist das eine reine englische Verordnung und die Isle of Man, wo der Fisch herkam, ist kein Teil der EU, aber Details sind halt nicht so wichtig. Prompt meldete sich Brüssel denn auch zu Wort: „Der Fall, den Herr Johnson beschreibt, fällt ausschließlich unter die nationale Kompetenz des Vereinigten Königreichs“, sagte eine eigens angereiste Sprecherin der EU-Kommission bei einer Pressekonferenz in London. Zwar gebe es tatsächlich umfangreiche europäische Vorschriften zum Transport von unverarbeitetem Fisch. Der Verkauf von verarbeitetem Fisch unterliege diesen Regeln aber nicht, so die Sprecherin weiter. Das gelte auch für die Kühlkissen, die Johnson erwähnte, betonte sie, und verwies darauf, dass für die Regelung das Vereinigte Königreich selbst verantwortlich sei.“

Ian Blackford, Abgeordneter und Fraktionschef der Scottish National Party, bezeichnete Boris Johnson als letzten Premierminister des Vereinigten Königreiches. 2016 hatten Schottland und Nordirland mehrheitlich für einen Verbleib in der EU gestimmt. Vergrätzt sind die Schotten auch über die Tatsache, dass sie im Unterhaus so gut wie keine Rolle spielen. Schottische Interessen würden nicht berücksichtigt, sagte Blackford vor ein paar Monaten während einer Debatte und traf damit einen wunden Punkt in der schottischen Seele. Wenn Johnson sagt, dass die Briten mit überwältigender Mehrheit 2016 für den Brexit gestimmt hätten, dann war er anscheinend auf einem anderen Planeten.

In der Tat könnte der Brexit dazu führen, dass das Vereinigte Königreich bald Geschichte sein dürfte, außer Johnson entwickelt sich zum Supermann und bringt einen Brexit durch, der die Insel zusammenhält, danach sieht es aber nicht aus. 2014 stimmten die Schotten in einem Referendum gegen die Unabhängigkeit, einfach deswegen, weil schottische Farmer die Vorzüge, die die EU bietet nicht verlieren wollten und Sorge hatten, im Falle einer Unabhängigkeit müsse man neue Anträge stellen. Da die EU nun aber Zusicherungen macht, würde ein neues Referendum den Nationalisten in die Hände spielen.

Und auch in Nordirland ist noch die Erinnerung an die Zeit lebendig, als IRA und UDA das Land in Atem hielten, und Beide scharren nun mit den Füßen, wobei viele Protestanten mittlerweile in der EU bleiben wollen und auch für einen Anschluss an die Republik Irland wären. Wie schrieben irische Zeitungen über die Nibelungentreue zu Teresa May und jetzt zu Johnson, „die DUP schafft das, was Sinn Féin und IRA nicht erreichen konnten, nämlich die Wiedervereinigung des Nordens mit dem Süden.“ In einem Kommentar auf RTÉ schrieb jemand, dass es in England ein offenes Geheimnis sei und auch öfter angesprochen wurde, dass Irland ein Dorn im Fleisch der Engländer ist und diese den Iren nie verziehen haben, dass sie sich die Unabhängigkeit erkämpft hatten. Also, so seine Schlussfolgerung, werde man Artikel 50, der die Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland obsolet machen soll, nie zustimmen.

Genau das ist unsere Sorge und die unserer Politiker, auch wenn jemand in Dublin sagt, Johnson werde schon einen vernünftigen Kompromiss finden. Alles, wirklich alles, was die EU (Michel Barnier) und London ausgehandelt haben, inklusive Backstop, wurde vom Parlament abgelehnt. Warum sollte Johnson da Erfolg haben, wo May gescheitert ist, oder will er wirklich, wie viele Korrespondenten vermuten, mit Hilfe der Brexiteers, mit einem No-Deal Brexit aussteigen. Das würde das Ende des UK bedeuten und England an den Rand einer Katastrophe führen. Aber ich denke das wird Boris Johnson nicht interessieren und wenn alles am Boden liegt, dann wird er sich das Chaos relativierend Schönreden und zum nächsten Abenteuer eilen. Wie sang André Heller: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Johnson erinnert mich an die Erzählung von Rudyard Kipling, „der Mann der König sein wollte,“ Nun hat Johnson keine 20 Gewehre, ist nicht verkleidet, und gibt sich auch nicht als Muslim aus, trotzdem will er um jeden Preis herrschen.

Im 1949 erschienen Film „The Guinea Pig“ sagt einer der Schauspieler (Nigel Lorraine), „Britain today is a powerhouse of ideas, experiments, imagination“. In gewisser Weise stimmt das, man hat die Idee und die Vorstellung ein Land gegen die Wand zu fahren und experimentiert wie das Bestmöglich gelingt.

Warten wir die 99 Tage ab was passiert.

Feindbild E-Mobilität

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Sion, Sono Motors

Ich habe es schon mal geschrieben, ich bin ein Anhänger der E-Mobilität und freue mich natürlich wenn ich lese, dass wir hier in Irland immer mehr Menschen haben, die vom Verbrenner auf die E-Mobilität umsteigen. Auch wenn die Irish Times fragt, ob denn genügend Ladepunkte vorhanden sind, so muss man unserer Regierung bescheinigen, dass man, bevor man die E-Mobilität forcierte, sich um die Ladeinfrastruktur gekümmert hat. Gut, es ist auf jeden Fall ausbaufähig, keine Frage, aber wenn ich bedenke das gegenüber meines ersten Apartments eine Ladestation stand, dann zeigt es, dass man das Ganze sehr ernst nahm.

Allerdings habe ich, was Deutschland betrifft, immer noch den Eindruck, als wolle man mit allen Mitteln verhindern, dass der Anteil an E-Autos einen größeren Anteil am Verkehr einnimmt. Gut, die Redakteure der Daily Mail sind offensichtlich entschiedene Gegner der E-Mobilität und versuchen, so wie es in der englischen Berichterstattung üblich ist, ihre Leser mit Horrorstories von den E-Autos abzubringen. Aber auch die Deutschen sind offensichtlich immer noch nicht weiter und ich kann nicht umhin zu sagen, die Dummheit und Verve mit der manche Kommentatoren und Redakteure ihre Ahnungslosigkeit zeigen, zeigt wie wenig sich die Leute damit auseinandergesetzt haben.

Wasserstoff ist die Zukunft

Ich gestehe, vor 10 Jahren habe ich den menschengemachten Klimawandel auch in das Reich der Legende verwiesen, aber, und das ist das Gute am Internet, wenn man wirklich an etwas interessiert ist dann findet man alle Informationen die man sucht. Und, ich weiß das ist so, die Klimaforscher haben die besseren und plausibleren Argumente. Hinzu kommt, dass diejenigen die sich abwertend, oder skeptisch, zum Klimawandel äußern, meist über keinerlei wissenschaftliche Ausbildung verfügen. Nehmen wir das „Klimainstitut“ EIKE, dessen Präsident, Holger Thuß, hat eigentlich einen Doktor in Geschichte. Aber da sich jeder, der eine Wetterstation an der Wand hängen hat, als Klimaexperte bezeichnen kann, lädt das Institut, das eigentlich kein Institut ist sondern ein Club aus Rentnern mit Langeweile, regelmäßig zum Schwoof ein und referiert, mit freundlicher Unterstützung amerikanischer Lobbygruppen die glauben, man kann einen Klimawandel mit Geld beseitigen. Da bleibt es nicht aus, auch die AfD greift fleißig auf die Ergüsse dieser „Experten“ zurück.

Mein Liebling, Guido Reil -ein Bekannter aus Deutschland machte mich auf ihn aufmerksam-, ist zwar dumm wie ein Bagger, aber da er offenbar die Testperson von Dunning und Kruger war, zelebriert er seine Ahnungslosigkeit –„In Grönland war es vor 800 Jahren warm. Entschuldigung ich bin Bergmann, ich kann Ihnen was

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Toyota Mirai Quelle: Wikipedia

über Kohle erzählen“-. Zum Glück liess er die Ruhrpottgrammatik daheim und sagte nicht, „ich kann Sie watt zu die Kohle erzählen,“ und ich fragte mich, ob er auch einen Bergmannsschlüpfer an hat, vorne Kupfer, hinten Kohle. Jemand wie Reil sitzt dann im Europaparlament und bestätigt die Worte Kurt Schumachers: „Wenn wir irgend etwas beim Rechtspopulismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, daß ihm zum erstenmal in der Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.“ Nun richtete Schumacher die Rede nicht an die AfD, sondern an Goebbels, aber wenn man sich die AfD anschaut, dann wundert einen gar nichts mehr.

Auf jeden Fall hatte ich eine Diskussion auf der Facebookseite der Achse des Guten, die regelmäßig ihre Ahnungslosigkeit in Sachen E-Mobilität publik macht und mit einem

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Hyundai Nexo Quelle: Wikipedia

Beitrag zu den Gefahren der E-Autos bewies. Ein Leser schrieb daraufhin, dass die Linksgrüne Lobby den deutschen Wutbürger, äääh Autofahrer enteignen will und dieser gezwungen wird für teuer Geld ein E-Auto zu kaufen, dabei, das sei doch bekannt, sei das Wasserstoffauto viel besser und man solle gefälligst darauf warten. Nun, niemand bestreitet die Effizienz eines Wasserstoffautos, sowie die Umweltverträglichkeit, nur sollte man sich, wenn man schon Links herbeizieht, diese auch lesen. Sein Link bestand aus einem Artikel in dem der Redakteur darüber schrieb, warum Wasserstoff derzeit wenig Sinn macht. Zum einen sind die Umweltbelastungen höher. So schreibt das Handelsblatt:

„Denn eine wichtige Hürde bei der Markteinführung ist das teure Platin: In jeder Brennstoffzelle stecken gut 60 Gramm des teuren Edelmetalls. Das entspricht circa 3000 Euro pro Zelle. „Die größte Herausforderung ist es, ein Substitut für das teure Platin zu finden“, so Experte Bratzel. Daimler forscht gerade daran, den Platinanteil in den Zellen zu senken. Das ist auch nötig, denn würden alle Autos und Lkw mit Brennstoffzellen heutiger Bauart ausgerüstet, wären sämtliche Platinressourcen, die noch im Boden schlummern, mit einem Mal aufgebraucht.

Nicht nur Autoexperten, auch Umweltverbände sehen die Einführung des Wasserstoffautos skeptisch. „Es wird so getan, als lösten Wasserstoffautos das Klimaproblem. Das ist aber nicht so“, sagt Wolfgang Lohbeck von Greenpeace. Vielmehr sei der Wasserstoff „ein Placebo für die Umwelt“, da die Energie um den Wasserstoff zu erzeugen unverhältnismäßig groß sei.

Zumeist wird Wasserstoff aus Erdgas gewonnen: Bei hoher Temperatur und hohem Druck wird in einem speziellen Verfahren Wasserstoff, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid aufgespalten. Dem Klima sei so nicht geholfen, so Lohbeck. Denn das CO2, das bei der Verbrennung des Wasserstoffs eingespart werde, entstehe dabei bei der Herstellung des Wasserstoffs.“

Und viel hat sich seitdem leider nicht geändert, auch wenn die Asiaten weiter am Ball bleiben. Das günstigste Wasserstoffauto, der Hyundai Nexo, kostet laut Hersteller in Deutschland ab 69.000€. Ein Toyota lag zu Beginn bei 98.000€ und ist jetzt ab 78.000 zu haben. Hinzu kommt, so schrieb der Spiegel vor wenigen Tagen: „Bisher sind es 71 bundesweit (Tankstellen für Wasserstoff), bis zum Jahresende sollen es 100 sein – zu wenig, um Deutschland flächendeckend zu versorgen. Zum Vergleich: Die Zahl der öffentlichen Ladepunkte für Batterie-Elektroautos lag nach Angaben des Energieverbands BDEW zuletzt bei rund 17.400. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von privaten Ladestationen – Batterieautos lassen sich zu Hause betanken, Wasserstoffautos nicht.“

Da wir allerdings jetzt Alternativen brauchen, auch wenn E-Mobilisten erklären, dass der Elektroantrieb eigentlich immer noch am Anfang steht, mag es zwar eine gute Idee sein, wenn man die Forschung weiter betreibt, aber im Moment ist es völlig an der Realität vorbei wenn man man an seinem Diesel festhält und auf das Einhorn wartet.

Das Ende der Atacamawüste

Die Öffentlich-rechtlichen Sender werden seit einigen Jahren generell von deutschen

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Salzsee Atacamawüste Quelle: Wikipedia

Wuthamstern als Lügenpresse bezeichnet. Selbst wenn der Wetterbericht zutrifft, dann regen sich die deutschen Michel darüber auf, dass es 2 Grad zu warm, oder zu kalt ist. Von daher sollte man doch eigentlich, wenn man schon einen Faktencheck einrichtet wie die ARD, in der Lage sein, vernünftig seine Beiträge zu recherchieren. Am 4. Juni strahlte die ARD (WDR) einen Beitrag aus, mit dem Thema „Kann das Elektroauto die Umwelt retten“, wobei der ursprüngliche Titel auf YouTube lautete, „die Lüge vom Elektroauto,“ ich kann mich zwar nicht genau daran erinnern, aber einige E-Blogger, die sich mit dem Beitrag beschäftigten schrieben das.

Mir wurde er mir auf YouTube angeboten und ich dachte, „nanu? Das E-Auto der Klimakiller Nr. 1?“ Was ich da sehen konnte war an Ressentiments, Verdrehungen und Lobbyismus kaum zu übertreffen und teilweise hatte ich den Eindruck, Vertreter der Ölindustrie, sowie die „Experten“ von EIKE hätten beratend zur Seite gestanden.

Die Atacamawüste war schon mal das Thema des Herrn Prof. Lesch und des ZDF und schon damals kam ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus als ich mir die hahnebüchenen Argumente durchschaute. Es wunderte mich nicht wirklich, dass ausgerechnet Klimaskeptiker, die Gruppe „Freie Fahrt für freie Lanzbulldogbesitzer“(ab Minute 3.21), die „Stickstoffschnüffler Stuttgart,“ sowie die „Petrolheads Paderborn“ das Video mit Harald Lesch teilen mussten, spricht er ihnen doch aus dem Herzen. Anscheinend wollte der WDR da nicht zurückstehen und dachte, „da geht noch was,“ also

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Guido Reil „Klimaexperte,“ Bergmann und für die AfD im Europaparlament Quelle: Wikipedia

setzte man sich mit Sack und Pack in’s Flugzeug, weil das Klima ja egal ist, wenn es darum geht irgendeine Sauerei aufzudecken und düste nach Südamerika, genauer nach Argentinien. Dort angekommen zeigte man ein paar Leute, Landwirte, die dort ihre Lamas hielten und auf das Wasser angewiesen sind. Nun ist es immer blöd und setzt einen in Erklärungsnot den Nutzen der E-Autos zu erklären, wenn Leute in die Öffentlichkeit kommen und in die Kamera sagen, „nur weil Ihr Deutschen ein sauberes Klima wollt, werden wir vergiftet und müssen verdursten!“ Bämm, das sitzt, denn wie will man das begründen, wenn ein paar findige Köpfe genau denselben Kniff verwenden wie Populisten, nämlich vereinfachen und weglassen.

Fehlen durfte auch nicht jemand von Brot für die Welt, die von den erhabenen Flamingos sprach die nun, wegen den E-Auto Spinnern, dort verjagt werden. Nun liegt mir Whataboutism fern, allerdings sei die Frage gestattet, wie man auf der einen Seite Klimaskeptikern kritisch begegnet, auf der anderen Seite aber das Flugzeug nutzt, um nach Argentinien zu kommen, denn laut Brot für die Welt war man öfters vor Ort und offensichtlich nicht in der Lage, oder nicht Willens -vielleicht hat man diesen Hinterhältigen Indios aber auch nicht vertraut- eine Skypeverbindung aufzubauen und sich über die Lage vor Ort informieren zu lassen. Und die gelieferten Argumente liefern geradezu eine Steilvorlage gegen die E-Mobilität.

Vergessen wurde nämlich folgendes: Nicht nur in Argentinien, auch in Leschs Thema, Chile, wurde der Hinweis vergessen, dass der Abbau des Lithiums, einem Abfallprodukt der Salzgewinnung, nicht erst sei Anfang des Jahres stattfindet, sondern bereits in den Neunziger Jahren begann, denn Lithium wird nicht nur in den Akkus der E-Autos verwendet, sondern auch in Akkus für Computer, Smartphones und Herzschrittmacher, dann in Glas und Keramik, Schmiermittel, Strangguss, Kunststoff, Aluminium und Klimaanlagen. Die Akkus für E-Fahrzeuge, dazu gehören alle Fahrzeuge mit Batterie (auch Elektroboote, Elektroroller, E-Bikes und Motorräder), machen einen Teil der 35% Batterien und Akkumulatoren aus. Das zu erwähnen hätte den ganzen Bericht wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lassen.

Weiter kommt dass die Leute das Land nicht besitzen, sondern sich darauf berufen schon immer da gelebt zu haben. Das Land gehört dem Staat und es ist nicht ersichtlich, wurde auch gar nicht hinterfragt, ob die argentinische Regierung ihnen einen Ausgleich angeboten hat, was sie eigentlich schon in den Neunzigern hätte machen müssen. An Hand von Leschs Aussagen zu Chile hat sich die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie die Mühe gemacht für Klarheit zu sorgen, sie schreiben: „Danach sind derzeit die weltgrößten Förderländer Australien, Chile, Argentinien und China. Künftig wird auch Bolivien dazu kommen, wo die größten Reserven lagern, und wo die Regierung gerade mit Deutschland einen Vertrag zwecks einer gemeinsamen Gewinnung/Verarbeitung des Lithiums geschlossen hat. Denn die deutsche Autoindustrie bezieht bisher kein reines Lithium für ihre Akkus aus dem Ausland – und auch nicht aus Chile – sondern nur Zellen bzw. ganze Akkus.“ Weiter schreiben sie: „Nach Berechnungen aus dem Jahr 1996 nimmt das Gebiet durch ober- und unterirdische Zuflüsse sowie Regen jährlich 172 Millionen Kubikmeter Wasser auf. Andererseits werden 27 Millionen Kubikmeter Wasser für die Landwirtschaft entnommen, und sogar 145 Millionen Kubikmeter verdunsten jährlich, wobei darin das Wasser der Kaliumchlorid-/Lithiumchlorid-Förderung enthalten sein dürfte. Ob durch die Förderung der Grundwasserspiegel für die wenigen dort lebenden Menschen sinkt, wird zwar bisweilen behauptet, ist aber nicht eindeutig. Denn die von Lesch so dramatisch aufgeführten 21 Millionen Liter Wasser täglich sind auch „nur“ 21.000 Kubikmeter pro Tag und rund 7,7 Millionen Kubikmeter pro Jahr, also eine relativ geringe Menge im Wasserhaushalt des Salzsees.“ (Das gilt für Chile) für Argentinien wurden gar keine Zahlen angegeben, nur dass jährlich etwa 10 Mrd Liter Wasser abgepumpt werden. Zahlen habe ich, ich gestehe es, keine gefunden, vielleicht hat ja jemand weitergehende Informationen. Nun listet Brot für die Welt auch die anderen Produkte auf bei denen Lithium verwendet wird, da das aber dem Konzept widersprechen würde wurde das in der Dokumentation einfach weggelassen, es geht um den Klimakiller, Fakten verwirren da nur.

Da Nachhaltigkeit alles ist und Recherche hinderlich, setzt man den deutschen Autobauern in Interviews die Pistole auf die Brust und will von ihnen wissen, ob diese denn ihre Lieferanten dazu verpflichten, auf einen ökologisch unbedenklichen Abbau zu setzen. Allen diese Frage zeigt, wie Ahnungslos die Macher an das Thema herangegangen sind, denn die Autobauer beziehen kein Lithium, sie kaufen fertige Akkus. Und auch wurde die Frage nicht erörtert, wo denn das Lithium überhaupt herkommt, ja, auch aus Chile, bzw. Argentinien, aber nicht nur. „Denn die deutsche Autoindustrie bezieht bisher kein reines Lithium für ihre Akkus aus dem Ausland – und auch nicht aus Chile –, sondern nur Zellen bzw. ganze Akkus von Herstellern wie CATL/China, Panasonic/Japan, Samsung und LG/Korea. Das Fehlen einer eigenen Zellfertigung in Europa ist Thema in allen Medien. Dass die großen Zellfertiger nicht jedes Gramm in der Zelle nach Herkunft beschriften, ist klar, zumal sie selbst den Rohstoff rund um die Welt einkaufen. Damit erübrigt sich auch die Frage nach der Herkunft des Lithiums.“ Schreibt die Gesellschaft für Sonnenenergie.

Das Tesla eine Drehgenehmigung für ihre Gigafactory verweigerte wunderte mich da nicht mehr so wirklich. Und, hätte man die Eingangs gezeigten E-Autobesitzer gefragt, man hätte sich den ganzen Film sparen können, denn die wissen besser Bescheid und sind sich auch über die Probleme bewusst, im Gegensatz zum WDR.

Da fällt auch die „Schwedenstudie“ nicht mehr weiter in’s Gewicht. Einzig im Fazit bin ich auf der Seite der Macher. Ja, wir brauchen eine andere Mobilität, sicher weniger Individualverkehr, aber auch hier greift man wieder zu kurz, was macht man mit den Menschen in ländlichen Gebieten? Hier in Irland sind wir ohne Auto aufgeschmissen. Der Busverkehr ist zwar gut, aber trotzdem gibt es Gegenden die kein Bus anfährt. Das gilt für Deutschland gleichermassen und man kann nicht die Landbevölkerung zwingen in die Stadt zu ziehen, das geht nicht, also muss man alternative Lösungen finden. Die Firma E-Flat hat, wie ich finde ein sehr gutes Konzept, denn man kann dort einen flexiblen Leasingvertrag abschliessen und entweder ein E-Auto testen, oder die Zeit überbrücken bis man ein Eigenes hat.

Mehr Anreize

In einem Bericht über China und den Verkehrskollaps, sowie die Industrialisierung, wurde erzählt, dass die Regierung, um dem entgegenzuwirken, eine Mindestanzahl an E-Autos staatlich verordnet hat. Jeder Fahrzeughersteller ist per Gesetz dazu verpflichtet

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Microlino verfügbar Herbst 2019

auch eine Palette an E-Autos zu produzieren, macht er das nicht, drohen Strafen. Im Gegenzug bekommt man eine Förderung von umgerechnet etwa 10.000$, damit das E-Auto nicht viel teurer als ein Verbrenner ist. Dementsprechend ist die Entwicklung sehr hoch und weiter fortgeschritten als in der „Autonation“ Deutschland. Chinesische Autohersteller haben die Ambition selbst Tesla vom Thron zu stoßen und der Weltgrößte Produzent von Elektrofahrzeugen zu werden.

Ich muss es gestehen, ich mag die Chinesische Politik nicht und habe es lange vermieden Elektroprodukte aus China zu kaufen, aber es geht nicht, China beherrscht mittlerweile die Märkte. Allerdings muss ich anerkennen, dass eine Ein Parteien Diktatur auch Vorteile bringt, was das Umdenken anbetrifft. Nun bin ich zwar nicht der Meinung europäische Regierungen sollten Autobauer zwingen mehr E-Autos zu produzieren, allerdings wären höhere Anreize ein Mittel um die E-Mobilität voranzutreiben, verbunden mit einem besseren Ausbau der Lade- und Infrastruktur, wenn man es mit dem Klimawandel wirklich ernst nimmt denn der Autoverkehr nimmt den ersten Platz der Umweltsünder ein. (Vielleicht hat ja jemand aktuelle Zahlen dazu)

Ach übrigens die AfD hat mich auf Twitter geblockt. War mir klar, denn Leute die sich in ihrer Opferrolle suhlen und von Meinungsfreiheit faseln sind unendlich froh, dass es in Sozialen Netzwerken die Funktion des Blockieren gibt, wenn einem die Fragen nicht passen.

 

Gedankenspiele

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Als vor zwei Tagen unser Sender RTÉ einen Artikel zum Weltflüchtlingstag veröffentlichte, da kamen natürlich auch die üblichen Kommentare, die in den Flüchtlingen eine Form der modernen Invasion sehen. Auffällig ist, dass diese Kommentatoren grundsätzlich nationale, beziehungsweise nationalistische Symbole in ihren Profilen haben, entweder in Form des ungeteilten Irland in den irischen Farben, oder die Harfe, das ganze mit einem irischen Slogan versehen. Was mich daran am meisten verwundert ist, dass einige Solidarität mit Palästina, beziehungsweise dem palästinensischen Volk bekunden, auf der anderen Seite aber die Angst vor einer muslimischen Bedrohung schüren. Mir stösst auch vor allem die mangelnde Aufklärung, sowie mangelhafte Geschichstkenntnisse übelst auf.

Mein Bekannter, Thomas von der Osten Sacken, veröffentlichte auf Facebook eine Kritik an dem Schweizer Rechtsanwalt Emrah Erken. Der schrieb nämlich als Reaktion auf eine Meldung des Humanistischen Pressedienstes folgendes: „Zum guten Glück existiert die natürliche Grenze des Mittelmeers, die uns vor dieser Invasion schützt,“ und legte nach, „Ohne die wirksame Hinderung der NGO-Taxi-Dienste wäre es eine Invasion. Sie wurde einstweilen verlangsamt.“ Thomas, der von vielen scharf kritisiert wurde, legte dann noch einen Post nach und erklärte seine Kritik, obwohl es das nicht gebraucht hätte.

Kommen wir also zurück zu Irland, obwohl man eigentlich jedes Land nehmen könnte, denn in der Vergangenheit waren genügend Europäer Flüchtlinge und sind es immer noch, wenn man beispielsweise auf Albanien blickt. 2007 schrieb die Süddeutsche Zeitung als es zum Streit zwischen der EU und der israelischen Regierung um den Grenzzaun zwischen Israel und der Westbank kam, der auf Grund der gehäuften Terroranschläge errichtet wurde, „Auf welcher Grundlage – fragt nicht ohne Recht, aber auch nicht ohne Heuchelei die Regierung des Staates Israel – kritisiert die Europäische Union, die einen solchen Zaun errichtet, den israelischen Schutzwall gegen die Palästinenser? Wer immer einen Zaun baut, kann auf einen anderen zeigen, der es auch tut,“  Und der Blog Band of Brothers ergänzte: „Er wurde 2006 auf sechs Meter erhöht, ein Bauwerk aus Stahl, Beton und Stacheldraht: Alle 40 Meter ein Wachturm, Richtmikrophone, Scheinwerfer, eine Tränengasanlage, bis zu 1200 Grenzwachen und Militär.“ 60 Mio.€ liess man sich den Zaun kosten um die Flüchtlinge, mit Hilfe der marokkanischen Behörden, draußen zu halten. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, steigt die Zahl der Flüchtlinge, die versuchen Spanien über das Mittelmeer zu erreichen, wieder an.

Irland erlebte während des Famine (1845-1852) eine der grössten Auswanderungswellen. Etwa 2 Millionen Menschen verließen die Insel, die meisten Richtung Übersee. So und

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Zeichnung hungernder Iren, die sich nach Kartoffeln bücken Quelle: Hilton Archive/Getty Images

 

jetzt nehmen wir mal für einen kurzen Moment an, dass die sogenannten Asylgesetze schon immer Geltung hatten, auch und gerade zwischen 1845 und 1852. Millionen Flüchtlinge landeten in Ellis Island und zogen durch die Registrierung. Nehmen wir weiter an, Ellis Island sei auch nicht 1890, sondern unter James Monroe entstanden, der der Meinung war, die in den jungen USA lebenden Einwohner seien genug und erweiterte die Monroe-Doktrin dahingehend Einwanderer und Flüchtlinge abzulehnen.

Sie finden das zu abwegig? Ok, aber machen wir weiter. Von den Flüchtlingen bekamen nur 10% einen Aufenthaltstatus, den anderen wurde gesagt, dass man Wirtschaftsflüchtlinge nicht aufnehmen will, also sollen sie wieder zurück. Wer kann bucht ein Ticket in der Hoffnung, in Südamerika Aufnahme zu finden, wie etwa ein Teil der etwa 25 Millionen ausgewanderten Italiener. Nun kommen sie in, sagen wir, in Mexiko an und die Behörden sagen ihnen, da ihr Asylantrag in den USA abgelehnt wurde, sähe man sich nicht im Stande einem Asylantrag stattzugeben, schließlich sei die USA die erste Anlaufstelle gewesen und darüber hinaus ein sicheres Aufnahmeland. Im Übrigen hätte man in Mexiko schon genug Probleme und könne sich nicht auch noch um Wirtschaftsflüchtlinge aus Europa kümmern, die vor einer Hungersnot geflohen seien.

Nun könnte man auch die St. Louis als Beispiel nehmen, die Zahl entspricht zwar nicht der Zahl der Flüchtlinge in Irland (zur Zeit leben etwa 3700 Flüchtlinge hier, zugesagt wurde Asyl für etwas mehr als 6000), aber man kann sich überlegen und vielleicht mal für einen Moment vorstellen wie es für diese Leute ist. Vor ein paar Tagen schickte man mir einen. Link zu einer Dokumentation über die gegenwärtige Situation in Afghanistan. Trotz Meldungen, dass Afghanistan alles andere als sicher ist, werden Menschen dorthin zurückgeführt. Nun gibt es Menschen, die von sich aus in die Heimat zurückkehren,

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Skulpturen von Auswanderer während des Famines in Dublin

trotzdem darf man nicht vergessen, dass es daheim kein Zuckerschlecken ist. Und man muss auch die Fluchtursachen benennen, die im Falle Afrikas, nicht nur durch Kriege zu erklären sind. Hunger und Armut sowie massive Unterdrückung treiben auch viele Eritreer in die Migration. Das Land gilt wegen seines repressiven Systems als „Nordkorea Afrikas“. Schreibt das Bundesministerium für Verteidigung auf seiner Webseite. In den Achtziger Jahren hatte ich einen sehr guten Freund, der kam aus Eritrea (Asmara) und hat mir öfters Bilder von dort gezeigt. Zuletzt traf ich ihn 1996, da mich mein Beruf immer mehr in andere Städte brachte, das Letzte was ich gehört habe ist, dass er wieder nach Eritrea zurück gegangen ist.

Denke ich an meine Vorfahren, dann waren das Flüchtlinge, entweder aus Wirtschaftsgründen (Suche nach Arbeit), oder aus religiösen Gründen (Übertritt zum

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italienische Auswanderer Ellis Island Quelle: Casa Historia

protestantischen Glauben). Das kommt mir immer in den Sinn, wenn ich an die Flüchtlinge denke. Natürlich kann Europa nicht alle Flüchtlinge aufnehmen, das ist mir völlig klar, aber eine Abschottung, wie in der Türkei oder Marokko, wo man in der Wüste ständig auf verendete Flüchtlinge stößt -viele werden von der marokkanischen Polizei, oder von den Schleppern dort ausgesetzt-, sind auf Dauer keine Lösung. Wir können nicht Despoten als die vermeintlich Guten permanent mit Geld unterstützen. Und den Iren, die der Meinung sind eine Invasion Irlands würde stattfinden, gebe ich immer das Beispiel meines Gedankenspiels, haut zwar nicht immer hin, aber bei einigen hilft es schon.

Vor allem wäre es schön -denkt man die europäische Geschichte- vielleicht 2 Minuten nachzudenken, bevor man sich wieder in Populismus stürzt, nach den Schlagworten, „Invasion Europas„, oder „Die Flüchtlinge sind unser Unglück.“

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Bild der italienischen Marine eines kenternden Bootes Quelle: Tagesspiegel Berlin

 

 

Sunderland ‚Til I Die

League One - Sunderland v Scunthorpe United
Identifikation einer Stadt mit ihrem Verein

Sportdokumentationen und Filme über Sport, oder Sportler gibt es viele. Vieles davon erzählt Geschichten, oder die Geschichte eines Sportlers. Dokus über Fussball, besonders über Mannschaften, fokussieren sich auf die großen Mannschaften, wie Barcelona, Manchester, Madrid, oder Turin. Entweder begleiten sie die Stars, oder zeigen auf warum sie so erfolgreich sind, oder wie sie in der Saison XY Meister, Pokal- und Champions League Sieger wurden und zeigt die Stars, die Massen in die Stadien locken, wer will da die Underdogs sehen, oder ist interessiert daran.

„Sunderland ‚Til I die“ macht genau das und den Machern der Dokumentation ist das Bravourstück gelungen einen Verein zu zeigen, der halt nicht in den Topligen ganz oben spielt, sondern der Underdog ist und man kann Netflix nur applaudieren, dass sie das in ihr Programm genommen haben.

Der AFC Sunderland ist, was man gemeinhin als Fahrstuhlmannschaft bezeichnet, steigen sie auf, dann kämpfen sie auch gleich gegen den Abstieg aber, und das macht den Reiz der Serie aus, das Umfeld des AFC identifiziert sich so stark mit dem Verein, dass man Sympathien für die Stadt und für den Verein entwickelt, am Ende war ich drauf und dran Mitglied zu werden. Sunderland, eine Stadt im Nordosten Englands, galt einst als die Hochburg des Schiffsbau und der Kohle Industrie. Dann begann, wie fast überall im

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Supporter

Königreich der Niedergang. Die Vaux Brauerei, 170 Jahre lang einer der größten Arbeitgeber, schloss 2000 seine Tore. Von daher ist es kein Wunder, dass der Verein, diese Stadt nach außen repräsentiert und identifikationsstiftend ist, das heißt sich die Einwohner zu 100% mit dem Verein identifizieren. Wie sagt der Inhaber des Bestattungsinstitut, „wir bieten besondere Arrangements an und der Kunde kann als letzten Wunsch wählen im Jersey, oder in den Farben des AFC Sunderland begraben zu werden,“ auf die Frage, „kann man dann sagen Sunderland ‚Til I Die?“ Kommt die nachdenkliche Antwort, „ja, das könne man so sagen.“

Abstieg und Neuanfang

Die Serie beginnt mit dem Abstieg Sunderlands aus der Premier League und beginnt in einer Kirche. Anhänger des AFC beten gemeinsam mit dem Pfarrer und der Pfarrer bittet um den Segen Gottes für den Verein. Das mag vielleicht ein bisschen kitschig sein, aber als Zuschauer fängt man direkt Sympathien zu entwickeln. Vorgestellt wird der neue Coach, Simon Grayson, der hoffnungsfroh in die neue Saison blickt und über die Ziele des Vereins spricht, man ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es für ihn ein kurzes Engagement bei Sunderland ist. Martin Bain, der auf Grund seiner Zeit bei Maccabi Tel Aviv eine ausgezeichnete Reputation vorweisen kann, spricht über seine Arbeit, den Verein und was es ausmacht, einen Verein zu führen. Man merkt im Laufe der Serie, dass Chief Executive für ihn nicht bloß ein Job ist, sondern eine Herzensangelegenheit. Zu Wort kommen einige Spieler und Mitarbeiter des Vereins und dann natürlich die Fans, die hinter dem AFC stehen und Woche für Woche in’s Stadion pilgern, oder zu Auswärtspielen fahren, egal ob der Verein 5:0 verloren, oder 1:0 gewonnen hat.

Die Leute also, die bei aller Professionalität, die einen modernen Verein ausmacht, diesen im Grunde genommen tragen. Roy Keane warf den heimischen Manchester Fans, nach einem Champions League Spiel, gegen Dynamo Kiew vor, „dass sie sich, im Gegensatz zu den Hardcore Fans (gemeint waren die Kiew Anhänger) während des Spiels mit Drinks und Garnelensandwiches vollstopfen und gar nicht verstehen würden was auf dem Platz vor sich geht.“ Aber und das ist beim AFC nicht anders als bei anderen Vereinen auch, man zählt auf diese, wie ich sie nenne, Champagnerfans“ die gerne in den Logen sitzen und sich hofieren lassen und denen im Grunde genommen ein Verein nur dann etwas bedeutet, wenn er gewinnt, am besten die Meisterschaft. Gut, ich kann verstehen dass ein Verein sie braucht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese dem Verein das Geld in Kasse spülen, außer wenn sie Sponsoren sind, aber egal, zurück zur Serie.

Das erste Vorbereitungsspiel gegen Celtic Glasgow geht mit 0:5 verloren und diese Niederlage wird von den Fans mit Fatalismus hingenommen. Grayson erklärt dass dieses Spiel gar nichts bedeuten würde denn was zählt, das wäre das Ziel am Ende der Saison. Also geht man in die Vorbereitung und trainiert für das nächste Spiel. Nachdem das erste Spiel gegen Derby County mit 1:1 ausgeht, wobei das 1:0 wie der Gewinn der Meisterschaft gefeiert wurde. Es kommen, da man das Spiel gegen Celtic schon abhakt hat, bei den Fans Zweifel auf, ob die Mannschaft die richtige Einstellung zum Verein hat. Bain erklärt im Gespräch was für ihn den idealen Spieler neben Talent und Einsatzwillen auszeichnet und erzählt die Geschichte, als er einen Spieler nach der Sommerpause mit der Frage begrüßte, ob dieser froh sei wieder beim Verein zu sein und trainieren zu können, worauf dieser ihm antwortete, froh sei er nicht, aber da er nun mal einen

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Hardcorefan. Egal was passiert, mein Verein!

gültigen Vertrag habe, müsse er wieder für den Verein da sein. „Wenn der Spieler sich nicht mit dem Verein identifiziert, dann ist er nichts für mich.“ Ein Phänomen dass man häufiger im Fußball erlebt. Es gibt kaum noch Spieler die ihr ganzes Fußballerleben von der Jugend bis zum Abschied bei einem Verein verbringen. Fußball ist, gerade für die Mehrzahl der Spieler, modernes Söldnertum. Sie zeigen auf ihr Vereinswappen und herzen das nach einem Tor, aber man spürt als Fan, sobald ein Verein kommt und ihnen mehr Geld anbietet, dann sind sie weg. Meist sind die Begründungen man müsse sich entfalten, oder man suche den neuen Horizont. Kein Spieler sagt, „ja ich will mehr Kohle und die Fans, sowie der Verein sind mir Scheißegal.“Unknown-3

Später in der Serie, als klar wird dass es mit einem Aufstieg nichts wird, sagt ein Spieler, dessen Leihvertrag ausgelaufen ist und er wieder zu seinem Stammverein zurückkehrt mit Blick auf den Verein und die Anhänger, „im Grunde genommen ist es doch so, wir spielen ein, zwei, oder lass es auch drei Jahre sein, bei einem Verein, dann sind wir weg, aber diese Leute, was haben die? Die müssen ihr ganzes Leben hier sein.“ Man könnte die Worte als Küchenphilosophie bezeichnen, aber eigentlich hat er Recht.

Der Trainer ist Schuld

Bei Vereinen, und das ist bei Madrid nicht anders als bei Sunderland, ist der Trainer derjenige, der die Sündenbockfunktion hat, egal was er macht oder unterläßt. Spielt das Team gut und dominiert den Gegner ist er ein begnadeter Fußballtaktiker, der Cristiano Ronaldo der Außenlinie, der Karpov der Strategie. Verliert das Team dagegen, dann ist der Trainer die größte Pfeife die der Fußball je gesehen hat, völlig egal ob er mit einem Verein regelmäßig die Meisterschaft gewinnt, was zählt ist der Augenblick und der ist für Sunderland alles andere als erfolgreich. Am Anfang steht bei den Fans die Mannschaft im Focus, einzelne Spieler werden aufgezählt und man sieht in ihnen die größten Idioten, wobei ich ganz ehrlich sagen muss, wäre ich der Trainer, ich hätte den Torhütern den Gnadenschuss verpasst. Gut es waren nur Momentaufnahmen, aber diese Momentaufnahmen haben gezeigt was die drei Torhüter für Fliegenfänger sind. Wenn Robbin Ruiter sagt, dass man als Torwart ständig einem Konkurrenzkampf unterliegt und nicht, wie als Feldspieler, auch auf anderen Positionen spielen kann, dann ist das eine Sache, aber wenn ich einen Kullerball nicht festhalte, was immer mal passieren kann, dann ist das eine Andere. Ich kann die Frustration und Wut von Fans und Trainer nachvollziehen und hätte am liebsten solidarisch mit den Fans mitgeweint.

So passiert es am Anfang dass man sich mit dem Trainer solidarisch zeigt und fordert, dass die Mannschaft komplett entlassen werden soll. Dann hört man auch von den Fans, dass den Trainer keine Schuld trifft, „die Mannschaft kann man einfach nicht trainieren! Warum?“ fragt die Stimme aus dem Off, ’na weil die Mannschaft ganz einfach Scheisse ist, wir sind Scheisse, so einfach ist das! Ein Giftbecher, niemand mag die übernehmen. Acht Trainer in zwei Jahren, das ist doch nicht normal, oder finden Sie das normal?“ 

Am Ende allerdings ist es der Trainer der gehen muss, denn die Stimmung kippt gegen Grayson, „Mann, wann haben wir eigentlich das letzte Heimspiel gewonnen, das ist doch Scheisse sowas und daran ist der Trainer Schuld, der stellt die Jungs nicht gut genug ein! Da fehlt völlige Motivation, die schleichen ja teilweise über den Platz! Hast Du Cattermole gesehen? Da ist mein Opa ja schneller mit dem Ball!“ Auf Grayson folgt Chris Coleman und erinnert einen daran, dass Fußball zwar mit Emotionen zu tun hat, aber ein Geschäft ist.

Everything counts in large amounts

Sunderland ‚Til I Die spricht auch die nicht so schöne Seite im Profisport an. Seit ein paar Jahren regiert das große Geld das Fußballgeschäft und viele Milliardäre leisten sich einen Fußballverein. Chelsea, oder Leicester sind Beispiele. Entweder sie stehen mit Leidenschaft hinter dem Verein und geben ihm die Möglichkeit sich mit Topspielern auszustatten, oder sie verwenden den Verein als Abschreibungsobjekt. Es wird in der Serie nicht ganz klar, aber man hat den Eindruck dass Ellis Short genau das gemacht hat.

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Gute alte Zeit als Fußball noch Amateursport war und nicht das große Geld

Ob nun er, oder die Vorbesitzer, Fakt ist, der Verein ist hoch verschuldet. Um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten greift man auf Leihspieler und die eigene Jugend zurück. O-Ton Bain: „394 Mio.£ haben die Besitzer in neue Spieler investiert, dem gegenüber stehen aber Verkäufe von 149 Mio.£, und die meisten Spieler waren absolute Flaschen und Fehlinvestitionen die das Geld nie reingespielt haben.“ Am Ende steht dann der Verkauf des Vereins durch Short der schon vorher beschlossen hatte kein Geld mehr in den Verein zu investieren, meist das Todesurteil für einen Club und eine Zeit, in der es für den Verein besonders bitter war. Was man auch erfährt, das ist die Distanz zwischen Club und Besitzer. Nicht ein einziges mal hat Short mit dem Verein gesprochen, anscheint wußte er gar nicht was vor sich geht, oder es war ihm egal. Selbst nach dem Verkauf war er nicht bereit nach Sunderland zu kommen.

In diesem Moment atmet der Zuschauer auf dass die europäischen Ligen, im Gegensatz zu MLS und anderen Sportvereinen in den USA, keine Franchisebetriebe sind. Der Besitzer kann nicht nach Gutdünken ein Team in eine andere Stadt verkaufen, so wie es in der NFL in der jüngeren Vergangenheit durchaus Usus war. Borussia Dortmund, oder Bayern München werden immer in Dortmund oder München bleiben und nicht aus einer Laune heraus nach Dorsten, oder Ingolstadt verkauft werden. Allerdings, gerade für die Premierleague -das zeigt die Serie wunderbar-, ist es existenziell so schnell wie möglich einen neuen Investor zu finden. Sunderland zeigt was passiert, wenn der Investor den Geldhahn zudreht. Vereine wie Redbull Salzburg, Leipzig, oder New York haben immer das Damoklesschwert über dem Haupt, denn was passiert wenn Redbull plötzlich abspringt? Leipzig hat keine Tradition wie Salzburg, oder Hoffenheim, wo allerdings der Verein weitestgehend autonom agieren kann. Ein Gedanken den auch ich mir gestellt habe, „was wäre wenn.“

Fankultur

Es heißt dass der AFC die treuesten Fans hat, egal wie der Verein spielt, es besuchen regelmäßig 27.635 Zuschauer die Heimspiele des AFC. Man lernt einige Fans kennen, ist teilweise Ziel der Frustrationen…„Mach die Scheiß Kamera aus….mach sie aus, habe ich gesagt!“…. Man wird Zeuge wie sich Chris Coleman beinahe mit einem Fan prügelt als er entlassen wird und sich vor dem Vereinsgebäude von ein paar Fans verabschiedet…“Chris, Chris! Na was sagst Du jetzt dazu?… Das ich die Verantwortung übernehme!… Das Du was? Du Arschloch weißt doch gar nix!…Wie nennst Du mich? Ich bin verheiratet und habe 6 Kinder und Du nennst mich ein Arschloch?…Komm doch her Du wenn Du Dich traust! Ich schlag Dir in die Fresse!“…. Security verhindert dass die Beiden aufeinander losgehen, aber es zeigt sehr schön den Frust auf der einen und die Verzweiflung auf der anderen Seite, wenn man als Trainer alles gegeben hat und am Ende mit leeren Händen dasteht.

Die Verbundenheit des AFC zeigt sich auch, dass Fans und Verein sich regelmäßig in einem Restaurant treffen. Man stelle sich vor der Vorstand und Spieler des FCB würden sich zu Schweinshaxe, Schweinsbraten und Bier treffen, oder Schalke 04 in Charles Bummelzug. Undenkbar, aber in Sunderland pflegt man das und das ist der Spagat zwischen Volksnah und Professionalität. Man ist, trotz allem, füreinander da und man nimmt den Spielern ab, dass ihnen der Club und Menschen nicht egal sind. Ich, für meinen Teil, war sogar drauf und dran eine Mitgliedschaft zu beantragen, so wird der Zuschauer involviert und zum Teil des Ganzen. Abgehalten davon hat mich die Entlassung Bains, für mich der Sympathieträger dem man ansieht, dass Fußball, besser das was er macht, nicht Job, sondern Herzen ist. Er leidet und identifiziert sich mit „seinem Verein“ obwohl es ihm egal sein dürfte ist er doch „nur Angestellter.“

Fazit: Diese Serie war wirklich seit Langem das Beste was ich bisher an Sportdokumentationen gesehen habe. Hier ist nichts gestellt oder geschönt und man nimmt es jedem Akteur ab was er sagt. Seien es die Fans, die Spieler, die Trainer, oder der Geschäftsführer. Man leidet jede Minute mit und freut sich über jeden Erfolg, obwohl das Quatsch sein dürfte sind es doch keine Momentaufnahmen, aber den Machern gelingt es diese vergangenen Episoden wie Momentaufnahmen rüberzubringen und dafür gebührt ihnen ein dickes dickes Lob. Meine Hochachtung. Ich kann diese Serie wirklich jedem empfehlen der interessiert ist an Sportdokumentationen  und einen Netflix Zugang hat, denen auch ein Lob gilt sowas anzubieten. Man muß kein Fan des AFC Sunderland sein, spätestens nach dem Ende sagt man sich „Sunderland ‚Til I Die!!“