Sunderland ‚Til I Die

League One - Sunderland v Scunthorpe United
Identifikation einer Stadt mit ihrem Verein

Sportdokumentationen und Filme über Sport, oder Sportler gibt es viele. Vieles davon erzählt Geschichten, oder die Geschichte eines Sportlers. Dokus über Fussball, besonders über Mannschaften, fokussieren sich auf die großen Mannschaften, wie Barcelona, Manchester, Madrid, oder Turin. Entweder begleiten sie die Stars, oder zeigen auf warum sie so erfolgreich sind, oder wie sie in der Saison XY Meister, Pokal- und Champions League Sieger wurden und zeigt die Stars, die Massen in die Stadien locken, wer will da die Underdogs sehen, oder ist interessiert daran.

„Sunderland ‚Til I die“ macht genau das und den Machern der Dokumentation ist das Bravourstück gelungen einen Verein zu zeigen, der halt nicht in den Topligen ganz oben spielt, sondern der Underdog ist und man kann Netflix nur applaudieren, dass sie das in ihr Programm genommen haben.

Der AFC Sunderland ist, was man gemeinhin als Fahrstuhlmannschaft bezeichnet, steigen sie auf, dann kämpfen sie auch gleich gegen den Abstieg aber, und das macht den Reiz der Serie aus, das Umfeld des AFC identifiziert sich so stark mit dem Verein, dass man Sympathien für die Stadt und für den Verein entwickelt, am Ende war ich drauf und dran Mitglied zu werden. Sunderland, eine Stadt im Nordosten Englands, galt einst als die Hochburg des Schiffsbau und der Kohle Industrie. Dann begann, wie fast überall im

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Supporter

Königreich der Niedergang. Die Vaux Brauerei, 170 Jahre lang einer der größten Arbeitgeber, schloss 2000 seine Tore. Von daher ist es kein Wunder, dass der Verein, diese Stadt nach außen repräsentiert und identifikationsstiftend ist, das heißt sich die Einwohner zu 100% mit dem Verein identifizieren. Wie sagt der Inhaber des Bestattungsinstitut, „wir bieten besondere Arrangements an und der Kunde kann als letzten Wunsch wählen im Jersey, oder in den Farben des AFC Sunderland begraben zu werden,“ auf die Frage, „kann man dann sagen Sunderland ‚Til I Die?“ Kommt die nachdenkliche Antwort, „ja, das könne man so sagen.“

Abstieg und Neuanfang

Die Serie beginnt mit dem Abstieg Sunderlands aus der Premier League und beginnt in einer Kirche. Anhänger des AFC beten gemeinsam mit dem Pfarrer und der Pfarrer bittet um den Segen Gottes für den Verein. Das mag vielleicht ein bisschen kitschig sein, aber als Zuschauer fängt man direkt Sympathien zu entwickeln. Vorgestellt wird der neue Coach, Simon Grayson, der hoffnungsfroh in die neue Saison blickt und über die Ziele des Vereins spricht, man ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es für ihn ein kurzes Engagement bei Sunderland ist. Martin Bain, der auf Grund seiner Zeit bei Maccabi Tel Aviv eine ausgezeichnete Reputation vorweisen kann, spricht über seine Arbeit, den Verein und was es ausmacht, einen Verein zu führen. Man merkt im Laufe der Serie, dass Chief Executive für ihn nicht bloß ein Job ist, sondern eine Herzensangelegenheit. Zu Wort kommen einige Spieler und Mitarbeiter des Vereins und dann natürlich die Fans, die hinter dem AFC stehen und Woche für Woche in’s Stadion pilgern, oder zu Auswärtspielen fahren, egal ob der Verein 5:0 verloren, oder 1:0 gewonnen hat.

Die Leute also, die bei aller Professionalität, die einen modernen Verein ausmacht, diesen im Grunde genommen tragen. Roy Keane warf den heimischen Manchester Fans, nach einem Champions League Spiel, gegen Dynamo Kiew vor, „dass sie sich, im Gegensatz zu den Hardcore Fans (gemeint waren die Kiew Anhänger) während des Spiels mit Drinks und Garnelensandwiches vollstopfen und gar nicht verstehen würden was auf dem Platz vor sich geht.“ Aber und das ist beim AFC nicht anders als bei anderen Vereinen auch, man zählt auf diese, wie ich sie nenne, Champagnerfans“ die gerne in den Logen sitzen und sich hofieren lassen und denen im Grunde genommen ein Verein nur dann etwas bedeutet, wenn er gewinnt, am besten die Meisterschaft. Gut, ich kann verstehen dass ein Verein sie braucht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese dem Verein das Geld in Kasse spülen, außer wenn sie Sponsoren sind, aber egal, zurück zur Serie.

Das erste Vorbereitungsspiel gegen Celtic Glasgow geht mit 0:5 verloren und diese Niederlage wird von den Fans mit Fatalismus hingenommen. Grayson erklärt dass dieses Spiel gar nichts bedeuten würde denn was zählt, das wäre das Ziel am Ende der Saison. Also geht man in die Vorbereitung und trainiert für das nächste Spiel. Nachdem das erste Spiel gegen Derby County mit 1:1 ausgeht, wobei das 1:0 wie der Gewinn der Meisterschaft gefeiert wurde. Es kommen, da man das Spiel gegen Celtic schon abhakt hat, bei den Fans Zweifel auf, ob die Mannschaft die richtige Einstellung zum Verein hat. Bain erklärt im Gespräch was für ihn den idealen Spieler neben Talent und Einsatzwillen auszeichnet und erzählt die Geschichte, als er einen Spieler nach der Sommerpause mit der Frage begrüßte, ob dieser froh sei wieder beim Verein zu sein und trainieren zu können, worauf dieser ihm antwortete, froh sei er nicht, aber da er nun mal einen

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Hardcorefan. Egal was passiert, mein Verein!

gültigen Vertrag habe, müsse er wieder für den Verein da sein. „Wenn der Spieler sich nicht mit dem Verein identifiziert, dann ist er nichts für mich.“ Ein Phänomen dass man häufiger im Fußball erlebt. Es gibt kaum noch Spieler die ihr ganzes Fußballerleben von der Jugend bis zum Abschied bei einem Verein verbringen. Fußball ist, gerade für die Mehrzahl der Spieler, modernes Söldnertum. Sie zeigen auf ihr Vereinswappen und herzen das nach einem Tor, aber man spürt als Fan, sobald ein Verein kommt und ihnen mehr Geld anbietet, dann sind sie weg. Meist sind die Begründungen man müsse sich entfalten, oder man suche den neuen Horizont. Kein Spieler sagt, „ja ich will mehr Kohle und die Fans, sowie der Verein sind mir Scheißegal.“Unknown-3

Später in der Serie, als klar wird dass es mit einem Aufstieg nichts wird, sagt ein Spieler, dessen Leihvertrag ausgelaufen ist und er wieder zu seinem Stammverein zurückkehrt mit Blick auf den Verein und die Anhänger, „im Grunde genommen ist es doch so, wir spielen ein, zwei, oder lass es auch drei Jahre sein, bei einem Verein, dann sind wir weg, aber diese Leute, was haben die? Die müssen ihr ganzes Leben hier sein.“ Man könnte die Worte als Küchenphilosophie bezeichnen, aber eigentlich hat er Recht.

Der Trainer ist Schuld

Bei Vereinen, und das ist bei Madrid nicht anders als bei Sunderland, ist der Trainer derjenige, der die Sündenbockfunktion hat, egal was er macht oder unterläßt. Spielt das Team gut und dominiert den Gegner ist er ein begnadeter Fußballtaktiker, der Cristiano Ronaldo der Außenlinie, der Karpov der Strategie. Verliert das Team dagegen, dann ist der Trainer die größte Pfeife die der Fußball je gesehen hat, völlig egal ob er mit einem Verein regelmäßig die Meisterschaft gewinnt, was zählt ist der Augenblick und der ist für Sunderland alles andere als erfolgreich. Am Anfang steht bei den Fans die Mannschaft im Focus, einzelne Spieler werden aufgezählt und man sieht in ihnen die größten Idioten, wobei ich ganz ehrlich sagen muss, wäre ich der Trainer, ich hätte den Torhütern den Gnadenschuss verpasst. Gut es waren nur Momentaufnahmen, aber diese Momentaufnahmen haben gezeigt was die drei Torhüter für Fliegenfänger sind. Wenn Robbin Ruiter sagt, dass man als Torwart ständig einem Konkurrenzkampf unterliegt und nicht, wie als Feldspieler, auch auf anderen Positionen spielen kann, dann ist das eine Sache, aber wenn ich einen Kullerball nicht festhalte, was immer mal passieren kann, dann ist das eine Andere. Ich kann die Frustration und Wut von Fans und Trainer nachvollziehen und hätte am liebsten solidarisch mit den Fans mitgeweint.

So passiert es am Anfang dass man sich mit dem Trainer solidarisch zeigt und fordert, dass die Mannschaft komplett entlassen werden soll. Dann hört man auch von den Fans, dass den Trainer keine Schuld trifft, „die Mannschaft kann man einfach nicht trainieren! Warum?“ fragt die Stimme aus dem Off, ’na weil die Mannschaft ganz einfach Scheisse ist, wir sind Scheisse, so einfach ist das! Ein Giftbecher, niemand mag die übernehmen. Acht Trainer in zwei Jahren, das ist doch nicht normal, oder finden Sie das normal?“ 

Am Ende allerdings ist es der Trainer der gehen muss, denn die Stimmung kippt gegen Grayson, „Mann, wann haben wir eigentlich das letzte Heimspiel gewonnen, das ist doch Scheisse sowas und daran ist der Trainer Schuld, der stellt die Jungs nicht gut genug ein! Da fehlt völlige Motivation, die schleichen ja teilweise über den Platz! Hast Du Cattermole gesehen? Da ist mein Opa ja schneller mit dem Ball!“ Auf Grayson folgt Chris Coleman und erinnert einen daran, dass Fußball zwar mit Emotionen zu tun hat, aber ein Geschäft ist.

Everything counts in large amounts

Sunderland ‚Til I Die spricht auch die nicht so schöne Seite im Profisport an. Seit ein paar Jahren regiert das große Geld das Fußballgeschäft und viele Milliardäre leisten sich einen Fußballverein. Chelsea, oder Leicester sind Beispiele. Entweder sie stehen mit Leidenschaft hinter dem Verein und geben ihm die Möglichkeit sich mit Topspielern auszustatten, oder sie verwenden den Verein als Abschreibungsobjekt. Es wird in der Serie nicht ganz klar, aber man hat den Eindruck dass Ellis Short genau das gemacht hat.

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Gute alte Zeit als Fußball noch Amateursport war und nicht das große Geld

Ob nun er, oder die Vorbesitzer, Fakt ist, der Verein ist hoch verschuldet. Um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten greift man auf Leihspieler und die eigene Jugend zurück. O-Ton Bain: „394 Mio.£ haben die Besitzer in neue Spieler investiert, dem gegenüber stehen aber Verkäufe von 149 Mio.£, und die meisten Spieler waren absolute Flaschen und Fehlinvestitionen die das Geld nie reingespielt haben.“ Am Ende steht dann der Verkauf des Vereins durch Short der schon vorher beschlossen hatte kein Geld mehr in den Verein zu investieren, meist das Todesurteil für einen Club und eine Zeit, in der es für den Verein besonders bitter war. Was man auch erfährt, das ist die Distanz zwischen Club und Besitzer. Nicht ein einziges mal hat Short mit dem Verein gesprochen, anscheint wußte er gar nicht was vor sich geht, oder es war ihm egal. Selbst nach dem Verkauf war er nicht bereit nach Sunderland zu kommen.

In diesem Moment atmet der Zuschauer auf dass die europäischen Ligen, im Gegensatz zu MLS und anderen Sportvereinen in den USA, keine Franchisebetriebe sind. Der Besitzer kann nicht nach Gutdünken ein Team in eine andere Stadt verkaufen, so wie es in der NFL in der jüngeren Vergangenheit durchaus Usus war. Borussia Dortmund, oder Bayern München werden immer in Dortmund oder München bleiben und nicht aus einer Laune heraus nach Dorsten, oder Ingolstadt verkauft werden. Allerdings, gerade für die Premierleague -das zeigt die Serie wunderbar-, ist es existenziell so schnell wie möglich einen neuen Investor zu finden. Sunderland zeigt was passiert, wenn der Investor den Geldhahn zudreht. Vereine wie Redbull Salzburg, Leipzig, oder New York haben immer das Damoklesschwert über dem Haupt, denn was passiert wenn Redbull plötzlich abspringt? Leipzig hat keine Tradition wie Salzburg, oder Hoffenheim, wo allerdings der Verein weitestgehend autonom agieren kann. Ein Gedanken den auch ich mir gestellt habe, „was wäre wenn.“

Fankultur

Es heißt dass der AFC die treuesten Fans hat, egal wie der Verein spielt, es besuchen regelmäßig 27.635 Zuschauer die Heimspiele des AFC. Man lernt einige Fans kennen, ist teilweise Ziel der Frustrationen…„Mach die Scheiß Kamera aus….mach sie aus, habe ich gesagt!“…. Man wird Zeuge wie sich Chris Coleman beinahe mit einem Fan prügelt als er entlassen wird und sich vor dem Vereinsgebäude von ein paar Fans verabschiedet…“Chris, Chris! Na was sagst Du jetzt dazu?… Das ich die Verantwortung übernehme!… Das Du was? Du Arschloch weißt doch gar nix!…Wie nennst Du mich? Ich bin verheiratet und habe 6 Kinder und Du nennst mich ein Arschloch?…Komm doch her Du wenn Du Dich traust! Ich schlag Dir in die Fresse!“…. Security verhindert dass die Beiden aufeinander losgehen, aber es zeigt sehr schön den Frust auf der einen und die Verzweiflung auf der anderen Seite, wenn man als Trainer alles gegeben hat und am Ende mit leeren Händen dasteht.

Die Verbundenheit des AFC zeigt sich auch, dass Fans und Verein sich regelmäßig in einem Restaurant treffen. Man stelle sich vor der Vorstand und Spieler des FCB würden sich zu Schweinshaxe, Schweinsbraten und Bier treffen, oder Schalke 04 in Charles Bummelzug. Undenkbar, aber in Sunderland pflegt man das und das ist der Spagat zwischen Volksnah und Professionalität. Man ist, trotz allem, füreinander da und man nimmt den Spielern ab, dass ihnen der Club und Menschen nicht egal sind. Ich, für meinen Teil, war sogar drauf und dran eine Mitgliedschaft zu beantragen, so wird der Zuschauer involviert und zum Teil des Ganzen. Abgehalten davon hat mich die Entlassung Bains, für mich der Sympathieträger dem man ansieht, dass Fußball, besser das was er macht, nicht Job, sondern Herzen ist. Er leidet und identifiziert sich mit „seinem Verein“ obwohl es ihm egal sein dürfte ist er doch „nur Angestellter.“

Fazit: Diese Serie war wirklich seit Langem das Beste was ich bisher an Sportdokumentationen gesehen habe. Hier ist nichts gestellt oder geschönt und man nimmt es jedem Akteur ab was er sagt. Seien es die Fans, die Spieler, die Trainer, oder der Geschäftsführer. Man leidet jede Minute mit und freut sich über jeden Erfolg, obwohl das Quatsch sein dürfte sind es doch keine Momentaufnahmen, aber den Machern gelingt es diese vergangenen Episoden wie Momentaufnahmen rüberzubringen und dafür gebührt ihnen ein dickes dickes Lob. Meine Hochachtung. Ich kann diese Serie wirklich jedem empfehlen der interessiert ist an Sportdokumentationen  und einen Netflix Zugang hat, denen auch ein Lob gilt sowas anzubieten. Man muß kein Fan des AFC Sunderland sein, spätestens nach dem Ende sagt man sich „Sunderland ‚Til I Die!!“

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Eight Amendment und deutsche Besserwisser

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Abtreibungsgegner in Dublin

Am 25. Mai entscheiden die irischen Bürger über den Artikel 40 der irischen Verfassung. Dieser Artikel besagt, dass sich die irische Regierung dazu verpflichtet das Leben aller Iren, selbst der Ungeborenen, zu schützen und wurde, am 7. Oktober 1983 per Gesetzesänderung, so in die Verfassung geschrieben (siehe Achtes Gesetz zur Änderung der Verfassung). Soweit so Gut, oder auch nicht, denn wenn ich die Berichte und Kommentare in deutschen Zeitungen verfolge, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren das Länderkritik das Hobby vieler Deutscher ist.

Selbst wenn sie absolut keine Ahnung haben wie es in fremden Ländern aussieht, eine Meinung haben sie trotzdem und müssen diese, egal wie bescheuert die auch sein mag, kund tun. Seit dem Anfang der Kampagne schaue ich hin- und wieder was deutsche Zeitungen so schreiben, beziehungsweise wie die Kommentare dazu sind und kann oft genug nur mit dem Kopf schütteln. Wahrscheinlich hatte der österreichische Journalist, Schauspieler und Schriftsteller Franz Schönthan von Pernwaldt diese Leute im Sinn als er schrieb: „Niemand weiß soviel Schlechtes von uns wie wir selbst. Und trotzdem denkt niemand so gut von uns wie wir selbst.“

Im Falle der irischen Debatte glaubt der Deutsche zu wissen, was wir sind und wie wir uns zu verhalten haben. In den Augen einiger sind wir „wilde Barbaren,“ „Rednecks“ und nicht würdig in der Mitte der europäischen Gesellschaft einen Platz zu haben. Manche gehen sogar soweit in ihren Kommentaren zu fordern, dass uns die EU aus der Gemeinschaft wirft auf Grund des Verfassungsartikels und gar nicht begreifen, bzw. begreifen wollen, wie der Artikel zu Stande kam und, knapp 35 Jahre später, ein neues Referendum notwendig macht. Außerdem fehlt das komplette Wissen, dass nicht nur in Irland die Rechtslage zur Zeit so ist wie sie ist, sondern auch in Polen das Abtreibungsrecht verschärft wurde, beziehungsweise in Malta Abtreibungen verboten sind.

Volksabstimmungen in Irland

Volksabstimmungen haben in Irland eine lange Tradition. Die Regierung lässt gerne das Volk abstimmen, wenn die Politiker sich nicht unbedingt in die Nesseln setzen wollen, wie zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Man kann damit auch kein Geld verdienen und hinterher, mit dem Hinweis „Ihr wolltet es doch so,'“ jegliche Verantwortung von sich schieben.

Die erste Volksabstimmung zum Abtreibungsgesetz gab es 1983. In Irland, wie wahrscheinlich in jedem anderen europäischen Land, wurde Abtreibung auch in hier leidenschaftlich diskutiert. Abtreibung war hier verboten und hätte es den Fall der Hausfrau Sheila Hodgers aus Dundalk nicht gegeben wäre es wahrscheinlich nie zur Abstimmung gekommen, wer weiß das schon. Mrs. Hodgers, die zu diesem Zeitpunkt unheilbar an Krebs erkrankt war, gebar wenige Tage nach ihrem Tod ein Kind, welches sofort verstarb. Daraufhin wurde eine Debatte geführt, ob es nicht besser gewesen wäre hätte man, wie in anderen Ländern, eine Abtreibung durchgeführt.

Fakt ist auf jeden Fall, dass die Abtreibungsgegner zu dem Zeitpunkt die besseren Argumente hatten und die Befürworter offensichtlich nur unzureichend vorbereitet waren, was dazu führte, dass die Gegner die Volksabstimmung gewannen und, da es auch darum ging das Leben aller Iren zu schützen, dieses in die Verfassung aufgenommen wurde, denn das war eines der Argumente. Auch wenn ich Religion ablehne, aber die katholische Kirche hatte wenig Einfluss auf die Debatte. Deutsche, die Leidenschaftlich die Bedingungen in anderen Ländern diskutieren, wären gut beraten, wenn sie sich informieren und nicht mit Hurragebrüll irgendetwas schreiben, nur weil das ihrer Vorstellung entspricht, wie andere Menschen zu sein haben.

Wie Falschmeldungen sich ausbreiten

In der Debatte über die Volksabstimmung kann man sehr gut beobachten, wie Falschmeldungen sich im Netz verbreiten und einfach Nachrichten übernommen werden statt sie zu prüfen. In einem Artikel für die taz schrieb Ralf Sotscheck über den Tod von Savita Halappanavar, „Die Ärzte weigerten sich: Solange das Herz des Embryos schlage, dürften sie nichts unternehmen. „Das ist ein katholisches Land“.“ In dem Artikel vermischt er Tatsachen mit Vermutungen zu dem Fall, die so gar nicht stattgefunden haben, aber von anderen deutschen Zeitungen ungeprüft übernommen wurden.

Am 28. Oktober2012 starb die 31 jährige Zahnärztin Savita Halappanavar im Universitätskrankenhaus von Galway an Schwangerschaftskomplikationen. Die Ärzte, das gibt Sotscheck korrekt wieder, verweigerten den Schwangerschaftsabbruch mit dem Hinweis auf das irische Gesetz, dann allerdings setzt er noch einen drauf und behauptet, dass die Ärzte gesagt hätten dies sei ein katholisches Land. Keine Ahnung wie er darauf kommt, aber das haben sie nie gesagt. Weder irische Zeitungen, noch die Krankenhausberichte wissen davon und der Bericht des HSE sowie das folgende Gerichtsurteil nahmen nicht Sotschecks Aussage, sondern das was wirklich gesagt wurde zum Anlass, dass der Gesetzgeber gezwungen war das Eight Amendment zu überarbeiten. Statt allerdings das Ganze zu kippen, wurde es verschlimmbessert, so das nun keiner mehr weiß was richtig ist.

Aber es war nicht nur diese Aussage die offensichtlich ungeprüft Einzug in deutsche Medien und damit auch Munition für sämtliche AbtreibungsbefürworterInnen lieferte. So schrieb Sotscheck davon, dass bei Abtreibung 14 Jahre Haft drohen. Wenn also, wie er vorher schrieb, Abtreibung in Irland verboten ist und Abtreibungskliniken nicht existieren, wie kann dann jemand für Abtreibung in Irland 14 Jahre Haft wegen Totschlags erhalten, macht wenig Sinn oder?

Laut dem Faktencheck der Irish Times reisten mehr als 170.000 irische Frauen in das europäische Ausland, um abtreiben zu lassen. Wären diese für 14 Jahre in’s Gefängnis gegangen, dann wären die irischen Gefängnisse überfüllt. Bezeichnend für diese Praxis in’s Ausland zu reisen ist der Fall eines jungen Paares denen der Arzt sagte, dass ihr Kind nur eine Woche überleben würde und riet dazu, dass die Beiden in England eine Abtreibungsklinik besuchen sollten, was sie schweren Herzens auch taten. Es kam wie es kommen musste, Freunde zeigten das Paar an und Beide gingen an die Öffentlichkeit und lösten in Irland eine neue Debatte aus.

Man verstehe mich nicht falsch. Ich habe natürlich kein Recht über den Körper einer Frau zu bestimmen und als Mann werde ich wohl kaum in die Verlegenheit kommen ob ich abtreibe oder nicht, außerdem wäre ich für eine Schwangerschaft auch viel zu alt. Als Liberaler stehe ich aber dazu das Frauen das Recht haben sollten über so eine Frage selbst entscheiden zu dürfen, ohne kriminalisiert zu werden. Aber es ärgert mich jedes Mal, wenn ich deutsche Zeitungen, beziehungsweise die Kommentare verfolge und frage mich, was maßen sich diese Leute eigentlich an uns zu beurteilen oder Ratschläge zu geben? Sotscheck liegt mir mit seinen Artikeln eh schon im Magen und ich frage mich manchmal, warum er seit 30 Jahren hier lebt, wenn er die Iren anscheinend nicht leiden kann. Und, bevor jemand fragt, ich und meine Frau unterstützen diese Kampagne voll und ganz.

In Polen debattiert man darüber das Abtreibungsrecht zu verschärfen und in Malta ist Abtreibung komplett verboten, aber bei Irland glaubt man, man müsse den Leute sagen was sie zu tun und zu lassen haben. Dabei wissen die Iren, wie sie es bei Abstimmung über Gleichgeschlechtlichen Partnerschaften bewiesen haben, am Besten wie sie sich entscheiden müssen, ohne dass irgendwelche deutschen Besserwisser und Rechthaber das erklären müssen.

Wer sich informieren will:

http://www.thejournal.ie/abortion-referendum-1983-what-happened-1225430-Dec2013/

Darum geht’s

https://www.togetherforyes.ie

Das sind die Gegner der „Yes“ Kampagne

https://prolifecampaign.ie/main/

(Bezeichnenderweise sind viele junge Iren und Irinnen gegen die Abschaffung des Eight Amendment, wohingegen viele ältere Iren für die Abschaffung sind)

https://www.irishtimes.com/life-and-style/people/the-women-s-podcast

https://www.irishtimes.com/news/politics/abortion-referendum/abortion-facts

http://www.thejournal.ie/factcheck-uk-ireland-abortion-law-4027157-May2018/

https://edition.cnn.com/2018/05/22/health/ireland-abortion-referendum-travel-intl/index.html

 

Blut und Boden

Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost. Carl Zuckmayer „Des Teufels General“  Völkermühle Europas

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AfD sauer weil Deniz freigelassen und nicht gefoltert wurde.

Eigentlich ist es schon eine Groteske wenn man eine Debatte darüber anstößt, wer einem Volk angehören darf und wer nicht. Diese Groteske fand in Deutschland ihren Höhepunkt, mit einem Antrag der AfD, zur Freilassung Deniz Yücels aus einem türkischen Gefängnis. Mir geht es nicht darum, ob die Bundesregierung nun auf die Türkei eingewirkt hat oder nicht, oder ob irgendwelche Deals stattgefunden haben.  Ich glaube es war so, wie der im Asyl lebende türkische Journalist Can Dündar in einem Interview mit der Zeit geantwortet hat: „Der Sultan hat Deniz Yücels Verhaftung angeordnet und der Sultan hat beschlossen, dass er freigelassen wird.“

Ich war genauso froh wie die Meisten, dass Deniz frei ist und das zählt erst einmal. Und ich hoffe, dass auch die anderen inhaftierten Journalisten freikommen, deren Verbrechen es ist, dass sie ihren Job ausüben. Mir geht es allerdings um etwas anderes, denn der Antrag der AfD hat gezeigt, auf welchem Weg Europa mittlerweile angekommen ist. Es geht der AfD auch nicht darum, was Yücel, der übrigens damals für seinen Artikel 20.000€ Strafe zahlen musste, nun geschrieben hat und was nicht. Und wenn nicht Deniz Yücel, sondern Fürchtegott Liebrecht Frommhold, der Antrag wäre gar nicht gestellt worden.

Es geht der AfD auch nicht darum, dass die Bundesregierung ihre Missbilligung über einen Artikel Yücels zum Ausdruck bringt, den er vor einigen Jahren schrieb, sie wissen wahrscheinlich selber dass das Absurd ist.

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Cem Özdemir in Hochform zerlegt die AfD

Es geht der AfD vielmehr darum auszuloten, wie weit sie in dieser Gesellschaft gehen können. 2005 sorgte die sächsischen NPD Abgeordneten Apfel und Gansel für einen Eklat, als sie vom „Bombenholocaust“ und von der „vermeintlichen Befreiung“ Deutschlands sprachen. Sowohl die NPD als auch die AfD wissen genau, dass sie mit solchen Eskapaden nicht durchkommen, aber es sorgt für allgemeinen Zuspruch bei den sogenannten „Wutbürgern.“Sie haben die Möglichkeit auszuloten, wie weit sich Meinungsfreiheit und parlamentarische Demokratie dehnen lassen und besitzen die Meinungshoheit bei Leuten, die schon gewußt haben wollen, dass Deutschland von Volksverrätern regiert wird. Man gibt diesen Leuten auch das Instrument in die Hand, sich als Opfer darzustellen, die zu Unrecht in die Schmuddelecke gestellt werden. Dass sie das sind, Schmuddel, steht außer Frage, aber man muß ihnen nicht noch das Büßergewand reichen. Und folgerichtig kam es, wie es kommen mußte die AfD sieht sich als moralischen Sieger dieser Groteske und jauchzt: „MERKE: Wenn Gutmenschen kritisiert werden, ist es Hetze. Wenn eine Aussage gegen Deutsche („Köterrasse“) kritisiert wird, ist es Zensur. Und wenn Herr Yücel ein „deutscher Patriot“ sein soll, muss rasch das Staatsangehörigkeitsrecht überdacht werden. #afd“ So schrieb es der Herr Beckamp, Landtagsabgeordenter der AfD in NRW, auf seinem Twitter Account.

Sowas kommt an bei denen, die der Meinung sind, dass Roberto Blanco seinen deutschen Paß doch eh mit irgendwelchem Bimbes erhalten hat, gut an. Volkszugehörigkeit definiert sich nicht durch Paß oder Geburt, nein ihrer Meinung nach definiert sich Volkszugehörigkeit nach dem Ahnenstamm.

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Westentaschenführer muss eingestehen: Hitler war gar kein Deutscher

Nur wer lückenlos nachweisen kann, dass sein Stammbaum bis zu Otto dem Kühnen zurückreicht, ist es wert in den Kreis des Kollektivs aufgenommen zu werden. Oder, für Österreicher, ein direkter Nachfahr Ludwig III ist, dem Urvater der Babenberger und Gründer Österreichs.

Leider hat das in Europa unter all diesen Populisten schon seit längerem Methode und beschränkt sich nicht auf Deutschland oder Österreich. Hier in Irland findet man sehr häufig Kommentare, die Neubürgern das Recht absprechen Iren zu sein, oder sich als solche zu bezeichnen. Allen Ernstes fordern sie, dass nur Ire sein darf, wer praktisch noch vor Ankunft der Wikinger im Land lebte. Eine in der Tat groteske Situation denn Irland war in der Vergangenheit immer der Vorgarten fremder Mächte. Die Kelten waren die Ersten die vom Festland aus die Insel besiedelten. Ihnen folgten die Mönche, meist Angelsachsen, dann kamen die Wikinger bis die Normannen Fuß fassten und Irland für die englische Krone in Besitz nahmen.

In Cork haben wir einen Juwelier mit Namen Hilser und ich nehme nicht an, dass die Hilser Brothers mit den Hilsers in Furtwangen verwandt oder verschwägert sind. Eher nehme ich an, dass die Vorfahren in Schweizer Diensten standen und die Schweizer wiederum in englischen. Wahrscheinlich war der Herr Hilser in Irland stationiert und hat sich, nach Ende der Dienstzeit, hier niedergelassen, geheiratet und Kinder bekommen. Der erste Staatspräsident des Freistaates Irland, Éamon de Valera, geht auf Spanier zurück. Wahrscheinlich haben sich auch Türken hier niedergelassen, als der türkische Sultan während des Famines Schiffe nach Irland sandte, wer weiß.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, genannt der Viktator, beschwört in jeder seiner Reden das Großmagyarische Reich.

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Der Viktator liebt Kinder und verschweigt seine Westsibirische Abstammung…Komplott der Liberalen?

Das kommt an, lenkt von Problemen wunderbar ab, denn „Wir“ gegen „Die“ begreift auch der größte Holzkopf. Ungarn sind nicht mehr die, die im europäischen Ausland leben und arbeiten, denn die könnten ihm ja in die Suppe spucken. Oh nein, Ungarn sind die, die im Kernland und im historischen Ungarn leben, also auch die ungarische Minderheit in Rumänien. Das ist eine griffige Formel und alle die im Ausland arbeiten haben ihr Recht verwirkt Angehörige der Magyaren zu sein, praktisch Verräter.

Das Problem ist, dass Volk, leider auch von Liberalen, auf einen völkischen Nenner runtergebrochen wurde. Man definiert sich durch Abstammung, nicht durch Geburt. Der Satz, „eine Katze die in einem Fischladen geboren wurde, ist noch lange kein Fisch,“  sagt alles worum es diesen Leuten eigentlich geht. Und das kommt an. Man kann sich so auch als unschuldiges Opfer der bösen „Gutmenschen“ sehen und Orbán spielt diese Klaviatur des Opfers noch eine Oktave höher, in dem er den „Verfolgten des westlichen Liberalismus“ Asyl anbietet. Quasi eine Wagenburg der europäischen Identität.

So sehr ich Cem Özdemirs Wutausbruch im Bundestag auch nachvollziehen kann und ihn im ersten Moment, als ich ihn gesehen habe, Beifall zollte, so sehe ich jetzt in seiner Rede einen Steilpaß für diese Populisten.

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Gottfried Curio AfD: Baut der Physiker vielleicht eine Atombombe im Keller?

Die Frage allerdings wird sein, wie geht am Besten mit diesen Leuten um? Im englischen und irischen Fernsehen läuft häufiger die Werbung von Ancestor DNA, Vielleicht sollte man diese Leute, und ihre Sympathisanten, zwingen sich einem DNA Test zu unterziehen. Eventuell erledigt sich dieses völkische Kasperltheater von selbst, wenn ein Herr Gauland plötzlich die Feststellung macht, dass einer seiner Vorfahre ein durchreisender Mongole aus der Steppe ist, oder Herr Gottfried Curio stellt überrascht fest einen Ahnherren aus den Weinbergen Sardiniens zu besitzen.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob damit die Debatte und groteske Aträge der Vergangenheit angehören würden. So wie ich diese rechten Wuthamster einschätze würden sie dann die nächste Sau durch‘s Dorf treiben.

Expedition Selfishness

Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger Jahre brachen Legionen westeuropäischer junger Leute in Richtung Indien auf. Der Hippie Trail prägte Generationen von Aussteigern und Abenteurern und schuf den Mythos von Bully, Käfer, Mercedes und Ente.

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Hippie Bully

Der Ansturm dieser zivilisationsmüden Europäer nötigte die marokkanische Regierung dazu, dass man den langhaarigen unter ihnen den Zugang verweigerte. Nordamerikaner, Australier und Neu Seeländer bevorzugten den direkten Weg und kauften sich Flugtickets nach Bangkok, Goa, oder Kabul. Oder sie fuhren Richtung Mexiko. Meist blieben sie dort in Tijuana, genossen die Zeit, und machten sich nach einer Weile wieder auf in das Alltagsleben.

Viele Bücher wurden geschrieben und viele Lieder komponiert. Am Ende wurden die Meisten erwachsen und tauschten ihr „Hippie Leben“ für ein bürgerliches Leben ein, wurden seßhaft, gründeten eine Familie und tauschten Kabul gegen einen Job im Büro. Einige machten Karriere und es gab einige, bei denen dauerte der Selbstfindungstrip ein Leben lang, oder endete, wie im Falle vieler junger Briten durch eine Überdosis Heroin auf dem britischen Friedhof von Kabul.

In den Achtziger Jahren lernte ich drei Leute kennen, für die war das Abenteuer weit mehr als der Versuch irgendwo im Ausland ein Aussteigerleben zu führen. Einer davon war Koch. Beeindruckt hat mich sein wildes Aussehen, denn mit Bart, Ohrring, und Freibeuterhose sah er aus, als wäre er aus der Zeit gefallen. An seinen Namen erinnere ich mich nicht mehr. Kennengelernt hatte ich ihn, als ich mir ein bißchen Geld als Aushilfe verdient habe und von einem Gastronom als Kellner angeheuert wurde. Der Koch arbeitete ausschließlich als Saisonkraft sechs Monate in Deutschland bis er genügend Geld für seine eigentliche Leidenschaft hatte, Reisen und Fotografieren.

Sobald die Saison beendet war schnallte er sich seine Enduro auf den Rücken, packte ein paar Klamotten und seine Kameraausrüstung ein, die wahrscheinlich jedem Fotografen Tränen in die Augen getrieben hätte, und machte sich auf den Weg nach Afrika. Dort fuhr er kreuz und quer, machte tausende von Aufnahmen und, wenn das Geld knapp wurde, arbeitete er in den Touristenressorts als Koch oder Spüler, bis das Geld für die nächste Passage, den nächsten Grenzübertritt, oder halt zum Leben reichte, obwohl er nicht viel benötigte.

Ich fand ihn Cool. Nach Feierabend zeigte er seine Fotos die er geschossen hatte und man merkte ihm seine Freude darüber an, dass er mit wenig Geld, sich seinen Traum von Lebensplanung erfüllen konnte.
Ich habe keine Ahnung was aus ihm geworden ist. Vielleicht führt er Heute das typische Leben eines Mittelständlers, vielleicht ist er aber auch immer noch mit seiner Enduro von Marokko bis Südafrika unterwegs auf der Suche nach dem Besten Fotomotiv.

Ein Anderer arbeitete in den Wintermonaten als Spüler. Sobald das Wetter besser wurde heuerte er bei einer der Transkontinentalen Speditionen an und fuhr, da LKW-Führerschein, mit seiner Fracht teilweise bis nach Sibirien.

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70er Jahre, vom Sande verweht: Mühsam sind die langen Touren bis nach Pakistan. Sand-bound in the 1970s: A journey to Pakistan was a long and difficult proposition.

Einmal erzählte er mir wie er Anfang der Achtziger Jahre mit einer Fracht nach Pakistan unterwegs war. In Afghanistan brach zu dem Zeitpunkt gerade der Krieg aus, also bemühte er sich so schnell wie möglich Pakistan zu erreichen. Da er für eine Siegburger Spedition unterwegs war kam es wie es kommen musste und er wurde von den Mujaheddin festgehalten, die natürlich der Meinung waren das SU nicht für Siegburg stehen würde, sondern für Sowjetunion und das er kein Deutscher, sondern Russe sei. Nach langem Hin und Her gelang es ihm seine Geiselnehmer zu überzeugen und, damit ihm das nicht wieder passieren würde, pinselte man mit weißer Farbe das SU zu und mit schwarzer Farbe ein arabisches Zeichen drüber. So kam er dann auf Umwegen zur pakistanischen Grenze und seine Fracht nach Islamabad.
Allerdings habe ich ihn nicht gefragt, wie er denn wieder nach Deutschland kam, denn der einzige Rückweg führte über Tadschikistan, welches zu dem Zeitpunkt sowjetisches Hoheitsgebiet war.

Der dritte im Bunde, mein damaliger Bekannter Joachim, fuhr immer die Skandinavien Route bis in den hintersten Winkel Finnlands. Er meinte, dass diese Strecke niemand gerne fuhr, so dass er immer Jobs bekam weil die Speditionen Fahrer speziell für diese Route benötigten.
Keiner der Drei hat jemals drüber geschrieben was sie so erlebt hatten bei ihren „Abenteuern.“ Der Erste erfüllte sich seinen Lebenstraum mit seinen Reisen, die beiden Anderen verknüpften den Beruf mit dem Abenteuer um andere Länder zu bereisen. Entweder man war Auslandskorrespondent bei ARD und ZDF, oder halt Fernfahrer.

Im Zeitalter des Internet findet man, wenn man ein bisschen googlet, Hunderte von Leuten, die von Ihren Reisen berichten. Sei es als Blog, oder Vlog. Viele von ihnen kann man mit Fug und Recht als Abenteurer bezeichnen die Postings ihrer Reise entweder aus Kathmandu auf ihrem Blog hinterlassen, oder als Backpacker aus China berichten. Ich denke mal dass die Meisten von ihnen keinerlei finanzielle Interessen haben, sondern mit ihren Berichten ihre Reise finanzieren. Auch mit dem Fahrrad um die Welt ist keine neue Geschichte.

Abenteurer des 19ten und frühen 20ten Jahrhunderts, oder mit dem Hochrad um die Welt

Der erste, der diese Reise unternahm, war der Engländer Thomas Stevens. Stevens, 1854 im beschaulichen Great Berkhamstead geboren, umrundete auf seinem Hochrad 1884 die Welt von seinem Wohnort San Francisco aus. Seine Reise endete wieder in San Francisco am 17.12.1886 und brachte ihn, wie weiland Phileas Fogg, allerdings in 105 Tagen um die Welt.

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Thomas Stevens

1894 brach dann die erste Frau zu ihrer Weltreise per Fahrrad auf. Annie Londonderry, eine lettische Immigrantin aus Boston, ließ 23 jährig ihren Ehemann mit den drei Kindern daheim zurück und radelte, finanziert von Sponsoren, mit dem Fahrrad um die Welt. Beeindruckender war wohl nicht die Reise an sich, sondern die Geschichten die Mrs. Londonderry von ihrer Reise zu berichten wußte.

Neu ist auch nicht das Sponsoring, denn viele Reisende -siehe Mrs. Londonderry- promoteten ihre Reise rund um den Erdball. Sei es mit Zeitungswerbung, Reiseberichten, oder Büchern. Und nicht nur per Fahrrad, per Auto, zu Fuß, per Esel, Pferd, Anhalter usw. usw. die Berichte sind recht vielfältig.

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Annie Londonderry

1907 nahm das Abenteuer professionelle Züge an, als die französische Zeitung Le Matin am 31. Januar folgenden Artikel veröffentlichte: „Was heute noch bewiesen werden muss, ist, dass ein Mann, solange er im Besitz eines Autos ist, alles tun und sich überall hinbegeben kann. Gibt es jemanden, der diesen Sommer eine Fahrt per Automobil von Peking nach Paris unternehmen wird?“
Insgesamt machten sich dann 40 Teilnehmer per Schiff auf nach Peking, allerdings blieben davon nur 5 Teilnehmer übrig. Nachdem entschieden worden war, dass das Rennen nicht stattfinden sollte, machten sich die verbliebenen 5 halt ohne Genehmigung auf die damals 16.000 Kilometer lange Reise quer durch China, Mongolei, Russland, Lettland, Polen und Deutschland auf nach Paris. Dem Gewinner der Rally winkte, als „grandioser Preis,“ eine Magnum-Flasche Mumm Champagner. Man stelle sich vor, es würde heute dem Gewinner statt Geld, eine Palette Red Bull winken.

Der Gewinner damals, der italienische Adlige Scipione Borghese, fuhr auch nicht selber, sondern hatte seinem Mechaniker und Chauffeur Ettore Guizzardi das Volant überlassen. Komplettiert wurde das Duo und damit zum Trio, durch den Reporter Luigi Barzini vom Corriere della Sera, der minutiös über jeden Kilometer der Reise nach Italien berichtete. So gesehen war es für Borghese auch ein finanzieller Gewinn. Zweiter wurde übrigens der Engländer Charles Goddard, der diese Reise aus Geldmangel komplett fremd finanzieren und seinen Spyker öfters ausleihen musste, um diese Reise zu bewältigen. Allerdings ist nicht bekannt was aus Goddard wurde.

Es gab und gibt allerdings immer Menschen die diese Dinge nicht unbedingt aus Selbstlosigkeit, oder aus Abenteuerlust starten, sondern weil sie ein finanzielles Interesse daran haben und es ist natürlich ungefährlicher mit dem Rucksack durch Neuseeland zu trampen, als ein Badeurlaub am Unterlauf des Amazonas. Vor zwei Wochen bekam ich auf Grund unserer Sehgewohnheiten einen Vorschlag von Netflix. Der Film „Expedition Happiness“ handelt von zwei jungen Leuten, die auf der Suche nach dem „Glück,“ mit einem umgebauten Schulbus von Alaska bis Feuerland reisen wollen. Soweit so interessant. Also habe ich mir diese selbstgedrehte Doku angeschaut.

YouTube goes Hollywood

Felix Starck und seine Freundin, die Sängerin Selima Taibi, genannt Mogli, wohnen in Berlin, sind gelangweilt von der Routine und wollen sich einen Traum erfüllen, den der Selbstverwirklichung. Klar, wer will das nicht? Also kaufen sie sich via Internet einen alten Schulbus in den USA, verkaufen und kündigen fix alles, setzten sich in den Flieger und düsen ab nach Amerika. Dort verwandeln sie dann den Schulbus in ein Wohnmobil und fahren, da das Touristenvisa langsam ausläuft, mit Sack und Pack und Hund nach Kanada.
Alles noch sehr sympathisch, da beide sich bemühen beim zusehenden Publikum gut auszusehen.

Unterbrochen werden die Selfies von Landschafts- sowie Tieraufnahmen und man sieht auch andere Menschen als die Beiden. An der kanadisch-amerikanischen Grenze gelingt es ihnen ein erneutes Touristenvisa zu bekommen, so dass sie nach Alaska können. Und hier fängt der Film langsam an ärgerlich zu werden.
In Alaska filmen sie den Denali, der höchste Berg der USA, erwähnen aber nicht den Namen, „ach und wir sind jetzt am höchsten Berg der USA.“

 

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Irgendsoein hoher Berg

Wissen sie es nicht oder ist der Name für sie eher nebensächlich, weil es eigentlich um sie geht.Zurück in Kanada haben sie einen Termin im US-Konsulat, da sie ja wieder ein Visa benötigen um die USA zu durchqueren. Beim ersten Mal geht es schief, denn der Beamte vermutet dass die Beiden sich beim ersten Mal illegal in den USA aufgehalten haben und verweigert das Visum. Zu allem Unglück muß auch der Hund zum Tierarzt. Ist blöd, aber sie schildern den Besuch im Konsulat als überaus dramatisch, wo mir dann nur einfällt, „do your homework.“ Natürlich informiert sich der Beamte und hat zig tausend Fragen, wenn man keine, oder nur unbefriedigende Antworten, zur Verfügung hat, dann hält er sich an das Gesetz. Vor allem sind die Gesetze in den USA schärfer und seit Donald Trump noch stringenter.

Also nehmen sie den nächsten Termin wahr -Drama- und bekommen ihr Visum das ihnen ermöglicht, durch die USA nach Mexiko reisen zu können.
Kurz nach der Grenze dann das nächste Ärgernis für den Zuschauer. Der Hund muß in Quarantäne. Nun ist Quarantäne ein normaler Vorgang, allerdings sagen sie, dass der Hund dort schlecht behandelt wird und trotz Hitze kein Wasser bekommt. Ich habe keine Ahnung ob es sich so zugetragen hat, würde aber spätestens jetzt den Heimweg antreten, denn der Hund wäre mir wichtiger als mein Ego.
Für beide scheint es aber kein großes Problem zu sein denn schließlich ist der Weg das Ziel und der heißt Feuerland.

In Kalifornien beschließen sie kurzerhand durch die Mojave zu fahren denn klar, dem Hund tut ja ein bisschen Wüstenluft bestimmt gut und es kommt wie es kommen muss, der Hund kollabiert. Hektisch bemüht sich Selima den Hund mit nassen Tüchern zu kühlen und groß ist die Freude als der Hund sich wieder berappelt. Wahrscheinlich hat der arme Wuff zu diesem Zeitpunkt bereits mit seinem Leben abgeschlossen.
Zum Glück, auch für den Zuschauer der bis hierhin durchgehalten hat, erreichen sie Mexiko und es gibt mehr Bilder von der Landschaft zu sehen.

Eingeladen werden sie in eine Chili Fabrik und zum Abschluss dürfen sie die Farm besuchen, wo die Chilis geerntet werden. Nun wundern sie sich warum der Besitzer zwei Tiger im Käfig hat, sie Teile der Farm nicht filmen dürfen (eigentlich filmen sie überwiegend sich selber) und im hinteren Teil der Farm ein Rollfeld mit einer Boing steht. Später erfahren wir, dass es sich anscheinend um einen Drogenboss handelt, „ich weiss nicht wie man die nennt…ich glaube so Narco, oder Narcos oder so, auf jeden Fall gefährlich.“ Hätten sie sich vor der Reise informiert, dann wäre Ihnen bewusst geworden, dass der gesamte Norden Mexicos im Kriegszustand mit der Regierung in Mexico City ist und ein Menschenleben dort nicht viel gilt. So erklärt sich auch das Abends auf dem Parkplatz, wo sich ihr Nachtlager befindet, schwerbewaffnetes Militär steht –„Ich glaube die sind hier um uns zu beschützen“

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Mojave: Paradies für Berner Sennenhunde

Sie verlassen also die Gegend und reisen an den Golf von Mexiko und dort passiert es dann, der Hund kollabiert endgültig und muß in die Tierklinik. Nun steht nicht die Überlegung im Raum sofort die Reise abzubrechen, sondern ob der Hund es bis nach Panama schafft, sind ja auch nur knapp 3.166 Km. Nachdem der Hund sich langsam zum Sterben vorbereitet und die Tierärztin den Beiden den Ernst der Lage erklärt, dass der Hund es nicht mehr länger schafft auf Grund der Strapazen und dass er schon sehr viel an Medikamenten bekommen hat, da entscheiden die Beiden die Reise aufzugeben und nach Deutschland zurückzukehren.

Der Zuschauer sagt nun, „endlich! Gottseidank ist der Film vorbei!“ Und ich frage mich warum ich mir die 90 Minuten angetan habe. Bin ich etwa wie diese Schaulustigen? Diejenigen die sich über andere Schaulustige aufregen, aber selber unbedingt hinschauen müssen, wenn ein Unfall passiert ist. Wahrscheinlich ja, denn sonst hätte ich nicht im Internet nachgeschaut, wer die Beiden eigentlich sind.

Felix Starck, der männliche Teil, wurde bekannt als „Weltumradler,“ wobei Welt es nicht ganz trifft, denn geradelt ist er eigentlich nur einzelne Etappen und meist ist er schlicht und ergreifend geflogen. Dann hat er das ganze, was er gefilmt hat, auf DVD gezogen und war völlig überrascht, als sein Film von Kinobesitzern angefragt wurde. Im Kino schauten sich 180.000 Leute seine YouTube goes Movie an und bescherten ihm ein „bißchen“ Geld, so dass er sein Startkapital für Expedition Happiness zusammen hatte.

Im Prinzip wäre dagegen auch nichts einzuwenden und ich wäre der Letzte der etwas dagegen hätte, im Gegenteil, ich bewundere Leute die clever genug sind selbst mit Nichts Geld zu verdienen. Hier allerdings verhält es sich etwas anders und der gute Mann ist in meinen Augen nichts als ein Selbstdarsteller, allerdings ein guter, der anderen Leuten etwas vorheuchelt. Zu seinem „Expedition Happiness“ erklärt er in seinem Vlog, dass nicht geplant sei damit Geld zu verdienen, warum er den Film dann ausschließlich in englischer Sprache gemacht hat und nicht auf YouTube veröffentlicht, wenn ihn Geld nicht interessiert, ist ein bisschen Rätselhaft. Auch sein Umgang mit kritischen Kommentaren zeugt nicht gerade von Professionalität. So sperrt er konsequent kritische Kommentare, beleidigt die Personen und droht mit seinen Anwälten gegen Kritiker vorzugehen. Auch die Vermarktung der DVDs hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, wenn man den Käufern für gute Kritiken bei Amazon gratis DVDs verspricht.

„Frohes Neues ihr Rabauken! Als Start in das Jahr 2016 habe ich gerade 5.000€ an das DRK Herxheim und HerxheimBUNT gespendet. Kaum setzt man ein Zeichen gegen Fremdenhass bekommt man direkt Gegenwind. Bei amazon bewerten Leute meine Doku Pedal the World mit nur einem Stern, obwohl sie den Film nie gesehen haben – einfach nur zum „haten“! Ich würde mich freuen wenn sich ein paar von euch die Zeit nehmen den Film objektiv zu bewerten. Als Dankeschön würde ich ein paar kostenlose DVDs an die Schreiberlinge schicken. Wer hat Lust? Hier geht es zur DVD: goo.gl/BWy4Wn“

„ach und vielleicht die negativen kommenare als „nicht hilfreich“ deklarieren…“ (Quelle: Amazon Pedal the World)

Schon der erste Film war kein Hobbyprojekt und er hat es nicht mit Nichts gestartet, wie er an einigen Stellen erzählt. In einem Interview mit dem Spiegel zu seinem Film „Pedal the World“ erklärt er, 12.000€ gespart zu haben und für die Reise habe er alles verkauft, „Ich habe vier Jahre lang Geld von meinem Gehalt abgezapft und vor der Abfahrt alles verkauft: mein Auto, meinen Kühlschrank, meinen Mac. Ich hatte nichts mehr. Aber das war es mir wert.“
Naja, so ganz erklärt es nicht, warum er auf seiner Website schreibt: „Nach erfolgreichem Abschluss nutzte ich meine Kontakte in der Sportartikelbranche und suchte mir so die nötigen Sponsoren um eine solche Reise realisieren zu können.“ Klingt also schon ein bisschen anders.

„Dieses habe ich auch hier als Renzension kundgetan. Daraufhin wurde ich auf Facebook von Felix Starck angegangen und er betonte, meine „Aktion“ wäre geschäftsschädigend: „Verlieren bestimmt etliche käufe durch den S*****“.
Eine neue DVD wurde mir dann schlussendlich gegen das Entfernen meiner Rezension angeboten – die aber auch erst noch mehrmaligem Nachfragen dann tatsächlich versandt wurde.
Ich weiß nicht, in welcher Welt man einen Kunden so behandelt aber das ist so verdammt unsympathisch gewesen, dass der nette und sympathische Hauptdarsteller aus dem Film direkt klar gemacht hat, worum es hier geht: Marketing und Geldmacherei.
Das macht alles, wofür der Film stehen könnte, kaputt.“ (Quelle Amazon: Pedal the World)

Auch ist seiner Freundin offensichtlich nicht die Decke auf den Kopf gefallen, sondern sie hat die Möglichkeit gesehen ihr Musikalbum besser zu vermarkten.
Noch einmal, ich habe nichts dagegen wenn jemand mit dem was er macht Erfolgreich ist und ich gönne jedem den Erfolg, wenn dieser auch erarbeitet ist. Ich fühle mich aber verschaukelt, wenn mir das Märchen vom Tellerwäscher vorgegaukelt wird. Hätte er gesagt, „ja, ich habe mir mit Crowdfunding die Reise finanziert und versprochen, dass ich einen Film drehe,“ fair enough, das hätte sich auch besser angehört.

Und das ist das Problem an Kanälen wie YouTube. Es gibt dort viele Talente, es gibt aber auch ebensoviele Selbstdarsteller/Blender und diese Selbstdarsteller/Blender haben meist die größte Anzahl an Follower und Claqueure, die jeden noch so hahnebüchenen Unsinn mit Zähen und Klauen verteidigen. Hinterfragt wird kaum etwas und wenn jemand es wagt die Aussagen zu hinterfragen, dann wird beleidigt und mit dem Anwalt gedroht. Schöne neue Welt.

Übrigens: Viel substanzielles hatte der Film nicht zu bieten. Außer einem jungen hübschen und selbstverliebtem Pärchen, kamen nur Weisheiten aus dem Spruchkalender zum Einsatz. Haben sie ihr Glück gefunden? Das können nur sie selber beantworten, ich denke aber, wenn sie einen Blick auf die Verkaufszahlen werfen, dann dürften sie wohl glücklich sein und die alte Wahrheit bestätigen „Geld bedeutet nicht alles, aber es beruhigt ungemein.“ Mein Fazit: Wer nicht viel Wert auf gute Reisedokumentationen legt und stattdessen YouTube Social Media Influencer genießen möchte, dem sei der Film empfohlen. Alle anderen…Finger weg!

„Bei kleinsten Problemen wurden bereits im Blog sehr komische, teils sehr beleidigende Äußerungen getroffen. So wurden nach einem schwierigen Grenzübergang erst einmal pauschal alle Amerikaner gnadenlos in einen Topf geschmissen und beleidigt. Bei sachlich geäußerter Kritik (ich kann sehr wohl zwischen Kritik und Hass-Kommentaren unterscheiden) wurden auf Facebook und Co. die „doofen“ Kommentare gelöscht, die Kritiker direkt gesperrt, z.B. ich. Spricht nicht gerade für die Professionalität des selbsternannten Filmemachers.
Und als dann bei der Abenteuerreise aufgrund der hohen Kosten das Geld ganz schön schnell das Konto verließ, wurde schnell ein Spendenaufruf gestartet, damit der Zuschauer auch weiterhin mit tollen Bildern versorgt wird. Ein Luxusurlaub mit anschließendem Spendenaufruf? Klingt sehr komisch, zumal der Hauptdarsteller im Vlog zuvor über seine finanziellen Erfolge von „Pedal the world“ berichtet hatte. Das Geld sei ihm gegönnt, aber die vorgespielte Bedürftigkeit klingt danach in meinen Ohren wie eine große Unverschämtheit.“ (Quelle Amazon: Expedition Happiness)