Ein Handwerkerleben

Die Installation in dem Haus, in dem ich vorher wohnte. Man beachte die künstlerische Anordnung die selbst den Installateur vor Probleme stellte.

In Irland, wahrscheinlich auch in Deutschland, ist es immer schwer einen Termin mit einem Handwerker zu bekommen. Vor allem wenn es ein guter Handwerker sein soll.
Wir sind in der Situation, dass unser Landlord, wenn wir Probleme im Haus haben, alle möglichen „Experten“ für jede Situation hat. Einer davon ist ein „Hans Dampf in allen Gassen,“ also zumindest für unseren Landlord.

James war das erste Mal 2015 bei uns. Es war Kalt und der Boiler funktionierte nicht mehr, so dass wir keine Heizung hatten. Da unser Landlord ein sparsamer -manche würden ihn geizig nennen- Mensch ist, versucht er notwendige Arbeiten entweder zu vermeiden, „cost me a fortune,“ oder er präsentiert, wie in dem Fall, James. Auf unseren Einwand dass es vielleicht doch besser sei, einen lizensierten Installateur zu nehmen, schließlich laufen regelmäßig Spots im irischen Fernsehen ausschließlich zertifizierte Leute zu rufen, besonders wenn es um Gas geht, reagierte er mit einer wegwischenden Handbewegung und erklärte dass dieser Mann, James, der beste Installateur ist, den irische Hochschulen wahrscheinlich in den letzten 150 Jahren hervorgebracht haben.

„Dieser Mann,“ er machte eine Pause und schaute uns beiden mit ernstem Blick in die Augen, „hat wahrscheinlich in Irland mehr Boiler und Regler installiert als Haushalte gibt und….die City Councils vertrauen ihm.“ Trotzdem war und nicht ganz wohl und zaghaft fragten wir, schließlich hatten wir das gelernt, nach einer Lizenz und erklärten, dass es leider viele schwarze Schafe geben würde.

„Ach was,“ kam die Antwort, wir könnten James doch im Internet finden, schließlich hat er bei einem der besten Handwerksbetriebe im County gearbeitet, aber jetzt halt nicht mehr, sondern wäre sowas wie ein Freischaffender Künstler, „weil er viel zu gut ist.“

Also gaben wir uns geschlagen und James betrat unser Leben. Grundsätzlich trägt er einen roten Overall, so als wäre dass das Zeichen von Qualität, quasi Freimaurer. Da ich mich noch an die Konstruktion in meiner vorigen Unterkunft erinnern konnte, die auch von dem Genie war, hatte ich doch ein mulmiges Gefühl. James murmelte etwas, was man als alles mögliche interpretieren konnte, während Derry, unser Landlord, uns Augenzwinkernd zu verstehen gab dass jetzt alles gut werden würde, James führte uns durch die Wüste wie einst Moses, mit dem Unterschied dass es bei uns wieder warm werden würde, „Ihr werdet sehen, der Radiator den ich Euch gebracht habe, war nicht umsonst.“

James tat, was wir auch versucht haben, um unseren Boiler Floyd wiederzubeleben, da das nicht funktionierte griff er tief in die Trickkiste und erklärte er würde ein Bauteil benötigen, denn das hier sei kaputt und er hätte keins auf Lager. Man sah wie bei Derry sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich, und wahrscheinlich rechnete er in Gedanken den Nutzen und die Aufwendungen durch, als er das Haus gekauft hat. Vorsichtig fragte er wie teuer das werden würde, woraufhin James erklärte dass er dies noch nicht beantworten kann. „Teurer als 100quid? Weiß ich nicht Derry, kann ich noch nicht sagen, aber ich vermute mal nicht mehr als 300.“ Derrys Gesicht wechselte nun zu einem außerordentlich gelungenem Violett und man stellte sich zwangsläufig die Frage: „Wie zum Henker macht er das?“

Er baute wieder alles provisorisch zusammen und beide, James sehr beschwingt und Derry als wäre er auf dem gang zu einer besonders schweren Beichte, verschwanden.
Es dauerte noch einige Zeit bis James das benötigte Bauteil hatte. Während wir gerade dabei waren uns zu überlegen, was man alles im Kamin verbrennen kann -wir hatten manchmal das Gefühl das unsere Nachbarn nicht nur alte Autoreifen, sondern auch die Großmutter als Heizmaterial verwenden-, als James, wie Ritter Lancelot aus dem Nichts auftauchte und uns von der Kälte erlöste. Nachdem alles wieder funktionierte, lagen wir Drei uns in den Armen und weinten hemmungslos. So müssen sich die ersten Menschen gefühlt haben als sie endlich Feuer in der Höhle und den Mammutbraten Medium braten konnten.

Das Hochgefühl hielt aber nicht lange an, denn schon am nächsten Tag war das Wunder von Cork vorbei, Floyd kalt, und die Flamme des Lichts aus. Also riefen wir Derry an, dieser wiederum rief James an und beide standen vor dem Startgerät das dafür zuständig ist, dass warmes Wasser produziert wird. James wog seinen Kopf, während Derry wohl schon Mordgedanken hatte, als James plötzlich über beide Backen strahlte und das Problem erkannte. Da der Startknopf zwei Kabel hatte die einen Zündfunken für das Gas produzierten sah man, dass ein Kabel abgerutscht war.
Also schob er das Kabel wieder auf die Verbindung und befestigte es stärker damit das nicht noch mal vorkam. James‘ Konstruktion funktioniert übrigens Heute noch.

Nun sind wir vorbildliche Mieter, wir fügen uns dem Diktat der Vereinigung irischer Landlords, das wahrscheinlich erstellt wurde, als viele Iren noch in Leibeigenschaft waren. Die Zeiten haben sich zwar gewandelt und wir Mieter müssen auch nicht mehr auf dem Feld schuften, aber leider gibt es immer noch Vermieter die in dieser Zeit stehen geblieben sind, und viele Leute sind angewiesen auf Wohnraum der selbst verschimmelt noch zu horrenden Preisen vermietet wird. Da viele unserer Abgeordneten selber Landlords sind, werden Gesetze sehr vorsichtig erlassen.
Also klagen wir nur in Ausnahmefällen und haben die, sagen wir „geschmackvolle,“ Einrichtung, die wahrscheinlich noch aus der Zeit des Anglo-Irish War stammen, schätzen und lieben gelernt. Diesmal über unsere Dusche.

Elektrische Duschen gehören zu irischen und britischen Badezimmern wie der Boiler. Als ich auf die Insel kam, da hatte ich das Gefühl Irland wäre immer noch ein Anhängsel Großbritanniens. Mittlerweile bin zu fast 100% überzeugt. Vielleicht gab es hier schon elektrische Duschen während der Zeit von Queen Victoria und als die Besatzung endete dachten unsere Gründerväter wahrscheinlich, dass es einfacher ist alles so beizubehalten. Auf jeden Fall hatten wir plötzlich Probleme beim Duschen. Das Wasser war mehr kalt als warm und tröpfelte von Zeit zu Zeit. Kurz, ich hatte das Gefühl als wäre ich wieder auf Camping Patrizia in Bolsena und es wären die Siebziger und Achtziger Jahre. Offensichtlich hatte der City Council Arbeiten an der Wasserversorgung der Stadt durchgeführt was kein Problem wäre, wenn Cork nicht von Hügeln umgegeben wäre. Da wir auf einem der Hügel wohnen hatten wir auf einmal einen niedrigeren Wasserdruck.

Wir riefen Derry an und klagten unser Leid. Da Derry es nicht so mit Hygiene hat, beispielsweise seit ich ihn kenne trägt er immer das gleiche Hemd und die gleiche Hose -vielleicht hat er aber aus praktischen Gründen den ganzen Schrank mit den gleichen Sachen voll, war es nicht ganz einfach ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass es nach 100 Jahren doch an der Zeit wäre, mal an eine neue Dusche zu denken. Derry kam also vorbei, checkte die Dusche, kratzte sich am Hinterkopf und meinte James würde sich das anschauen. Wahrscheinlich schaut James sich auch die Schleusenwerke im River Lee an, die das Wasser regulieren wenn die Flut vom Meer den Lee nach Cork reinpresst. -Man muss wissen, dass Cork auf einem trockengelegten Sumpf erbaut wurde (Corkaigh = Marschland) und der ehemalige Hafen der Stadt, der immer nicht genutzt wird, wenn auch nicht mehr so intensiv, sich praktisch bis zur Grand Parade erstreckte.-

James kam also, fummelte etwas an der Dusche rum, rief Derry an, und man konnte förmlich sehen wie sich die Farbe am anderen Ende veränderte, James‘ Telefon fing nämlich an zu leuchten. Ein paar Tage später war James wieder da und hatte einen Karton in der Hand auf dem stand, „Triton, Electric Shower, Made in England.“ Etwas unbeholfen bemühte sich James die Dusche einzubauen und konnte noch schnell aus der Badewanne springen weil er einen Test durchführen wollte, während er noch in der Wanne stand. Dann blickte er sein Werk an, klopfte sich in Gedanken selbst auf die Schulter und meinte es sei jetzt alles in Ordnung. Wieder lagen wir uns in den Armen, weinten Hemmungslos und wie weiland Wilhelm Tell erneuerten wir den Rütlischwur.

Während James aus dem Haus trat und zu seinem Auto schwebte hätte ich schwören können, dass über Knocknaheeny ein Regenbogen erschien und ein Engelschor das Lied „Auld Lang Syne“ intonierte. Wir freuten uns wie kleine Kinder und während der Dusche fühlte ich mich wie Gerhard Rolffs nach seinem Ritt durch die Wüste. Das Pionierblut meiner Vorfahren strömte förmlich durch meinen Körper, so müssen sie sich gefühlt haben als sie Tirol verließen und in Preußen ankamen. Nun war die Dusche zwar weder der preußische König, noch ein Scheich, denn die Freude währte nur kurz und nach wenigen Wochen hatten wir wieder das gleiche Problem. Jetzt war es so, dass das Wasser kochend heiß wurde, und, sobald die Temperatur annehmbar war, eiskalt wurde, sobald man mit einem Kopfsprung unter die Dusche hechtete.

Wir riefen Derry an, Derry rief James an, und James kam. Etwas ratlos stieg er in die Wanne, blickte auf die Dusche, nahm die Abdeckung ab, prüfte etwas und plötzlich standen ihm die Haare zu Berge, denn er hatte vergessen den Stromkreis der Dusche zu unterbrechen. Er baute alles mit seinen schmierigen Händen zusammen, wobei der Regler auf kalt stand, obwohl das Wasser warm wurde und hinterließ eine Fußspur die bis auf den Gehweg führte. Guter Rat war teuer, sollten wir, solange wir hier wohnten, ständig die Heizung laufen lassen, damit wir warmes Wasser für die Badewanne hatten? Aber nein, ein paar Tage später kamen beide, schauten sich die Situation vor Ort an und überlegten, wie sie das Problem lösen könnten. Derry, ganz pragmatisch, schlug vor den City Council anzurufen und um mehr Wasserdruck zu bitten, schließlich waren wir nicht die Einzigen die mit dem Wasserdruck kämpften, aber im Gegensatz zu unseren Nachbarn, die Eigentümer sind und das Problem durch spezielle Duschen gelöst hatten, waren wir Mieter.

Man beachte die geniale Konstruktion unter der Dusche. Man sieht es zwar nicht, aber James nahm eine Stichsäge und sägte beherzt ein Loch in die Rückwand, um das Rohr vom Tank mit dem Rohr der Dusche zu befestigen..glaube ich.

Wieder vergingen die Tage als plötzlich mein Telefon klingelte und es gleichzeitig klopfte. Derry hat die Angewohnheit sich nicht in angemessener Zeit zu melden, sondern steht völlig unvermittelt vor der Tür, oder klingelt, anstandshalber, Sekunden vorher durch. Beide stürmten an uns vorbei in‘s Bad und schauten sich die Dusche an, Derry draußen, James in der Badewanne stehend. Dann fragte Derry nach einer Leiter, während James den Zugang zum Dachboden öffnete. Er stellte sich die Leiter hin und krabbelte durch die Luke auf den Dachboden und ich dachte, ‚Gottseidank jagt Derry mich nicht, wie sonst üblich, da rauf.‘ Nach ein paar Minuten tauchte James wieder auf und erklärte seinen Plan. Ich habe mittlerweile gelernt, dass es einige Leute hier in Irland gibt, die mit der Sprache sehr sparsam umgehen, praktisch sorgsam. Also erklärte James in wenigen Worten was er vorhatte und meine Frau und ich hatten Fragezeichen im Gesicht.

Derry räusperte sich und übersetzte James Ausführungen in‘s englische. Man hatte vor, eine Leitung vom Dachbodentank zur Dusche zu legen. „James bohrt ein Loch in den Tank und setzt die Leitung oben, oder unten an, dann legt er sie bis dort…und dann hier, bis dahin.“ Er zeigte dabei auf bestimmte Punkte so dass wir uns vorstellen konnten was er vorhatte. Man wollte als an der Wand vom Bad die Leitung legen, diese an der Wand befestigen und mit dem Anschluss der Dusche verbinden. Da wir eh nichts sagen konnten, nickten wir zustimmend.

Es gibt Handwerker die nutzen Plastikplane und es gibt James. Wenigstens lief alles glatt, da James einen Faible für das weibliche Geschlecht hat.

Die Planungsarbeiten liefen auf Hochtouren, allerdings, wie es bei Handwerkern so ist, entwickeln sich Geduldsspiele und man bekommt eine Idee, wie Samuel Becket auf den Buchtitel kam. So kam Derry vorbei um die benötigten Materialen abzulegen und da ich schon beim ersten Mal, Jahre vorher, erklärt habe dass der Tank fast durchgerostet ist, kletterte auf die Leiter und leuchtete mit der Taschenlampe auf den Tank. Er schaute etwas ratlos und fragte mich, wo genau der Tank fast durchgerostet sei. Leider habe ich keinen Spitzencomputer im Kopf und nach einem Schlaganfall vergesse ich solche Dinge nach ein paar Monaten, oder wie in diesem Fall ein paar Jahren. Wahrscheinlich klingelten Derrys Alarmglocken, also ignorierte er meine Antwort dass ich das nicht mehr wüßte. Er erklärte dann dass er versuchen würde James zu erreichen, vielleicht käme er aber auch in Derrys Stammpub und würde sagen wann er Zeit hat.

So gingen die Tage in‘s Land als Derry einen Freitag anrief und sagte, man würde entweder am Montag, oder am Mittwoch kommen, vielleicht auch Donnerstag, „wir kommen aber bestimmt noch in diesem Jahr, keine Sorge,“ sie kamen dann zwei Wochen später an einem Freitag. Nach dem üblichen Prozedere, anrufen und klopfen, stürmten beide die Treppe hoch und begannen mit den Vorbereitungen. Man schickte uns durch Haus um verschiedene Dinge zu besorgen, so dass ich mich fragte ob das eigentlich üblich für irische Handwerker ist, sich die Materialien bei ihren Auftraggebern zusammenzusuchen. „Verlängerungskabel, Taschenlampe, ich brauch die Taschenlampe…nein nicht die, da sieht man nichts…habt Ihr denn keine Andere?“
Nachdem alle Sachen besorgt wurden stellte James fest, dass es immer eine gute Idee ist Wasser abzusperren. Klempnerregel Nummer eins, um zu verhindern von einer Welle aus dem Haus gespült zu werden, sollte man Wasser abdrehen.

Nach dem wir kein Wasser mehr hatten, ignorierte er Regel Nummer zwei. Er kontrollierte nicht den Stromkreislauf und prompt stieg leichte Rauch von seinem Haupt auf und er leuchtete wie die Weihnachtsbeleuchtung in der Vorweihnachtszeit. Er wischte sich die Farbe aus dem Gesicht und richtete seine Haare da sie in alle Richtungen abstanden, dann ging er noch einmal nach unten und stellte den Strom komplett ab. Da, wie schon geschrieben, es Leute gibt die Sprache sehr sparsam einsetzen, stellten wir durch Zufall fest dass der Strom weg war. Na ja, was stören schon Kleinigkeiten, wenn es gilt die Welt zu erobern.

Frohgemut machte James sich an‘s Werk und kletterte, wie Luis Trenker, beschwingt auf den Dachboden. Dort bohrte er sein Loch in den Tank und rief dann nach Derry. „Schnell einen Eimer! Eimer! Eimer! Eimer!“ Derry sauste die Treppe hinab und meine Frau sagte oben wären Eimer. „Wo? Wo? Wo?“ Fragte Derry heftig und hatte sich schon auf dem Absatz umgedreht und sprintete wieder nach oben. Meine Frau rief ihm hinterher dass sie den Eimer bringt, und beide fragten wir uns wann Wasser vom Dachboden in die Küche läuft. Fünf Minuten stand Derry mit wehenden Haaren in der Küche, was insofern erstaunlich ist da er nur über einen Haarkranz verfügt.

„Bucket, Bucket, Bucket,“ rief er. Wir zeigten gerade nach oben als Derry sagte, „not bucket, not bucket, not bucket. Waterbottle, Waterbottle, Waterbottle.“ Meine Frau holte eine Flasche Mineralwasser unter dem Küchencounter hervor, aber Derry sprang mit einem Satz nach draußen, leerte den Inhalt der Recycling Tonne aus und fand eine leere Plastikflasche. Zur Freude meiner Frau legte er diese auf das Abtropftuch und bat um ein Messer, „nein mit Sägeklinge.“ Wieder spurtete er hoch und Ruhe kehrte ein.

Unterbrochen wurden die Arbeiten nur von weiteren Kommandos denn, ich hatte es ja angesprochen, der Tank war tatsächlich verrostet. Rostwasser befand sich auf dem Teppich, in der Wanne und im Eimer, den man uns in die Hand gab, um ihn auszuleeren. Man beriet sich kurz und Derry sauste aus dem Haus. Ich weiß nicht ob er das Auto benutzte, oder den ganzen Weg bis zum Baumarkt rannte, auf jeden Fall kam er nach kurzer Zeit mit einer Plastikwanne für den Tank an, und sah dabei aus wie eine Riesengroße Schildkröte.

Wir drehten sämtliche Hähne im Haus auf, um das Wasser aus dem Tank abzulassen, was sich bei etwa 60 Gallonen Wasser nicht leicht bewerkstelligen läßt. James derweil sauste wie ein Wiesel zwischen Bad und Dachboden hin- und her, und zeitweise überholte er sich selbst, oder grüßte seinen Doppelgänger. Dann war es geschafft. Müde, abgekämpft und um Jahrzehnte gealtert, kamen die Beiden die Treppe runter. Wahrscheinlich fühlten sie sich, als hätten sie Derrys Kuh beim Kalben geholfen.

Einander stützend verabschiedeten sie sich und verließen das Haus, was naturgemäß etwas länger dauern kann weil Iren das Abschiednehmen zelebrieren. Nicht einfach Tschüss wie in Deutschland, Baba in Österreich, oder Salü oder Schweiz. „Bye, bye bye, bye bye, bye, take care and all the best,“ da kann es schon mal dunkel werden.

Meine Frau war die Erste, die die Arbeiten begutachten wollte und fiel in Ohnmacht. Es sah aus, als wäre oben eine Bombe explodiert. Die Wanne war mit schwarzen öligen Flecken bedeckt, die neue Dusche, die eingebaut wurde, hatte die Farbe gewechselt und war jetzt in Camouflage, der Teppich im Gang mit Rostflecken, beziehungsweise Rostwasser bedeckt, aber der Druck auf den Startknopf entschädigte uns für manches, auch wenn die Aufräumarbeiten bis Dezember dauern, Hauptsache wir haben eine vernünftige Dusche und müssen nicht mehr zwischen Eis auf der Haut und Verbrennungen zweiten Grades wählen.

Nachtrag: Das ganze ist sehr überspitzt dargestellt. Derry und ich kennen uns seit über 10 Jahren und seine Familie wurde im Laufe der Zeit auch meine Familie. Viele Sachen verstehe ich an Derry nicht, damit meine ich nicht nur den Akzent den wahrscheinlich auch Iren nicht immer verstehen, sondern seine extreme Sparsam- und Anspruchslosigkeit. Ich nehme an, das hat damit zu tun das Derry im County geboren und aufgewachsen ist. Seine Eltern besaßen eine Farm die von Derry übernommen wurde, da seine Geschwister kein Interesse daran besaßen. Derry hat dann mit seiner Frau nach und nach B&B‘s gekauft und gleichzeitig seine Farm bewirtschaftet. Derry ist das Beispiel für die Iren die ihr Leben lang gearbeitet haben. Natürlich gibt es bei uns Reiche und Neureiche, nicht umsonst liegt Irland auf Platz Zehn bei den Milliardären, aber die überwiegende Mehrheit, die es zu einem bisschen Vermögen gebracht haben, schafften dies durch Arbeit und, wie in Derrys Fall, einer gewissen Bauernschläue. Ich mag Derry, auch wenn einen manchmal in den Wahnsinn treiben kann mit seiner Sparsamkeit und nicht sehen will, oder kann, dass Investitionen auch für die Zukunft sind und nicht für den schnellen Profit. Das scheint, wie mir ein Barbesitzer, den ich in meinem Stammpub kennen gelernt habe, in Irland üblich zu sein. Land und Immobilien werden von Iren als Kapitalanlage bevorzugt. Im Falle der Immobilien verstehen sie nicht warum sie die pflegen sollen, denn die Mieter zahlen ja trotzdem und die von der Regierung erlassenen Gesetze werden in den meisten Fällen nicht eingehalten.

Geld macht nicht glücklich

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Seit 2016 tobte der Streit zwischen der EU, Apple, und Irland. Am Ende wurde der Klage Apples statt gegeben und vorerst muss das Treuhandkonto, welches von der irischen Regierung verwaltet wird, nicht an Irland, beziehungsweise die EU, ausgezahlt werden. Damit könnte das Gezerre um die Milliarden vorbei sein, allerdings scheinen viele Leute, nicht nur in Deutschland, zu begreifen warum dieses Geld weder den Iren, noch den Deutschen in Gesamtheit gehört und es zeigt sich einmal mehr, dass es immer noch Schwierigkeiten bereitet sich erst zu informieren und dann zu kommentieren.

Die EU-Kommission um Margarethe Verstager verurteilte Apple zu einer Steuerrückzahlung von 16 Mrd. Euro, weil sie der Meinung waren, dass die irische Regierung der Firma Apple Steuervergünstigungen eingeräumt habe, die nach Meinung der Kommission illegal gewesen seien. Während Apple und die irische Regierung damit argumentierten das es weder eine Steuerabsprache gegeben hat, noch dass es irgendwelche Vergünstigungen gab, beharrte die EU auf eine Steuernachzahlung in Höhe von mehr als 13 Mrd. Euro für die Zeit von 1991 bis 2007. Dagegen hatte die Firma Apple geklagt und man einigte sich darauf das die irische Regierung dieses Geld erhalten, und verwalten sollte bis die Gerichte ein Urteil fällen.

Das Geld ging auf ein Treuhandkonto und lag da, denn Irland erhob keinen Anspruch darauf. Schon damals war das Geschrei groß und Sigmar Gabriel, damals Wirtschaftsminister, bezeichnete Konzerne wie Apple als Asozial, was mittlerweile wie ein Hohn klingen mag, wenn ein Sozialdemokrat der Meinung ist 10.000€ im Monate seien ein angemessenes Gehalt für ihn, aber egal. Danach wurde es wieder ruhig bis zu den irischen Parlamentswahlen im Februar. Für die linken Parteien, wie Sinn Féin und People before Profit, war Apple ein Wahlkampfthema und man hatte unter anderem den Slogan, das Apple jedem Iren Geld schulde, und diese 13 Mrd. den Iren gehört. Der Hinweis, das das Geld ersteinmal niemanden gehört, verhallte in der Echokammer. Das Geld, so die vorherrschende Meinung, solle sofort ausbezahlt werden.

Das wäre zwar Diebstahl, aber ein Diebstahl der zu tolerieren ist, denn schließlich geht es um Volkseigentum. Das sind im übrigen die, die nach mehr Garda und härteren Strafen wegen Diebstahl nachsuchen, obwohl, nach ihrer Logik, der Dieb ja nur das nimmt was ihm zusteht. Auf jeden Fall wurde die Summe dann wieder während des Lockdowns thematisiert. Mary McDonald, die Vorsitzende, von Sinn Féin, und bei den Wahlen zum Dáil stärkste Kraft, forderte unseren Taoiseach Leo Varadkar dazu auf, endlich das Konto zu leeren, und in die Krankenversorgung zu investieren. Nun ist es zwar so, dass, wie schon erwähnt, das Geld niemandem gehört, und Sinn Féin die Entscheidung zum Treuhandkonto mitgetragen hat, aber was zählt der gestrige Gedanke. Ein weiterer Punkt, den sie nicht berücksichtigt hat, wäre die Entscheidung zu Gunsten der EU ausgefallen, dann wäre das Geld nicht irisches Eigentum.

Eine Entscheidung war, das Irland das Geld nach einem Verteilungsschlüssel auf die EU-Mitgliedsländer verteilen muss. Wieviel da für Irland übrig geblieben wäre, das weiß keiner, denn man hatte sich darüber noch keine Gedanken gemacht.

Der Kampf, nicht um Rom

Nach der gestrigen Entscheidung musste ich mir erstmal die Augen reiben, ob der vielen Kommentare. Leider kommentieren viele Leute ohne sich mit den Hintergründen beschäftigt zu haben, oder wie ein Zitat, das Karl Kraus zugeschrieben wird, sagt; „Es genügt nicht keine Idee/Meinung zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Und so wurden die wildesten Anschuldigungen und Vorschläge gemacht, wie man an das Geld kommen kann. Auf der Süddeutschen Zeitung tobte sich der Bildungsbürger aus und man übertraf sich förmlich, wie man das handhaben solle. Der User Kayef wünschte sich, das man die irische Regierung in Sippenhaft nehmen müsse, sollte es nicht möglich sein das Geld von Apple zu bekommen. Man möchte dem guten Kommentator zurufen, dass er seine Schnappatmung in Griff haben sollte und ergänzen, dass die Sippenhaftung in Deutschland 1945 abgeschafft wurde, war sie doch ein bevorzugtes Instrument der Nationalsozialisten, Regimegegner und ihre Familien auszumerzen.

Ein anderer User schrieb: „Wer auf die EU setzt, selbst aber mit Steuertricks seine Partner bescheißt -hallo Irland und Luxemburg-, zeigt was er von der EU hält.“ Ja ja, die perfiden Iren und Luxemburger. Dumm nur, dass weder die irische, noch die luxemburgische Regierung mit Steuertricks bescheißen. Ein Blick in der Unternehmenssteuersätze der Mitgliedsländer zeigt, dass die Sätze in der EU völlig unterschiedlich sind, nicht umsonst haben sich viele Firmen in der Slovakei, oder Ungarn angesiedelt -unter anderem auch Bosch und Audi, aber das sind ja deutsche Firmen-, die Niederlande sind mittlerweile zu einer Steueroase geworden. Jetzt Irland, oder Luxemburg an den Pranger zu stellen zeigt, dass man die Europäische Union offensichtlich nicht verstanden hat.

Natürlich wäre es wünschenswert wenn die Steuersätze in allen EU Ländern gleich wären, man konnte sich aber nicht mal auf eine einheitliche Mehrwertsteuer festlegen. Und man muss auch berücksichtigen, dass an einer Unternehmenssteuer auch andere Faktoren hängen. Das heißt man muss das ganze Steuersystem vereinheitlichen und das ist kaum zu schaffen. Zum anderen: Laut der WirschaftsWoche zahlten die 30 größten DAX Unternehmen 2018 weniger Steuern als vorgesehen. Mir ist auch nicht bekannt, dass die großen Unternehmen in Deutschland am Hungertuch nagen. Auch, und das erklärt Apple, zahlt es seine Steuern in den USA -und die sind nicht zu knapp- weil dort der Hauptteil erwirtschaftet wird. In Irland zahlt es für die Umsätze die in Europa erzielt werden. Das mag man gut, oder schlecht finden, es ist allerdings nichts anderes als was europäische Firmen auf anderen Kontinenten machen.

Apple beruft sich darauf, dass Apple doppelt Steuern zahlen soll und findet das nicht fair und es zeigt, dass die Europäische Kommission ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Es spricht auch ein leichter Anflug von Antiamerikanismus, besonders bedingt durch den Streit zwischen der EU und den USA (Trump) aus dem Ganzen. Denn es scheint man hat überwiegend amerikanische Technologiefirmen auf dem Radar. Ja sie nutzen ihre Marktmacht aus, umgekehrt nutzen europäische Firmen auch ihre Marktmacht aus. Bezüglich Technologievorsprung haben einige Länder die Entwicklung verschlafen. Sieht Deutschland und die Elektromobilität. Wenn ich das Ladestellenchaos und die Gegnerschaft betrachte, dann frage ich mich wann Deutschland die Millionengrenze bei den E-Autos erreicht.

Black Lives Matter

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Nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd in Minneapolis, und den Protesten in den USA,  schwappten die Proteste gegen Rassismus auch nach Europa über. Hier gab es Proteste in Dublin und in Cork und unter dem Motto #BlackLivesMatter, kamen viele Hundert Demonstranten zusammen. An sich wäre, gäbe es den Lockdown, bedingt durch Corona, nicht, an diesen Protesten nichts auszusetzen. Allerdings sorgte die Äußerung unseres Taoiseach Leo Varadkar für Gesprächsstoff im Land, schließlich leben in Irland rund 64.639 (Census von 2016) Schwarze.

Und mit Rotimi Adebari wurde 2007 ein in Nigeria geborener, und seit 2000 in Irland lebender Schwarzer, der erste schwarze Bürgermeister von Portlaoise, bzw. Der erste Schwarze überhaupt. Nach neuerlichen Diskussionen, bereits vor ein paar Jahren war Rassismus und Xenophobie Thema, wurde das Thema in den Medien, gerade nach den Demonstrationen in Cork und Dublin, wieder aufgenommen. RTÉ brachte einen Beitrag über drei Irinnen, im Land geboren, deren Eltern aus Afrika, sowie Jamaika in‘s Land kamen. Die drei Frauen berichteten über ihre täglichen Erlebnisse, dass man sie beschimpft, oder auffordert wieder dahin zu gehen, wo sie hergekommen sind.

Auch in den Zeitungen wird das thematisiert. Nun ist das erschreckende nicht das die Vorfälle zugenommen haben, sondern das viele Iren das negieren, bzw. Kleinreden.  Dieses All Lives Matter ist nicht nur in den USA, nein, auch in Europa der Versuch, Rassismus und Xenophobie zu verharmlosen in dem man sagt, „ja der Rassismus ist schlimm, aber andere Menschen haben auch zu leiden.“ Es sind nicht nur die rechten Gruppen, oder Rechtspopulisten, die mit diffusen Ängsten spielen. Hier gibt es mittlerweile eine Gruppierung, die nennt sich „Irish Patriots.“ Ihre Welt besteht aus Iren und Nichtiren, wobei zugestanden wird, dass man Menschen aus Europa hier integrieren kann -sind zwar immer noch keine Iren, aber immerhin Christlich- und Muslime das Land verlassen müssen, weil der Islam -es leben 63.443, überwiegend aus Bangladesch und Pakistan, im Land-, das christliche Abendland bedroht.

Dieses, „ja ja, die Rechten,“ wird immer dann verwendet, wenn man davon ablenken will, dass das Mittlerweile Teil einer Gesellschaft geworden ist und es kann einen recht schnell selber treffen. Ich habe mal geschrieben, dass ich gerne mit schwarzen Taxifahrern fahre, sie sind netter als viele irische Taxifahrer, obwohl eigentlich habe ich selten negative Erfahrungen gemacht. Allerdings höre ich die Geschichten und sehe, wie Leute an den Taxen vorbeilaufen in der Hoffnung einen weißen Taxifahrer zu bekommen. Sollten sie einen Osteuropäischen Fahrer finden, dann kontrollieren sie wahrscheinlich ihre Habseligkeiten nach dem Aussteigen. Da, auf Grund der starken polnischen Präsenz, für viele die Osteuropäer eh alles Polen sind, wird auch die Xenophobie gepflegt.

Für uns, die wir weltoffen sind, ist das natürlich ein Problem, denn wir sind ein kleines Land, mit gerade mal 5Mio. Einwohnern. Patience Jumbo-Gula und Rhasidat Adeleke sind ein Beispiel dafür, wie die Schwarzen Iren Einfluss auf unseren Sport haben. Und mit Darren Randolph haben wir einen farbigen Fußballnationalspieler. Das gleiche gilt für alle anderen europäischen Länder. Menschen begreifen nicht dass es egal ist welche Hautfarbe jemand hat. Dieses „Wir-Gefühl“ wird meist nur dann zelebriert, wenn „die Nation“ ein Erfolgserlebnis hat. Dann werden „Sie“ gefeiert und sollten sie verlieren, dann ist der Schuldige schnell ausgemacht

Diese „Wir“ sollte aber im Denken verankert sein. Gerade in Europa. Jahrhundertelang sind Europäer in alle Welt ausgewandert, es gab Binnenwanderung in nicht geringem Ausmaß, und die Argumentation, diese Leute seien ja christlich gewesen zählt nicht, wenn man sieht, das beispielsweise die Schwarzen hier in Irland überwiegend Christen sind und keine Voodoo Puppen im Hinterzimmer zerstechen, oder Hühneropfer bringen.

Als Kind wurde ich im Sommer sehr schnell braun, fast schwarz, sehr oft sagten die Leute ich solle doch dahin gehen, wo meine Familie hergekommen ist, man will keine Türken, oder Nordafrikaner. Ehrlich gesagt habe ich das nicht verstanden, ich war doch in Deutschland geboren, wurde aber nicht akzeptiert. Mit einem italienischen Nachnamen (ich verwende hier auf dem Blog den Mädchennamen meiner Großmutter), passierte es uns öfters, dass wir gefragt wurden, ob wir denn Deutsch verstehen könnten, oder ob man eventuell lauter sprechen sollte. Groteske Situationen wie, „DU SPRECHEN DEUTSCH? DU KÖNNEN MICH VERSTEHEN“? Passierte öfters und wir haben das eher mit Humor betrachtet. Gut, damals waren die Zeiten anders.

Trotz Gastarbeiter, wie man sie nannte, war die Zahl sehr überschaubar und die Zahl derer, die jetzt in Deutschland leben, ist immer noch überschaubar.  Viele von ihnen sind in der Gesellschaft angekommen und werden wahrgenommen, leider nicht immer positiv, besonders wenn es zu Vorfällen kommt, dann werden sie pauschal verdächtigt und beleidigt. Sie haben immer noch Probleme, obwohl im Land geboren wird ihnen mit Vorbehalten, oder Ablehnung begegnet, was besonders bei Berufswahl, oder Wohnung eine Rolle spielt. Während Erwin Kostedde und Jimmy Hartwig noch Exoten im Sport waren, hat der europäische Fußball Spieler aus allen Nationen, denen allerdings in den meisten Fällen die Akzeptanz, außerhalb des Sports verweigert wird.

Man kann Rassismus und Xenophobie nicht besiegen, es wird nicht gelingen Menschen, die Vorurteile als Gewissheit sehen, erreichen zu können. Man kann aber bei denen anfangen, die sich nichts dabei denken und sie zum Nachdenken anregen, warum Rassismus und Xenophobie eine völlige Idiotie ist. Uns mögen Hautfarben und Religionen, oder die Kultur unterscheiden, am Ende steht aber immer ein Mensch, und darin sind wir alle gleich. Wir müssen, essen, Trinken, schlafen, unsere Notdurft verrichten, haben den gleichen Körper und den gleichen Lebenssaft. Wir hören die gleiche Musik, lachen über den gleichen Humor, lesen die gleichen Bücher. Das sollte sich jeder vor Augen halten. Es gibt nicht „die überlegene Rasse“ wer das allen Ernstes glaubt ist ein kompletter Idiot und hat komplett die Kontrolle über seine Unterhose verloren.

Dummheit und Stolz…

…wachsen auf einem Holz

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Plakat zur Gründungs-veranstaltung in Dublin

 

 

Irexit Freedom is a national movement of the Irish people and a political party with the primary objective of re-establishing the national independence and sovereignty of Ireland and restoring its national democracy by leaving the European Union.

Irexit Freedom ist eine nationale Bewegung des irischen Volkes und eine politische Partei mit dem vorrangigen Ziel, die nationale Unabhängigkeit Souveränität Irlands und seine nationale Demokratie durch den Austritt aus der Europäischen Union wiederherzustellen.

Prinzipien der Partei IREXIT Freedom to Propsper

 

Eher unbemerkt vom Rest Europas hat sich hier, im Zuge des Brexit, eine Gruppe etabliert die dafür kämpft, dass Irland aus der EU austreten soll. Am liebsten würden auch sie ein Referendum in diesem Land abhalten denn sie sind der Meinung, dass das Land ohne die EU besser fahren würde, und wünscht sich eine stärkere Anbindung an Groß Britannien, oder sogar den Beitritt zum Commonwealth. Die Gruppe, die sich Irexit Freedom nennt, kann auf starke Unterstützung der „irischen Sache“ aus dem Ausland bauen. So tritt Nigel Farage regelmäßig bei Veranstaltungen auf und UKIP unterstützt Irexit auch finanziell. Ob, wie bei UKIP, auch Putin involviert ist läßt sich schwer sagen. Es gibt zwar bei Irexit Bewunderer des russischen Präsidenten, ob diese Bewunderung auch finanziell belohnt wird, dazu lässt sich im Moment nichts sagen.

Es ist allerdings vorstellbar dass Russland ein Interesse daran hat, Europa zu

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Nigel Farage Irexit Konferenz

destabilisieren. So berichtete der Journalist J.J. Patrick er hätte Informationen darüber das Irland Zielscheibe sei und offensichtlich auch Operationen (Abstimmung zum Artikel 8 der Verfassung) durchgeführt wurden, um die Meinung zu manipulieren. Sinn Féin hätte sich auf die Seite der Katalanen geschlagen, und deren Bestrebungen nach Unabhängigkeit von Spanien unterstützt nachdem beide 2016 an einer Konferenz in Moskau teilgenommen haben. Nun ist es natürlich wilde Spekulation ob, und warum man ein Interesse daran hätte das Irland aus der EU austritt, allerdings, man muss es so sagen, sind Nationalismus und Populismus in Europa massiv auf dem Vormarsch.

Ob AFD, Rassemblement National, UKIP, Renua, Lega Nord, Fidez, oder FPÖ, sie alle eint, dass sie sich ein Europa der Nationen wünschen. Sie glauben, dass die EU eine Diktatur wäre, vergleichbar mit der Sowjetunion. Zentral gesteuert wären die Staaten ohne Souveränität und ausgeliefert dem Wohl und Wehe derer, die in Brüssel die Fäden ziehen. Natürlich kann man die EU kritisieren und muss es auch, dass die Länderparlamente plötzlich keine Entscheidungen mehr treffen dürften ist allerdings absurd, aber wird, wie man am Brexit sehen kann, leider von vielen Europäern geglaubt.

Nun ist die Bewegung mit knapp 1500 Mitgliedern nicht gerade sehr groß und alles in

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Hermann Kelly, einer der Gründer

allem haben diese Organisationen höchstens ein paar tausend Mitglieder, aber man hat manchmal den Eindruck, dass diese Leute die Mehrheit im Land bilden. Hinzu kommt, dass man mit einer Universitätsprofessorin jemanden in ihren Reihen hat, die einen Einfluss nehmen kann, besonders wenn sie erzählt dass die EU die Demokratie in Irland zerstört hätte und man sich diese durch den Austritt aus der EU wiederholen könne. Dolores Cahill, so heißt die Frauenbeauftragte der Partei, lehrt am UCD Translationale Wissenschaften. Sie war, laut EU Server, Mitglied im IMI Scientific Committee. Auf Veranstaltungen erzählt sie gerne wie furchtbar die EU sei, nicht reformierbar und, das sei das schlimmste, man würde dort nationale Interessen schlicht nicht berücksichtigen und hätte auch nicht auf sie gehört.

Nun weiß ich nicht genau was dort passiert ist, dass sie jetzt die nationale Karte zieht und allen Ernstes glaubt, dass es nur voran gehen kann, wenn man die EU verlässt. Allerdings, wenn man ihr länger zuhört, dann ist es Gemisch aus Populismus und völkischen Phrasen. Arbeitslosen sollte man das Social Welfare (Arbeitslosengeld) wegnehmen und überhaupt sollte man auch alle Ausländer entfernen, schließlich nehmen diese nicht nur die Jobs weg, sondern würden auch noch das irische Sozialsystem belasten. Unterstützung erhält sie dabei von Hermann Kelly, einem arbeitslosen Journalisten, Ray Bassett, zuletzt irischer Botschafter in Kanada, der pro life Aktivistin Kate Lawlor, sowie dem Architekten Michael Leahy und das Programm dieser Leute kann man praktisch in drei Worte zusammenfassen, „Irland raus aus der EU.“

Nun ist Irexit Freedom kein neues Phänomen hier, neu ist nur, dass Leute eine politische Partei gegründet haben die genau das vertritt, was beispielsweise Renua im Programm hat. EU-Skeptizismus, nationale Abschottung, autochthone ethnisch homogene Bevölkerung. Auch wenn es nur wenige Unterstützer gibt, so ist doch auffällig, dass sich über die Jahre abfällige und rassistische Kommentare in den sozialen Medien häufen. Als RTÉ über eine Maßnahme des Cork City Council berichtete, die die ausländischen Einwohner der Stadt und des Counties darüber informieren sollte, dass in Cork -insgesamt beträgt ihre Zahl 14%-, sowohl zur Europawahl gehen, als auch über City Council und County Council abstimmen sollten, da gaben sich in den Kommentarspalten die Ewiggestrigen die Klinke in die Hand. Man schrieb davon, dass, sobald, die Ausländer wählen, irgendwann die Sharia in Irland gelten würde. Groteskerweise waren das Leute, die in ihren Profilen zur Unterstützung Palästinas aufriefen, sowie Israel abschaffen wollten, aber Angst davor haben, das 63.443 Muslime, bei einer Bevölkerung von 4,5 Millionen, die Republik in die Knie zwingen. Andere wiederum waren der Meinung, dass die Ausländer in diesem Land nur Gäste seine, und es sich nicht anmaßen dürften hier irgendwelche Rechte einzufordern, so als würde die ausländische Bevölkerung hier in Cork die Gesetze diktieren. Das wir (Ausländer) in diesem Land arbeiten und Steuern zahlen, sowie ein Teil der Community sind (Ich zum Beispiel unterstütze monatlich Barnados, eine Organisation die sich um irische Kinder kümmert, sowie DogsTrust Ireland und bin Mitglied der Rebelarmy Society. Die Friends of the Rebelarmy Society sind die Mitbesitzer des Cork City FC), interessierte diesen Kommentator nicht wirklich. Eine Ex-Kollegin war Voluntier bei Cork Simon, ein paar andere arbeiteten ehrenamtlich für Dogs for Disabled oder Animal Shelters. Viele sind Selbständig und zahlen regelmäßig ihre Steuern. Oder, wie es ein Nigerianer sagte, „ich bin irischer als die Iren,“ wobei es schon ein bisschen seltsam anmutet, wenn man einem Iren eine Geschichtsstunde in Cork History gibt und erklärt, dass Cork mal eine eigene Republik war und man an manchen Häusern noch die Einschusslöcher der Kämpfe findet.

Und genau das ist das Problem von Parteien wie Renua, Christian Solidarity Party, Human Dignity Alliance, oder halt Irexit, Irland kann nur prosperieren solange Multinationale Firmen hier sind die Menschen beschäftigten, die den europäischen Markt abdecken. Gehen diese weg, dann wird Irland über kurz oder lang zusammenbrechen da die Strukturen fehlen, auch wenn die EU mit viel Geld die Wirtschaft in Irland angekurbelt hat. Und noch ein anderer Punkt ist in Bezug von Irexit Freedom von Bedeutung. Irexit Freedom schmückt sich mit Bildern irischer Freiheitskämpfer und blendet dabei völlig aus, dass Iren sich Jahrhunderte gegen die Briten in diesem Land aufgelehnt haben. Der Osteraufstand von 1916, der Anglo-Irish War von 1919-1921, sowie die anschließende Konferenz von London mit dem Kompromiss, dass Irland in einen Nord- und einen Südteil getrennt wird, woraufhin Collins gesagt hat: „I shall not last long; my life is forfeit, but I shall do my best. After I am gone it will be easier for others.” („Ich werde nicht lange überleben, denn mein Leben ist vorbei. Wenn ich weg bin wird es für andere leichter sein.“), sind jedem Iren geläufig, schließlich ist es ein Thema in irischen Schulen. Nun möchten also Leute die Zeit wieder zurück drehen, worauf ein Kommentator schrieb, „diese Leute wollen allen Ernstes, dass die Briten wieder über Irland herrschen und uns ihre Gesetze aufdrängen.“ 

Fadenscheinig, warum man das will, ist die Begründung dass Irland nur ein Prozent im EU-Parlament ausmache, unter den Briten man aber 16% im House of Commons hatte. Nicht nur Irland, sondern auch Länder wie Luxemburg spielen eine eher bescheidene Rolle im EU-Parlament, das zu ändern ist allerdings Sache der EU und durch einen Austritt wird man wohl kaum Reformen herbeiführen, aber das wollen Leute wie Frau Cahill, oder Herr Kelly auch nicht und sie begreifen auch nicht dass ein Irexit das Ende des irischen Nationalismus bedeuten würde, wie Fintan O’Toole in einem Kommentar in der Irish Times schrieb: Brexit is an authentic English nationalist revolution, even if it depends on a ludicrous notion of the EU as England’s imperial oppressor. Irexit would not be an Irish nationalist revolution. On the contrary, it would be the end of Irish nationalism. The logic of Irexit would be for Ireland to rejoin the UK – and that’s why it hasn’t a hope.“ („Der Brexit ist eine authentische englisch nationalistische Revolution, auch wenn sie von einer lächerlichen Vorstellung von der EU als imperialem Unterdrücker Englands ausgeht. Irexit wäre keine irische nationalistische Revolution. Im Gegenteil, es wäre das Ende des irischen Nationalismus. Die Logik von Irexit wäre, dass sich Irland wieder dem Vereinigten Königreich anschließen würde – und deshalb hat es keine Hoffnung.“)

Nationalismus und Euroskeptizismus gibt es leider auch hier in Irland, auch wenn die Zustimmung der Iren, was die EU betrifft, eine der höchsten ist. Was allerdings Sorge macht, dass sind nicht nur Leute wie Kelly und Cahill, sondern auch die Kommentare in irischen Medien. Zum Glück gibt es, was Irexit betrifft, auch jemanden der diese Leute auf’s Korn nimmt.  Solange es Seiten wie diese gibt, die z.B. die strammen irischen Nationalisten in einem verschlafenen Einfamilienhaus in Southport ausfindig machen ist es mir nicht bange.