Ein Handwerkerleben

Die Installation in dem Haus, in dem ich vorher wohnte. Man beachte die künstlerische Anordnung die selbst den Installateur vor Probleme stellte.

In Irland, wahrscheinlich auch in Deutschland, ist es immer schwer einen Termin mit einem Handwerker zu bekommen. Vor allem wenn es ein guter Handwerker sein soll.
Wir sind in der Situation, dass unser Landlord, wenn wir Probleme im Haus haben, alle möglichen „Experten“ für jede Situation hat. Einer davon ist ein „Hans Dampf in allen Gassen,“ also zumindest für unseren Landlord.

James war das erste Mal 2015 bei uns. Es war Kalt und der Boiler funktionierte nicht mehr, so dass wir keine Heizung hatten. Da unser Landlord ein sparsamer -manche würden ihn geizig nennen- Mensch ist, versucht er notwendige Arbeiten entweder zu vermeiden, „cost me a fortune,“ oder er präsentiert, wie in dem Fall, James. Auf unseren Einwand dass es vielleicht doch besser sei, einen lizensierten Installateur zu nehmen, schließlich laufen regelmäßig Spots im irischen Fernsehen ausschließlich zertifizierte Leute zu rufen, besonders wenn es um Gas geht, reagierte er mit einer wegwischenden Handbewegung und erklärte dass dieser Mann, James, der beste Installateur ist, den irische Hochschulen wahrscheinlich in den letzten 150 Jahren hervorgebracht haben.

„Dieser Mann,“ er machte eine Pause und schaute uns beiden mit ernstem Blick in die Augen, „hat wahrscheinlich in Irland mehr Boiler und Regler installiert als Haushalte gibt und….die City Councils vertrauen ihm.“ Trotzdem war und nicht ganz wohl und zaghaft fragten wir, schließlich hatten wir das gelernt, nach einer Lizenz und erklärten, dass es leider viele schwarze Schafe geben würde.

„Ach was,“ kam die Antwort, wir könnten James doch im Internet finden, schließlich hat er bei einem der besten Handwerksbetriebe im County gearbeitet, aber jetzt halt nicht mehr, sondern wäre sowas wie ein Freischaffender Künstler, „weil er viel zu gut ist.“

Also gaben wir uns geschlagen und James betrat unser Leben. Grundsätzlich trägt er einen roten Overall, so als wäre dass das Zeichen von Qualität, quasi Freimaurer. Da ich mich noch an die Konstruktion in meiner vorigen Unterkunft erinnern konnte, die auch von dem Genie war, hatte ich doch ein mulmiges Gefühl. James murmelte etwas, was man als alles mögliche interpretieren konnte, während Derry, unser Landlord, uns Augenzwinkernd zu verstehen gab dass jetzt alles gut werden würde, James führte uns durch die Wüste wie einst Moses, mit dem Unterschied dass es bei uns wieder warm werden würde, „Ihr werdet sehen, der Radiator den ich Euch gebracht habe, war nicht umsonst.“

James tat, was wir auch versucht haben, um unseren Boiler Floyd wiederzubeleben, da das nicht funktionierte griff er tief in die Trickkiste und erklärte er würde ein Bauteil benötigen, denn das hier sei kaputt und er hätte keins auf Lager. Man sah wie bei Derry sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich, und wahrscheinlich rechnete er in Gedanken den Nutzen und die Aufwendungen durch, als er das Haus gekauft hat. Vorsichtig fragte er wie teuer das werden würde, woraufhin James erklärte dass er dies noch nicht beantworten kann. „Teurer als 100quid? Weiß ich nicht Derry, kann ich noch nicht sagen, aber ich vermute mal nicht mehr als 300.“ Derrys Gesicht wechselte nun zu einem außerordentlich gelungenem Violett und man stellte sich zwangsläufig die Frage: „Wie zum Henker macht er das?“

Er baute wieder alles provisorisch zusammen und beide, James sehr beschwingt und Derry als wäre er auf dem gang zu einer besonders schweren Beichte, verschwanden.
Es dauerte noch einige Zeit bis James das benötigte Bauteil hatte. Während wir gerade dabei waren uns zu überlegen, was man alles im Kamin verbrennen kann -wir hatten manchmal das Gefühl das unsere Nachbarn nicht nur alte Autoreifen, sondern auch die Großmutter als Heizmaterial verwenden-, als James, wie Ritter Lancelot aus dem Nichts auftauchte und uns von der Kälte erlöste. Nachdem alles wieder funktionierte, lagen wir Drei uns in den Armen und weinten hemmungslos. So müssen sich die ersten Menschen gefühlt haben als sie endlich Feuer in der Höhle und den Mammutbraten Medium braten konnten.

Das Hochgefühl hielt aber nicht lange an, denn schon am nächsten Tag war das Wunder von Cork vorbei, Floyd kalt, und die Flamme des Lichts aus. Also riefen wir Derry an, dieser wiederum rief James an und beide standen vor dem Startgerät das dafür zuständig ist, dass warmes Wasser produziert wird. James wog seinen Kopf, während Derry wohl schon Mordgedanken hatte, als James plötzlich über beide Backen strahlte und das Problem erkannte. Da der Startknopf zwei Kabel hatte die einen Zündfunken für das Gas produzierten sah man, dass ein Kabel abgerutscht war.
Also schob er das Kabel wieder auf die Verbindung und befestigte es stärker damit das nicht noch mal vorkam. James‘ Konstruktion funktioniert übrigens Heute noch.

Nun sind wir vorbildliche Mieter, wir fügen uns dem Diktat der Vereinigung irischer Landlords, das wahrscheinlich erstellt wurde, als viele Iren noch in Leibeigenschaft waren. Die Zeiten haben sich zwar gewandelt und wir Mieter müssen auch nicht mehr auf dem Feld schuften, aber leider gibt es immer noch Vermieter die in dieser Zeit stehen geblieben sind, und viele Leute sind angewiesen auf Wohnraum der selbst verschimmelt noch zu horrenden Preisen vermietet wird. Da viele unserer Abgeordneten selber Landlords sind, werden Gesetze sehr vorsichtig erlassen.
Also klagen wir nur in Ausnahmefällen und haben die, sagen wir „geschmackvolle,“ Einrichtung, die wahrscheinlich noch aus der Zeit des Anglo-Irish War stammen, schätzen und lieben gelernt. Diesmal über unsere Dusche.

Elektrische Duschen gehören zu irischen und britischen Badezimmern wie der Boiler. Als ich auf die Insel kam, da hatte ich das Gefühl Irland wäre immer noch ein Anhängsel Großbritanniens. Mittlerweile bin zu fast 100% überzeugt. Vielleicht gab es hier schon elektrische Duschen während der Zeit von Queen Victoria und als die Besatzung endete dachten unsere Gründerväter wahrscheinlich, dass es einfacher ist alles so beizubehalten. Auf jeden Fall hatten wir plötzlich Probleme beim Duschen. Das Wasser war mehr kalt als warm und tröpfelte von Zeit zu Zeit. Kurz, ich hatte das Gefühl als wäre ich wieder auf Camping Patrizia in Bolsena und es wären die Siebziger und Achtziger Jahre. Offensichtlich hatte der City Council Arbeiten an der Wasserversorgung der Stadt durchgeführt was kein Problem wäre, wenn Cork nicht von Hügeln umgegeben wäre. Da wir auf einem der Hügel wohnen hatten wir auf einmal einen niedrigeren Wasserdruck.

Wir riefen Derry an und klagten unser Leid. Da Derry es nicht so mit Hygiene hat, beispielsweise seit ich ihn kenne trägt er immer das gleiche Hemd und die gleiche Hose -vielleicht hat er aber aus praktischen Gründen den ganzen Schrank mit den gleichen Sachen voll, war es nicht ganz einfach ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass es nach 100 Jahren doch an der Zeit wäre, mal an eine neue Dusche zu denken. Derry kam also vorbei, checkte die Dusche, kratzte sich am Hinterkopf und meinte James würde sich das anschauen. Wahrscheinlich schaut James sich auch die Schleusenwerke im River Lee an, die das Wasser regulieren wenn die Flut vom Meer den Lee nach Cork reinpresst. -Man muss wissen, dass Cork auf einem trockengelegten Sumpf erbaut wurde (Corkaigh = Marschland) und der ehemalige Hafen der Stadt, der immer nicht genutzt wird, wenn auch nicht mehr so intensiv, sich praktisch bis zur Grand Parade erstreckte.-

James kam also, fummelte etwas an der Dusche rum, rief Derry an, und man konnte förmlich sehen wie sich die Farbe am anderen Ende veränderte, James‘ Telefon fing nämlich an zu leuchten. Ein paar Tage später war James wieder da und hatte einen Karton in der Hand auf dem stand, „Triton, Electric Shower, Made in England.“ Etwas unbeholfen bemühte sich James die Dusche einzubauen und konnte noch schnell aus der Badewanne springen weil er einen Test durchführen wollte, während er noch in der Wanne stand. Dann blickte er sein Werk an, klopfte sich in Gedanken selbst auf die Schulter und meinte es sei jetzt alles in Ordnung. Wieder lagen wir uns in den Armen, weinten Hemmungslos und wie weiland Wilhelm Tell erneuerten wir den Rütlischwur.

Während James aus dem Haus trat und zu seinem Auto schwebte hätte ich schwören können, dass über Knocknaheeny ein Regenbogen erschien und ein Engelschor das Lied „Auld Lang Syne“ intonierte. Wir freuten uns wie kleine Kinder und während der Dusche fühlte ich mich wie Gerhard Rolffs nach seinem Ritt durch die Wüste. Das Pionierblut meiner Vorfahren strömte förmlich durch meinen Körper, so müssen sie sich gefühlt haben als sie Tirol verließen und in Preußen ankamen. Nun war die Dusche zwar weder der preußische König, noch ein Scheich, denn die Freude währte nur kurz und nach wenigen Wochen hatten wir wieder das gleiche Problem. Jetzt war es so, dass das Wasser kochend heiß wurde, und, sobald die Temperatur annehmbar war, eiskalt wurde, sobald man mit einem Kopfsprung unter die Dusche hechtete.

Wir riefen Derry an, Derry rief James an, und James kam. Etwas ratlos stieg er in die Wanne, blickte auf die Dusche, nahm die Abdeckung ab, prüfte etwas und plötzlich standen ihm die Haare zu Berge, denn er hatte vergessen den Stromkreis der Dusche zu unterbrechen. Er baute alles mit seinen schmierigen Händen zusammen, wobei der Regler auf kalt stand, obwohl das Wasser warm wurde und hinterließ eine Fußspur die bis auf den Gehweg führte. Guter Rat war teuer, sollten wir, solange wir hier wohnten, ständig die Heizung laufen lassen, damit wir warmes Wasser für die Badewanne hatten? Aber nein, ein paar Tage später kamen beide, schauten sich die Situation vor Ort an und überlegten, wie sie das Problem lösen könnten. Derry, ganz pragmatisch, schlug vor den City Council anzurufen und um mehr Wasserdruck zu bitten, schließlich waren wir nicht die Einzigen die mit dem Wasserdruck kämpften, aber im Gegensatz zu unseren Nachbarn, die Eigentümer sind und das Problem durch spezielle Duschen gelöst hatten, waren wir Mieter.

Man beachte die geniale Konstruktion unter der Dusche. Man sieht es zwar nicht, aber James nahm eine Stichsäge und sägte beherzt ein Loch in die Rückwand, um das Rohr vom Tank mit dem Rohr der Dusche zu befestigen..glaube ich.

Wieder vergingen die Tage als plötzlich mein Telefon klingelte und es gleichzeitig klopfte. Derry hat die Angewohnheit sich nicht in angemessener Zeit zu melden, sondern steht völlig unvermittelt vor der Tür, oder klingelt, anstandshalber, Sekunden vorher durch. Beide stürmten an uns vorbei in‘s Bad und schauten sich die Dusche an, Derry draußen, James in der Badewanne stehend. Dann fragte Derry nach einer Leiter, während James den Zugang zum Dachboden öffnete. Er stellte sich die Leiter hin und krabbelte durch die Luke auf den Dachboden und ich dachte, ‚Gottseidank jagt Derry mich nicht, wie sonst üblich, da rauf.‘ Nach ein paar Minuten tauchte James wieder auf und erklärte seinen Plan. Ich habe mittlerweile gelernt, dass es einige Leute hier in Irland gibt, die mit der Sprache sehr sparsam umgehen, praktisch sorgsam. Also erklärte James in wenigen Worten was er vorhatte und meine Frau und ich hatten Fragezeichen im Gesicht.

Derry räusperte sich und übersetzte James Ausführungen in‘s englische. Man hatte vor, eine Leitung vom Dachbodentank zur Dusche zu legen. „James bohrt ein Loch in den Tank und setzt die Leitung oben, oder unten an, dann legt er sie bis dort…und dann hier, bis dahin.“ Er zeigte dabei auf bestimmte Punkte so dass wir uns vorstellen konnten was er vorhatte. Man wollte als an der Wand vom Bad die Leitung legen, diese an der Wand befestigen und mit dem Anschluss der Dusche verbinden. Da wir eh nichts sagen konnten, nickten wir zustimmend.

Es gibt Handwerker die nutzen Plastikplane und es gibt James. Wenigstens lief alles glatt, da James einen Faible für das weibliche Geschlecht hat.

Die Planungsarbeiten liefen auf Hochtouren, allerdings, wie es bei Handwerkern so ist, entwickeln sich Geduldsspiele und man bekommt eine Idee, wie Samuel Becket auf den Buchtitel kam. So kam Derry vorbei um die benötigten Materialen abzulegen und da ich schon beim ersten Mal, Jahre vorher, erklärt habe dass der Tank fast durchgerostet ist, kletterte auf die Leiter und leuchtete mit der Taschenlampe auf den Tank. Er schaute etwas ratlos und fragte mich, wo genau der Tank fast durchgerostet sei. Leider habe ich keinen Spitzencomputer im Kopf und nach einem Schlaganfall vergesse ich solche Dinge nach ein paar Monaten, oder wie in diesem Fall ein paar Jahren. Wahrscheinlich klingelten Derrys Alarmglocken, also ignorierte er meine Antwort dass ich das nicht mehr wüßte. Er erklärte dann dass er versuchen würde James zu erreichen, vielleicht käme er aber auch in Derrys Stammpub und würde sagen wann er Zeit hat.

So gingen die Tage in‘s Land als Derry einen Freitag anrief und sagte, man würde entweder am Montag, oder am Mittwoch kommen, vielleicht auch Donnerstag, „wir kommen aber bestimmt noch in diesem Jahr, keine Sorge,“ sie kamen dann zwei Wochen später an einem Freitag. Nach dem üblichen Prozedere, anrufen und klopfen, stürmten beide die Treppe hoch und begannen mit den Vorbereitungen. Man schickte uns durch Haus um verschiedene Dinge zu besorgen, so dass ich mich fragte ob das eigentlich üblich für irische Handwerker ist, sich die Materialien bei ihren Auftraggebern zusammenzusuchen. „Verlängerungskabel, Taschenlampe, ich brauch die Taschenlampe…nein nicht die, da sieht man nichts…habt Ihr denn keine Andere?“
Nachdem alle Sachen besorgt wurden stellte James fest, dass es immer eine gute Idee ist Wasser abzusperren. Klempnerregel Nummer eins, um zu verhindern von einer Welle aus dem Haus gespült zu werden, sollte man Wasser abdrehen.

Nach dem wir kein Wasser mehr hatten, ignorierte er Regel Nummer zwei. Er kontrollierte nicht den Stromkreislauf und prompt stieg leichte Rauch von seinem Haupt auf und er leuchtete wie die Weihnachtsbeleuchtung in der Vorweihnachtszeit. Er wischte sich die Farbe aus dem Gesicht und richtete seine Haare da sie in alle Richtungen abstanden, dann ging er noch einmal nach unten und stellte den Strom komplett ab. Da, wie schon geschrieben, es Leute gibt die Sprache sehr sparsam einsetzen, stellten wir durch Zufall fest dass der Strom weg war. Na ja, was stören schon Kleinigkeiten, wenn es gilt die Welt zu erobern.

Frohgemut machte James sich an‘s Werk und kletterte, wie Luis Trenker, beschwingt auf den Dachboden. Dort bohrte er sein Loch in den Tank und rief dann nach Derry. „Schnell einen Eimer! Eimer! Eimer! Eimer!“ Derry sauste die Treppe hinab und meine Frau sagte oben wären Eimer. „Wo? Wo? Wo?“ Fragte Derry heftig und hatte sich schon auf dem Absatz umgedreht und sprintete wieder nach oben. Meine Frau rief ihm hinterher dass sie den Eimer bringt, und beide fragten wir uns wann Wasser vom Dachboden in die Küche läuft. Fünf Minuten stand Derry mit wehenden Haaren in der Küche, was insofern erstaunlich ist da er nur über einen Haarkranz verfügt.

„Bucket, Bucket, Bucket,“ rief er. Wir zeigten gerade nach oben als Derry sagte, „not bucket, not bucket, not bucket. Waterbottle, Waterbottle, Waterbottle.“ Meine Frau holte eine Flasche Mineralwasser unter dem Küchencounter hervor, aber Derry sprang mit einem Satz nach draußen, leerte den Inhalt der Recycling Tonne aus und fand eine leere Plastikflasche. Zur Freude meiner Frau legte er diese auf das Abtropftuch und bat um ein Messer, „nein mit Sägeklinge.“ Wieder spurtete er hoch und Ruhe kehrte ein.

Unterbrochen wurden die Arbeiten nur von weiteren Kommandos denn, ich hatte es ja angesprochen, der Tank war tatsächlich verrostet. Rostwasser befand sich auf dem Teppich, in der Wanne und im Eimer, den man uns in die Hand gab, um ihn auszuleeren. Man beriet sich kurz und Derry sauste aus dem Haus. Ich weiß nicht ob er das Auto benutzte, oder den ganzen Weg bis zum Baumarkt rannte, auf jeden Fall kam er nach kurzer Zeit mit einer Plastikwanne für den Tank an, und sah dabei aus wie eine Riesengroße Schildkröte.

Wir drehten sämtliche Hähne im Haus auf, um das Wasser aus dem Tank abzulassen, was sich bei etwa 60 Gallonen Wasser nicht leicht bewerkstelligen läßt. James derweil sauste wie ein Wiesel zwischen Bad und Dachboden hin- und her, und zeitweise überholte er sich selbst, oder grüßte seinen Doppelgänger. Dann war es geschafft. Müde, abgekämpft und um Jahrzehnte gealtert, kamen die Beiden die Treppe runter. Wahrscheinlich fühlten sie sich, als hätten sie Derrys Kuh beim Kalben geholfen.

Einander stützend verabschiedeten sie sich und verließen das Haus, was naturgemäß etwas länger dauern kann weil Iren das Abschiednehmen zelebrieren. Nicht einfach Tschüss wie in Deutschland, Baba in Österreich, oder Salü oder Schweiz. „Bye, bye bye, bye bye, bye, take care and all the best,“ da kann es schon mal dunkel werden.

Meine Frau war die Erste, die die Arbeiten begutachten wollte und fiel in Ohnmacht. Es sah aus, als wäre oben eine Bombe explodiert. Die Wanne war mit schwarzen öligen Flecken bedeckt, die neue Dusche, die eingebaut wurde, hatte die Farbe gewechselt und war jetzt in Camouflage, der Teppich im Gang mit Rostflecken, beziehungsweise Rostwasser bedeckt, aber der Druck auf den Startknopf entschädigte uns für manches, auch wenn die Aufräumarbeiten bis Dezember dauern, Hauptsache wir haben eine vernünftige Dusche und müssen nicht mehr zwischen Eis auf der Haut und Verbrennungen zweiten Grades wählen.

Nachtrag: Das ganze ist sehr überspitzt dargestellt. Derry und ich kennen uns seit über 10 Jahren und seine Familie wurde im Laufe der Zeit auch meine Familie. Viele Sachen verstehe ich an Derry nicht, damit meine ich nicht nur den Akzent den wahrscheinlich auch Iren nicht immer verstehen, sondern seine extreme Sparsam- und Anspruchslosigkeit. Ich nehme an, das hat damit zu tun das Derry im County geboren und aufgewachsen ist. Seine Eltern besaßen eine Farm die von Derry übernommen wurde, da seine Geschwister kein Interesse daran besaßen. Derry hat dann mit seiner Frau nach und nach B&B‘s gekauft und gleichzeitig seine Farm bewirtschaftet. Derry ist das Beispiel für die Iren die ihr Leben lang gearbeitet haben. Natürlich gibt es bei uns Reiche und Neureiche, nicht umsonst liegt Irland auf Platz Zehn bei den Milliardären, aber die überwiegende Mehrheit, die es zu einem bisschen Vermögen gebracht haben, schafften dies durch Arbeit und, wie in Derrys Fall, einer gewissen Bauernschläue. Ich mag Derry, auch wenn einen manchmal in den Wahnsinn treiben kann mit seiner Sparsamkeit und nicht sehen will, oder kann, dass Investitionen auch für die Zukunft sind und nicht für den schnellen Profit. Das scheint, wie mir ein Barbesitzer, den ich in meinem Stammpub kennen gelernt habe, in Irland üblich zu sein. Land und Immobilien werden von Iren als Kapitalanlage bevorzugt. Im Falle der Immobilien verstehen sie nicht warum sie die pflegen sollen, denn die Mieter zahlen ja trotzdem und die von der Regierung erlassenen Gesetze werden in den meisten Fällen nicht eingehalten.

Geld macht nicht glücklich

F420BCD7-A72F-4B8B-90F5-6DF40AFAC7B5

Seit 2016 tobte der Streit zwischen der EU, Apple, und Irland. Am Ende wurde der Klage Apples statt gegeben und vorerst muss das Treuhandkonto, welches von der irischen Regierung verwaltet wird, nicht an Irland, beziehungsweise die EU, ausgezahlt werden. Damit könnte das Gezerre um die Milliarden vorbei sein, allerdings scheinen viele Leute, nicht nur in Deutschland, zu begreifen warum dieses Geld weder den Iren, noch den Deutschen in Gesamtheit gehört und es zeigt sich einmal mehr, dass es immer noch Schwierigkeiten bereitet sich erst zu informieren und dann zu kommentieren.

Die EU-Kommission um Margarethe Verstager verurteilte Apple zu einer Steuerrückzahlung von 16 Mrd. Euro, weil sie der Meinung waren, dass die irische Regierung der Firma Apple Steuervergünstigungen eingeräumt habe, die nach Meinung der Kommission illegal gewesen seien. Während Apple und die irische Regierung damit argumentierten das es weder eine Steuerabsprache gegeben hat, noch dass es irgendwelche Vergünstigungen gab, beharrte die EU auf eine Steuernachzahlung in Höhe von mehr als 13 Mrd. Euro für die Zeit von 1991 bis 2007. Dagegen hatte die Firma Apple geklagt und man einigte sich darauf das die irische Regierung dieses Geld erhalten, und verwalten sollte bis die Gerichte ein Urteil fällen.

Das Geld ging auf ein Treuhandkonto und lag da, denn Irland erhob keinen Anspruch darauf. Schon damals war das Geschrei groß und Sigmar Gabriel, damals Wirtschaftsminister, bezeichnete Konzerne wie Apple als Asozial, was mittlerweile wie ein Hohn klingen mag, wenn ein Sozialdemokrat der Meinung ist 10.000€ im Monate seien ein angemessenes Gehalt für ihn, aber egal. Danach wurde es wieder ruhig bis zu den irischen Parlamentswahlen im Februar. Für die linken Parteien, wie Sinn Féin und People before Profit, war Apple ein Wahlkampfthema und man hatte unter anderem den Slogan, das Apple jedem Iren Geld schulde, und diese 13 Mrd. den Iren gehört. Der Hinweis, das das Geld ersteinmal niemanden gehört, verhallte in der Echokammer. Das Geld, so die vorherrschende Meinung, solle sofort ausbezahlt werden.

Das wäre zwar Diebstahl, aber ein Diebstahl der zu tolerieren ist, denn schließlich geht es um Volkseigentum. Das sind im übrigen die, die nach mehr Garda und härteren Strafen wegen Diebstahl nachsuchen, obwohl, nach ihrer Logik, der Dieb ja nur das nimmt was ihm zusteht. Auf jeden Fall wurde die Summe dann wieder während des Lockdowns thematisiert. Mary McDonald, die Vorsitzende, von Sinn Féin, und bei den Wahlen zum Dáil stärkste Kraft, forderte unseren Taoiseach Leo Varadkar dazu auf, endlich das Konto zu leeren, und in die Krankenversorgung zu investieren. Nun ist es zwar so, dass, wie schon erwähnt, das Geld niemandem gehört, und Sinn Féin die Entscheidung zum Treuhandkonto mitgetragen hat, aber was zählt der gestrige Gedanke. Ein weiterer Punkt, den sie nicht berücksichtigt hat, wäre die Entscheidung zu Gunsten der EU ausgefallen, dann wäre das Geld nicht irisches Eigentum.

Eine Entscheidung war, das Irland das Geld nach einem Verteilungsschlüssel auf die EU-Mitgliedsländer verteilen muss. Wieviel da für Irland übrig geblieben wäre, das weiß keiner, denn man hatte sich darüber noch keine Gedanken gemacht.

Der Kampf, nicht um Rom

Nach der gestrigen Entscheidung musste ich mir erstmal die Augen reiben, ob der vielen Kommentare. Leider kommentieren viele Leute ohne sich mit den Hintergründen beschäftigt zu haben, oder wie ein Zitat, das Karl Kraus zugeschrieben wird, sagt; „Es genügt nicht keine Idee/Meinung zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Und so wurden die wildesten Anschuldigungen und Vorschläge gemacht, wie man an das Geld kommen kann. Auf der Süddeutschen Zeitung tobte sich der Bildungsbürger aus und man übertraf sich förmlich, wie man das handhaben solle. Der User Kayef wünschte sich, das man die irische Regierung in Sippenhaft nehmen müsse, sollte es nicht möglich sein das Geld von Apple zu bekommen. Man möchte dem guten Kommentator zurufen, dass er seine Schnappatmung in Griff haben sollte und ergänzen, dass die Sippenhaftung in Deutschland 1945 abgeschafft wurde, war sie doch ein bevorzugtes Instrument der Nationalsozialisten, Regimegegner und ihre Familien auszumerzen.

Ein anderer User schrieb: „Wer auf die EU setzt, selbst aber mit Steuertricks seine Partner bescheißt -hallo Irland und Luxemburg-, zeigt was er von der EU hält.“ Ja ja, die perfiden Iren und Luxemburger. Dumm nur, dass weder die irische, noch die luxemburgische Regierung mit Steuertricks bescheißen. Ein Blick in der Unternehmenssteuersätze der Mitgliedsländer zeigt, dass die Sätze in der EU völlig unterschiedlich sind, nicht umsonst haben sich viele Firmen in der Slovakei, oder Ungarn angesiedelt -unter anderem auch Bosch und Audi, aber das sind ja deutsche Firmen-, die Niederlande sind mittlerweile zu einer Steueroase geworden. Jetzt Irland, oder Luxemburg an den Pranger zu stellen zeigt, dass man die Europäische Union offensichtlich nicht verstanden hat.

Natürlich wäre es wünschenswert wenn die Steuersätze in allen EU Ländern gleich wären, man konnte sich aber nicht mal auf eine einheitliche Mehrwertsteuer festlegen. Und man muss auch berücksichtigen, dass an einer Unternehmenssteuer auch andere Faktoren hängen. Das heißt man muss das ganze Steuersystem vereinheitlichen und das ist kaum zu schaffen. Zum anderen: Laut der WirschaftsWoche zahlten die 30 größten DAX Unternehmen 2018 weniger Steuern als vorgesehen. Mir ist auch nicht bekannt, dass die großen Unternehmen in Deutschland am Hungertuch nagen. Auch, und das erklärt Apple, zahlt es seine Steuern in den USA -und die sind nicht zu knapp- weil dort der Hauptteil erwirtschaftet wird. In Irland zahlt es für die Umsätze die in Europa erzielt werden. Das mag man gut, oder schlecht finden, es ist allerdings nichts anderes als was europäische Firmen auf anderen Kontinenten machen.

Apple beruft sich darauf, dass Apple doppelt Steuern zahlen soll und findet das nicht fair und es zeigt, dass die Europäische Kommission ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Es spricht auch ein leichter Anflug von Antiamerikanismus, besonders bedingt durch den Streit zwischen der EU und den USA (Trump) aus dem Ganzen. Denn es scheint man hat überwiegend amerikanische Technologiefirmen auf dem Radar. Ja sie nutzen ihre Marktmacht aus, umgekehrt nutzen europäische Firmen auch ihre Marktmacht aus. Bezüglich Technologievorsprung haben einige Länder die Entwicklung verschlafen. Sieht Deutschland und die Elektromobilität. Wenn ich das Ladestellenchaos und die Gegnerschaft betrachte, dann frage ich mich wann Deutschland die Millionengrenze bei den E-Autos erreicht.

Black Lives Matter

A720B46E-E0AE-4281-A5A6-B0E4E4A7A793

Nach dem Tod des US-Amerikaners George Floyd in Minneapolis, und den Protesten in den USA,  schwappten die Proteste gegen Rassismus auch nach Europa über. Hier gab es Proteste in Dublin und in Cork und unter dem Motto #BlackLivesMatter, kamen viele Hundert Demonstranten zusammen. An sich wäre, gäbe es den Lockdown, bedingt durch Corona, nicht, an diesen Protesten nichts auszusetzen. Allerdings sorgte die Äußerung unseres Taoiseach Leo Varadkar für Gesprächsstoff im Land, schließlich leben in Irland rund 64.639 (Census von 2016) Schwarze.

Und mit Rotimi Adebari wurde 2007 ein in Nigeria geborener, und seit 2000 in Irland lebender Schwarzer, der erste schwarze Bürgermeister von Portlaoise, bzw. Der erste Schwarze überhaupt. Nach neuerlichen Diskussionen, bereits vor ein paar Jahren war Rassismus und Xenophobie Thema, wurde das Thema in den Medien, gerade nach den Demonstrationen in Cork und Dublin, wieder aufgenommen. RTÉ brachte einen Beitrag über drei Irinnen, im Land geboren, deren Eltern aus Afrika, sowie Jamaika in‘s Land kamen. Die drei Frauen berichteten über ihre täglichen Erlebnisse, dass man sie beschimpft, oder auffordert wieder dahin zu gehen, wo sie hergekommen sind.

Auch in den Zeitungen wird das thematisiert. Nun ist das erschreckende nicht das die Vorfälle zugenommen haben, sondern das viele Iren das negieren, bzw. Kleinreden.  Dieses All Lives Matter ist nicht nur in den USA, nein, auch in Europa der Versuch, Rassismus und Xenophobie zu verharmlosen in dem man sagt, „ja der Rassismus ist schlimm, aber andere Menschen haben auch zu leiden.“ Es sind nicht nur die rechten Gruppen, oder Rechtspopulisten, die mit diffusen Ängsten spielen. Hier gibt es mittlerweile eine Gruppierung, die nennt sich „Irish Patriots.“ Ihre Welt besteht aus Iren und Nichtiren, wobei zugestanden wird, dass man Menschen aus Europa hier integrieren kann -sind zwar immer noch keine Iren, aber immerhin Christlich- und Muslime das Land verlassen müssen, weil der Islam -es leben 63.443, überwiegend aus Bangladesch und Pakistan, im Land-, das christliche Abendland bedroht.

Dieses, „ja ja, die Rechten,“ wird immer dann verwendet, wenn man davon ablenken will, dass das Mittlerweile Teil einer Gesellschaft geworden ist und es kann einen recht schnell selber treffen. Ich habe mal geschrieben, dass ich gerne mit schwarzen Taxifahrern fahre, sie sind netter als viele irische Taxifahrer, obwohl eigentlich habe ich selten negative Erfahrungen gemacht. Allerdings höre ich die Geschichten und sehe, wie Leute an den Taxen vorbeilaufen in der Hoffnung einen weißen Taxifahrer zu bekommen. Sollten sie einen Osteuropäischen Fahrer finden, dann kontrollieren sie wahrscheinlich ihre Habseligkeiten nach dem Aussteigen. Da, auf Grund der starken polnischen Präsenz, für viele die Osteuropäer eh alles Polen sind, wird auch die Xenophobie gepflegt.

Für uns, die wir weltoffen sind, ist das natürlich ein Problem, denn wir sind ein kleines Land, mit gerade mal 5Mio. Einwohnern. Patience Jumbo-Gula und Rhasidat Adeleke sind ein Beispiel dafür, wie die Schwarzen Iren Einfluss auf unseren Sport haben. Und mit Darren Randolph haben wir einen farbigen Fußballnationalspieler. Das gleiche gilt für alle anderen europäischen Länder. Menschen begreifen nicht dass es egal ist welche Hautfarbe jemand hat. Dieses „Wir-Gefühl“ wird meist nur dann zelebriert, wenn „die Nation“ ein Erfolgserlebnis hat. Dann werden „Sie“ gefeiert und sollten sie verlieren, dann ist der Schuldige schnell ausgemacht

Diese „Wir“ sollte aber im Denken verankert sein. Gerade in Europa. Jahrhundertelang sind Europäer in alle Welt ausgewandert, es gab Binnenwanderung in nicht geringem Ausmaß, und die Argumentation, diese Leute seien ja christlich gewesen zählt nicht, wenn man sieht, das beispielsweise die Schwarzen hier in Irland überwiegend Christen sind und keine Voodoo Puppen im Hinterzimmer zerstechen, oder Hühneropfer bringen.

Als Kind wurde ich im Sommer sehr schnell braun, fast schwarz, sehr oft sagten die Leute ich solle doch dahin gehen, wo meine Familie hergekommen ist, man will keine Türken, oder Nordafrikaner. Ehrlich gesagt habe ich das nicht verstanden, ich war doch in Deutschland geboren, wurde aber nicht akzeptiert. Mit einem italienischen Nachnamen (ich verwende hier auf dem Blog den Mädchennamen meiner Großmutter), passierte es uns öfters, dass wir gefragt wurden, ob wir denn Deutsch verstehen könnten, oder ob man eventuell lauter sprechen sollte. Groteske Situationen wie, „DU SPRECHEN DEUTSCH? DU KÖNNEN MICH VERSTEHEN“? Passierte öfters und wir haben das eher mit Humor betrachtet. Gut, damals waren die Zeiten anders.

Trotz Gastarbeiter, wie man sie nannte, war die Zahl sehr überschaubar und die Zahl derer, die jetzt in Deutschland leben, ist immer noch überschaubar.  Viele von ihnen sind in der Gesellschaft angekommen und werden wahrgenommen, leider nicht immer positiv, besonders wenn es zu Vorfällen kommt, dann werden sie pauschal verdächtigt und beleidigt. Sie haben immer noch Probleme, obwohl im Land geboren wird ihnen mit Vorbehalten, oder Ablehnung begegnet, was besonders bei Berufswahl, oder Wohnung eine Rolle spielt. Während Erwin Kostedde und Jimmy Hartwig noch Exoten im Sport waren, hat der europäische Fußball Spieler aus allen Nationen, denen allerdings in den meisten Fällen die Akzeptanz, außerhalb des Sports verweigert wird.

Man kann Rassismus und Xenophobie nicht besiegen, es wird nicht gelingen Menschen, die Vorurteile als Gewissheit sehen, erreichen zu können. Man kann aber bei denen anfangen, die sich nichts dabei denken und sie zum Nachdenken anregen, warum Rassismus und Xenophobie eine völlige Idiotie ist. Uns mögen Hautfarben und Religionen, oder die Kultur unterscheiden, am Ende steht aber immer ein Mensch, und darin sind wir alle gleich. Wir müssen, essen, Trinken, schlafen, unsere Notdurft verrichten, haben den gleichen Körper und den gleichen Lebenssaft. Wir hören die gleiche Musik, lachen über den gleichen Humor, lesen die gleichen Bücher. Das sollte sich jeder vor Augen halten. Es gibt nicht „die überlegene Rasse“ wer das allen Ernstes glaubt ist ein kompletter Idiot und hat komplett die Kontrolle über seine Unterhose verloren.

Grimms Unsinn

2000
Da muss sich selbst Johnson an den Kopf fassen, nachdem er Grimms Beitrag auf der Achse des Guten gelesen hat

Die Achse des Guten kenne ich seit 2004 und habe sie regelmäßig gelesen da sie Themen bot, die Nachrichten aus einem anderen Blickwinkel zeigten und beispielsweise nicht aus permanenten Bush Bashing bestanden. Sie war zwar stets polemisch, aber in meinen Augen nie bösartig, vor allem schrieben dort gute Autoren wie David Harnasch, Alan Posener oder Hannes Stein. Die Seite bot, wie Philipp Dudek in der Taz schrieb, „eine feste liberale Gegenöffentlichkeit im Internet“ zu bilden.“

Irgendwann, das muss so um das Jahr 2010 gewesen sein, driftete die Seite in eine Richtung die man schon als Rechtspopulismus bezeichnen konnte. Vielleicht wollte man den gemeinen Wutbürger bedienen, der sich schon vorher auf die Seite verirrt hatte wenn die Achse einen Beitrag veröffentlichte, der in der Filterblase gut ankam. Plötzlich reichte es den Machern nicht mehr denn, so stellte man fest, gab es dort draußen eine große Anzahl Menschen die begeistert die Artikel kommentierten. Also schrieb man für den Pöbel mit Abitur denen die Pi-News zu schmuddelig waren. Leute wie Akif Pirinçci durften ihren Menschenverachtenden Müll in die Tastatur rotzen bis er selbst der Achse zu unappetitlich wurde. Mittlerweile  kann man die Seite nicht mal mit der Kneifzange anfassen, denn es sind immer die gleichen Thema und die gleichen Autoren. Da kommen die Klimaskeptiker von EIKE zu Wort, deren einzige Legitimation darin besteht, dass sie eine Wetterstation besitzen. Autoren, die gerne das Wort Lügenpresse und Fakenews bemühen, aber ausschließlich alternative Fakten präsentieren. Vielleicht dachte man auch Parteien, wie AfD oder FPÖ, wären sehr daran interessiert ein Haus- und Hofblatt zu besitzen, Leute, die es diesen linksgrün versifften Gutmenschen zeigen.

Erstaunlich ist, wie viele ehemalige Bürgerrechtler, die endlich Rechtsaußen angekommen sind, bei der Achse schreiben. Vera Lengsfeld zum Beispiel, die Leute die ihr nicht passen an den öffentlichen Pranger stellt, wie beispielsweise Anetta Kahane. Auch Peter Grimm ist ein ehemaliger Bürgerrechtler und schreibt von Zeit zu Zeit auf der Achse Texte, dass sich einem die Fußnägel hochrollen. So zum Beispiel über den Wahlerfolg Boris Johnsons in England und da passt der Text meiner Meinung nach auf diesen Blog, schließlich ist Großbritannien unser direkter Nachbar und damit hängen auch wir, gerade durch Nordirland, mit dran.

Am 13.12, nach der Wahl in GB, veröffentlichte der Herr Grimm einen Text der es in sich hatte. Begünstigt wurde Johnson nämlich nicht, wie alle glauben, durch das Brexit Gezerre, sondern, man höre und staune, durch Angela Merkel und Ursula von der Leyen. In seinem ganzen Text legt er eine erstaunliche Ahnungslosigkeit und Unkenntnis an den Tag die einen fremdschämen läßt, allerdings durchaus den Argumenten der Euroskeptiker entspricht und die man bei Parteien wie Lega Nord, FPÖ, oder AfD antrifft. Die EU ist für ihn ein Moloch, ohne demokratische Befugnisse und diktatorisch ist sie auch. Nicht Unwarheiten erzählt von Herrn Johnson führten zum Brexit Referendum und der einfachen Mehrheit, sondern allein die EU, die laut ihm, die Mitgliedsstaaten bevormundet, so als gäbe es das Unterhaus gar nicht.

Man kann und muß die EU kritisieren, allein wegen ihrer Außendarstellung wenn man einen Satz wie den folgenden liest: „Weniger Bevormundung durch nicht hinreichend demokratisch legitimierte EU-Gremien, keine weitere ungeregelte Zuwanderung, keine größeren Geldflüsse der vom Steuerzahler aufgebrachten Mittel in irrationale und rein weltanschaulich begründete Projekte.“ Ich weiß nicht ob er schon mal was vom Schengener Abkommen gehört hat, wahrscheinlich nicht, denn dann wüßte er dass eine unkontrollierte Zuwanderung nach Großbritannien oder Irland nicht stattfindet. Einmal durch die geographische Lage, zum anderen weil Zollkontrollen durchgeführt werden. Jeder der als EU Bürger britischen oder irischen Boden betritt muß seinen Paß vorzeigen. Selbst wir Iren müssen durch die Kontrolle, sowohl im europäischen Ausland als auch auf heimischen Boden.

Ja, es gibt illegale Einwanderer nach Großbritannien, das bestreitet niemand. Ein Streitpunkt des Brexit war aber die Freizügigkeit, nämlich das EU Bürger überall in Europa leben und arbeiten können. Vielleicht informiert sich der Herr Grimm erstmal über die Stimmung in England gegenüber Osteuropäern, bevor er so einen Blödsinn schreibt. Migration gehört zu den Aufreger-Themen im Land. In der Regel dreht sich die Debatte aber um legal Zugezogene aus EU-Ländern, insbesondere Rumänien und Bulgarien, oder um Gruppen aus ehemaligen Commonwealth-Ländern, die oft britische Pässe besitzen, schreibt das Handelsblatt in seiner Ausgabe vom August 2018.

Sein zweiter Punkt, das mit den größeren Geldflüssen, schaut er am Besten noch einmal nach. Ja, Großbritannien ist der Drittgrößte Nettozahler in der EU und…., sie würden mehr zahlen wenn Maggie Thatcher nicht Sonderkonditionen ausgehandelt hätte. Allerdings, schaut man auf die Argumente der Remainer, erfährt man das Großbritannien zwar zu den EU-Nettozahlern gehört, dass das Land aber ein Vielfaches des investierten Geldes wieder herausbekommt – und zwar durch den erleichterten Handel mit den anderen EU-Mitgliedsstaaten. Dieser sorge in Großbritannien sowohl für niedrigere Preise als auch für höhere Investitionen und für die Schaffung zusätzlicher Jobs.

Die EU-Befürworter gehen davon aus, dass in Großbritannien drei Millionen Jobs mit dem EU-Handel verbunden sind. Jeden Tag würden Investoren aus EU-Ländern 66 Millionen britische Pfund (umgerechnet knapp 84 Millionen Euro) in Großbritannien anlegen. Die Einfuhr günstiger Waren aus der EU würde dafür sorgen, dass jeder Brite jährlich 350 Pfund (umgerechnet 445 Euro) sparen könne.

Desweiteren, wenn er durch Großbritannien reist, dann wird er viele Schilder finden auf denen die EU als Bauherr steht. Besonders in Wales oder Nordirland, wo die SEUPB ( Special EU Programmes Body ) Geld im Rahmen des Good Friday Agreements investiert hat. Falls das für Herrn Grimm ein irrationales und weltanschauliches Projekt ist, dann sollte er sich nochmal mit den Werten der EU auseinandersetzen, oder mal die Geschichte des Nordirland Konflikts lesen.

Wenn Angela Merkels Deutschland Klimapakete schnürt, deren Kernpunkt eine CO2-Abgabe ist, die vor allem zu einer Verteuerung nicht nur der Energiepreise sorgt und Merkels langjährige Gefolgsfrau Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin anschließend einen „Green Deal“ ausruft dann klingt das für Menschen, die ihren Lebensunterhalt in produzierenden Industriebetrieben verdienen – zurückhaltend gesagt – wenig attraktiv.

Zunächst mal bleibt festzuhalten dass der Klimawandel bei dem Referendum 2016 keine Rolle gespielt hat und Ursula von der Leyen zu dem Zeitpunkt noch Verteidigungsministerin war. – Ich lebe zwar seit 2010 in Irland, aber das war selbst mir bekannt. – Zum anderen hat Großbritannien weit vor den Klimazielen, auf die sich der Grimm beruft, begonnen den CO2 Ausstoß zu reduzieren und 2017 verkündete die Regierung dass sie bis 2040 ein Verbot von Verbrennern durchsetzen will. Warum das bei der Wahl eine Rolle gespielt haben soll, das weiß auch nur er alleine.

Etliche der Wähler, die Boris Johnson jetzt zu seinem Sieg verhalfen, obwohl sie eigentlich keine Konservativen-Wähler sind, haben vor allem gegen die EU in ihrer jetzigen Verfasstheit gestimmt. Die wollten sie nicht mehr haben und nur Boris schien die Gewähr dafür zu bieten, dass man sie hinter sich lassen kann. In diesem Sinne haben Angela Merkel und Ursula von der Leyen mitsamt ihren Getreuen wirklich ganze Arbeit als Wahlhelferinnen für den Premierminister geleistet.

Wenn man schaut, warum Johnson so deutlich gewonnen hat dann lag das weniger am Ausland oder an der EU. „Ich denke hier waren zwei Dinge verantwortlich, denn es war eindeutig eine Brexit-Wahl und eine Corbyn-Wahl. Die Labour Party erhielt in einigen Landesteilen ihre Stimmen. Es war O.K. sie in London zu wählen und es war O.K. sie in Universitätsstädten zu wählen, in denen der Corbynismus beliebt ist. Aber Corbyn und der Corbynismus waren eine Katastrophe für viele der traditionellen Labour Sitze die mit Leave gestimmt haben. Die Leute werden lange streiten, ob der Brexit, oder Corbyn zur Wahlschlappe geführt haben. Das Projekt Corbyn ist auf jeden Fall abgeschlossen,“ antwortet David Runciman, Professor für Politik an der Universität Cambridge in einem Interview mit dem New Yorker. Viele Leute waren das Gezerre einfach leid, hinzu kam, dass niemand wußte wo Labour eigentlich steht. Corbyn hat nie klar gemacht ob er für den Verbleib, oder für den Brexit ist. Wer sich mit ihm beschäftigt, der weiß dass er ein ausgesprochener Gegner der EU ist. Er hält es für einen kapitalistischen Moloch und einen Ausbeuter der Arbeiterklasse. Erst ganz zum Ende kamen von ihm Einlassungen zum Brexit, beziehungsweise so etwas wie ein Ja zum Remain.

Hinzu kommt, dass der Corbynismus Strukturen innerhalb Labours gezogen hat die es vielen Leuten, die traditionell eher Linksliberal sind, unmöglich machten Corbyn zu wählen. Der innere Zirkel Corbyns, bei dem man das Gefühl hat die Altstalinisten feiern ihren x-ten Frühling, trugen maßgeblich dazu bei. Das zeigt die Bewegung Momentum, die Kritiker und Abweichler gnadenlos verfolgt und die jüdischen Labourwähler und Mitglieder in Juden ( wenn sie sich Kritisch zu Israel äußern ) und Zionisten ( wenn sie sich solidarisch mit Israel erklären ) einteilt. Dann noch dieses um den heißen Brei herumstreifen bezüglich der Antisemitismus Erklärung, verbunden mit dem Aufweichen, dass man Antisemitismus mit Rassismus gleichsetze und mit der Erklärung Labour sei „Antirassistisch“ sich von jeglichen Äußerungen reinwusch.

Ein weiterer Punkt war die Berichterstattung der britischen Medien, denn ein Wahlprogramm hatte Johnson nicht. Wie ein Mantra wiederholte er ständig „Get Brexit done, more money for NHS and Education and more Police on the Streets.“ Wie er das bewerkstelligen will dazu schweigt der Westentaschen Churchill, vielleicht baut er ja die gleichen Luftschlösser wie als Bürgermeister von London. In der Zeit in der die Tories nun die Regierung bilden haben sie das NHS praktisch totgespart. Die Gelder für die öffentliche Sicherheit zusammengestrichen, Behinderte, die für nicht Arbeitstauglich erklärt wurden, von den Arbeitsämtern mit Sanktionen belegt. Und mit dem Abkommen zwischen Johnson und Farage wird mehr Libertarismus in England Einzug halten, denn Farage ist der Meinung der Staat habe sich aus dem Leben seiner Bürger rauszuhalten, besonders wenn es um Wirtschaft und Finanzen geht.

Ich finde es erstaunlich wenn viele Personen in Deutschland, oder besser in der DACH Region, grenzenlosen Narzissten wie Donald Trump, oder Boris Johnson zujubeln und im Falle Johnson schreiben, er sei der beste Mann. Das sind auch die Leute, die deutschsprachigen Medien, bis auf wenige Ausnahmen, grundsätzlich nicht trauen, oder Angela Merkel alles anlasten. Man hat den Eindruck Frau Merkel sei selbst dann schuld, wenn es regnet. Nun ist diese Sichtweise nicht auf Deutschland beschränkt, denn die Brexiteers schreiben vom angeblichen vierten Reich, wenn man Angela Merkel unterstellt sie würde die Europäische Union kontrollieren und steuern. Gustave Le Bon schrieb einst, „Die großen Führer aller Zeiten, die der Revolution Hauptsächlich, waren sehr beschränkt und haben deshalb den größten Einfluss ausgeübt.“ Hört man Johnson und die Reaktionen seiner Anhänger zu, dann kann man, wenn man sich mit Johnson beschäftigt, nur zustimmen, denn, das wußte schon Le Bon, „Die Menge wird sich immer denen zuwenden, die ihr von absoluten Wahrheiten erzählen, und wird die anderen verachten.“

Vor dem Referendum 2016, erklärte Boris Johnson 2001 es sei absolute Idiotie aus der Europäischen Union auszutreten und er könne sich nicht vorstellen dass das jemand ernsthaft wollen könnte, um dann etwas später auf den Zug der Brexiteers aufzuspringen da er sich davon mehr Macht innerhalb der Tories versprach. So tourte er mit seinem berühmten roten Bus durch’s Land und verkündete man zahle wöchentlich 350 Mio Pfund and die EU, was dreist gelogen war. Es ist irgendwie Grotesk, wenn man Angela Merkel und die deutsche Regierung am liebsten in die Wüste schicken würde, aber bei einem Pinocchio Johnson Schnappatmung vor Erregung bekommt.

Übrigens sollte Herr Grimm sich über das Referendum von 2016 informieren. Der überwältigende Erfolg betraf nämlich nur England und Wales, während Gibraltar, Schottland und Nordirland für den Verbleib gestimmt haben. Die Überseegebiete wurden erst gar nicht gefragt.

Am Ende bleibt festzuhalten, auch wenn das Herr Grimm und seine Gefolgschaft anders sehen, dass die Wahl, besser der Erfolg der Tories sich fast ausschließlich auf England und Wales beschränken, also könnte man ihn fragen, wenn Merkel und von der Leyen maßgeblich am Erfolg Johnsons beteiligt waren, warum hat es für die Konservativen dann nicht in Schottland und Nordirland gereicht und warum durfte Gibraltar nicht wählen?