Alba gu bràth

1995 ritt ein, wie ein verunglückter Schlumpf bemalter, Mel Gibson die Front der Schottischen Krieger ab und rief am Schluss seinen Kriegern den Slogan „Alba gu bràth“ (Scotland forever) zu.

Dem schottische Freiheitskämpfer William Wallace gelang es, mit den schottischen Clans an seiner Seite, und seinem Anführer Andrew de Moray, 1297 die Engländer in der Schlacht von Stirling Bridge zu schlagen. Der Sieg war der letzte für die Schotten und Wallace. Nach der Schlacht von Falkirk flüchtete er der Überlieferung nach nach Frankreich. 1303 kehrte er nach Schottland zurück und plante einen neuerlichen Feldzug gegen König Edward I. Longshanks.

Daraus wurde nichts mehr, denn 1305 wurde William durch Verrat aus den eigenen Reihen gefangen genommen – Es war Sir John de Menteith, der Burgherr von Dumbarton Castle, der Wallace gegen eine hohe Belohnung verriet. Der Rest ist bekannt. Am 23. August des Jahres 1305 wurde Wallace in London hingerichtet, sein Kopf auf einem Spieß auf der alten London Bridge zur Schau gestellt, und der Rest im Königreich verteilt.

Leider gibt wenig zeitgenössische Berichte denn der erst Bericht, das Gedicht „The Wallace“ von Blind Harry erschien erst 1477, zu einer Zeit also, da war Wallace über 100 Jahre tot. Heute ist Braveheart schottischer Nationalheld und jeder Schotte saugt das Gedicht über ihn mit der Muttermilch auf. Patrioten pilgern zum Caledonian Temple of Fame, während Touristen das Wallace Monument, welches ihm zu Ehren 1869 bei Stirling errichtet wurde.

Nun hatten die Schotten einen König, wie davor auch, aber die schottischen Könige beliebten die Vasallen der englischen Krone zu sein. John de Balliol war bis zu seiner Absetzung, 1296, nur auf dem Thron dank Edward I. und es dauerte noch eine Zeit, bis Robert, genannt the Bruce, die Bühne betrat.

Robert wurde 1306 König von Schottland, und regierte das Land bis zu seinem Tod im Jahre 1329. Robert machte ein Ende und führte Schottland in der Unabhängigkeit, als er in der Schlacht von Bannockburn, die am 23. und 24. Juni 1314 stattfand, eine Übermacht der Engländer vernichtend schlug. Bevor er das Tat, mußte Robert in internen Schlachten seine Rivalen besiegen.

Die schottische und die irische Geschichte ist sehr miteinander verwoben, auch viele Gemeinsamkeiten bestehen zwischen beiden Volksgruppen. Handel zwischen Iren und Schotten besteht wahrscheinlich seit Iren und Schotten auf die Inseln kamen.
Robert tauchte in Irland unter, sein Bruder Edward wollte den schottischen Anspruch auf den irischen Thron durchsetzen und ließ sich, mit Hilfe der Clans aus Ulster entweder 1315 oder 1316 auf dem Tara Hill – dem Sitz der irischen Hochkönige – zum Hochkönig über Irland gekrönt.

Die Schotten versuchten Irland von den Engländern zu befreien, stellten ihr Bemühen aber 1317 ein, da auch eine Hungersnot ihren Feldzug verzögerte. Danach kämpften Beide unter englischer Herrschaft entweder gegeneinander, wie in Westschottland, als sich die Engländer der Iren bedienten, oder in Irland, wenn dort wieder eine Rebellion stattfand. Schottische und englische Protestanten wurden in Ulster angesiedelt, um die Iren besser unter Kontrolle zu bringen.

Jedes Jahr sieht man das in Nordirland, wenn der Oranier-Orden zum Gedenken an die Schlacht von 1690, als Wilhelm III von Oranien seinen Widersacher Jakob II in der Schlacht am Boyne schlug. Auch wenn es sich bei den Heeren um Protestanten auf der Einen, und Katholiken auf der anderen Seite handelte, so ist der Nordirlandkonflikt kein Religionskonflikt.

Das Gaelic Revival in Irland war eine Bewegung von Nationalisten, denen es um die Gälische Sprache und Kultur ging. Sportarten wie Hurling wurden organisiert und unter der GAA bis zum heutigen Tage ausgetragen, zusammen mit Irisch Football. Auch in Schottland und Wales begann das besinnen auf die eigene Kultur, so wurde 1869 bei Stirling das Willam Wallace Monument errichtet, mit seinem angeblichen Schwert in der Vitrine – es heißt dass Wallace 2 Meter groß war, also sein Schwert hätte von Gibson kaum gehalten werden können.

Irland wurde unabhängig und Schottland blieb Teil des Königreiches bis zu heutigen Tag. Ian Blackford, der Parlamentsführer der schottischen SNP im Unterhaus, beschwerte sich nach dem Brexit mehrfach, das der Willen des schottischen Volkes nie berücksichtigt wurde, und besonders nicht nach der Brexit Abstimmung als die Mehrheit der Schotten für den Verbleib in der EU gestimmt hat.

Nicola Sturgeon, die Staatsministerin Schottlands, hat mehrfach erklärt, dass, sollte der Brexit nicht den Willen des schottischen Volkes berücksichtigen, man sich aus dem Vereinigten Königreich verabschieden wird.

Und hier zeigt sich die englische Arroganz. Boris Johnson lehnte die Forderung auf Unabhängigkeit ab und wies auf das Referendum von 2014 hin. Damals brachte die SNP das Referendum auf den Weg und die Schotten hatten die Möglichkeit über ihr Schicksal abzustimmen. Es gab eine große Wahlbeteiligung die aber mit 55% Ja Stimmen und 44% Nein Stimmen an die Remainers ging. Nun hat Johnson vergessen, dass die Schotten sich damals für die EU entschieden, hätte das Brexit Referendum 2014 stattgefunden bin ich überzeugt, die Mehrheit hätte für die Unabhängigkeit gestimmt. Johnson hat auch vergessen, dass von Westminster starker Druck ausgeübt wurde, denn man wollte eine Schottische EU-Mitgliedschaft verhindern.

Nun werden die Schotten von Westminster öfters wie Dorftrottel behandelt. Schottische Interessen werden übergangen, oder, wie in Nordengland, hängen dort Plakate der Aufschrift „Achtung vor den Schotten, sie stehlen Dir Dein Portemonnaie!“
Das ganze illustriert mit einer Hand die in die Hosentasche greift. Man macht sich lustig über das Land, oder antwortet die Schotten wären weder in der EU noch Teil von Großbritannien. Der Guardian hatte eine Serie „Anywhere but Westminster“ in der man aus der Provinz berichtete, und dieses Statement herauskam.

Mit großer Mehrheit haben die Schotten für den Verbleib gestimmt, und wenn viele meinen man bräuchte kein zweites Rumänien, weil man die Schotten auf EU Kosten durchfüttern müßte wäre es angebracht sich das BIP Schottlands anzuschauen. Europa ist der größte Handelspartner was zur Folge hat, dass schottische Fischer im Hafen festliegen weil durch den Brexit so ein Chaos entstanden ist, dass man den Fisch, nicht wie früher, ohne Probleme nach Paris transportieren kann.

Johnson hat diese Woche, wie üblich, Ian Blackford vollkommen ignoriert, als dieser über die Probleme der Fischindustrie sprach, und hat ihn dermaßen abfällig behandelt und vorgeschlagen, wenn es ihnen nicht passt, dann sollen sie doch gehen und hat ihnen die Schuld gegeben. Er ist dann zwar halbherzig zurückgerudert, wahrscheinlich weil ihm eingefallen ist das Schottland die Öl- und Gasproduktion überwacht, sowie die Atom U-Boote in Scapa Flow beheimatet.

Seit 1971 findet jedes Jahr das Interceltique Festival in der Bretagne statt, auf dem Gruppen aus verschiedenen keltischen Regionen auftreten. Es wäre für Irland und Schottland eine Möglichkeit innerhalb der EU eine gemeinsame Interessengruppe zu gründen, ich denke das wäre in beider Interesse.

Was die Weigerung Westminsters betrifft – Ich finde es schon sehr erstaunlich dass man sich auf eine knappe Abstimmung beruft, die noch nicht mal bindend war, aber den Willen der anderen völlig ignoriert. Johnson und die Anderen vergessen, dass Großbritannien kein Kolonialreich mehr ist und man die Wünsche nicht komplett ignorieren kann.
Wir leben nicht mehr im 11. Jahrhundert, als man mit Gewalt die englischen Nachbarn unterjochte und mit der Personalunion von 1603, als der Sohn Mary Stuarts Jakob I. auch den englischen Thron übernahm,sollte man sich schon überlegen, was in der Zeit alles passiert ist. Der Hinweis auf die seit dem 1. Mai 1707 bestehenden Realunion, oder das erste Referendum wirkt da eher wie ein verzweifeltes Festhalten an der Einheit des Königreiches, gegen den Willen der Schotten, die Einheit, die den englischen Brexiteers am Allerwertesten vorbeigeht, wollen sie die Nation doch in die Zukunft führen, da hat ein Monarch eigentlich ausgedient.

Der Sieger heißt…Boris Johnson

Zumindest für die Achse des Guten.

Im letzten Jahr habe ich über Peter Grimms Unkenntnis über die Wahl in Großbritannien geschrieben, da er behauptet hat, dass Ursula von der Leyen und Angela Merkel für den Wahlsieg der Tories bei den Neuwahlen verantwortlich gewesen seien.

In diesem Jahr sind es gleich zwei Kandidaten die dem Begriff „alternative Fakten“ eine neue Bedeutung geben. Der eine ist Thomas Rietzschel, der besser mal beim Kulturressort geblieben wäre und der zweite ist Dr. Benny Peiser.

Der Brexit ganz anders, oder Benny Peiser weiß Bescheid

Fangen wir mit Rietzschel an. Im September 2020 kam Boris Johnson auf den Einfall, das sogenannte „Binnenmarktgesetz“ auf den Weg zu bringen, das den Brexit Vereinbarungen zuwidergelaufen wäre, da Großbritannien selber der Seegrenze zwischen Nordirland und Großbritannien zugestimmt hat. Das Binnenmarktgesetz hätte eine mögliche Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland bedeutet und damit möglicherweise ein wiederaufflammen des Nordirland Konfliktes.

Rietzschel war offensichtlich die Geschichte Irlands und der zwischen der EU und Großbritannien geschlossene Vertrag nicht bekannt, sonst hätte er nicht gejubelt „In der Rage mag ihr entgangen sein, dass England bereits Ende Januar aus der EU ausgetreten ist und zum Schluss des Jahres auch die Zollunion und den EU-Binnenmarkt verlassen wird.“ Nein Thomas, das ist der Frau von der Leyen nicht entgangen, hättest Du den Vertrag gelesen, wäre auch Dir aufgegangen dass sich Großbritannien zu einer Seegrenze verpflichtet hat, übrigens eine Idee Theresa Mays.

Das Binnenmarktgesetz hätte gegen diesen Vertrag verstoßen, sowie gegen internationales Recht, aber man nimmt es bei der Achse nicht so genau mit Fakten und hält sich lieber an Trumps Pressesprecherin, die Diskrepanz der Inauguration Donald Trumps, bezüglich der Teilnehmer, mit alternativen Fakten erklärt hat. Das er die Queen im Kensington Palace wohnen lässt, ist wahrscheinlich seiner Ignoranz geschuldet.

Und da ist man bei der Achse wahrlich Meister. Man biegt sich Fakten so, dass sie in‘s eigene Weltbild passen. Und da haben Demokratie, Gesetz, oder Expertenmeinungen keinen Platz. Man bejubelt Personen wie Donald Trump, Boris Johnson, oder Viktor Orbán. Bieten sie doch dem liberalen Establishment die Stirn und werden vom Leserkreis, die es mit Gemeinschaft auch nicht so haben, höchstens wenn es um die Volksgemeinschaft geht, goutiert.

Der zweite Protagonist, Benny Peiser, schoss dann allerdings im Dezember den Vogel ab und erklärte Boris Johnson zum Sieger der Vertragsverhandlungen. Nun lebt Herr Peiser schon etwas länger in England und sollte eigentlich das Geschehen im Blick haben, allerdings nicht, wenn man sich um den ganzen Brexit nur am Rande interessiert, oder aus konservativen, Brexitnahen Zeitungen informiert.

Peiser hat die Global Warming Policy Foundation gegründet, eine Lobbyorganisation, die den Klimawandel leugnet und einen gewissen Einfluss unter den Tories besitzt, bezeichnet dieser Boris Johnson auch gerne mal als Linksradikalen, weil er nicht Berater der Premiers in Sachen Klima geworden ist, und Johnsons Kabinett an den Klimazielen festhält.

Aber hier geht es nicht um Klima, sondern darum der verhassten EU in die Suppe zu spucken. „Wir befinden uns im Jahre 2021 n. Chr. Ganz Europa ist von einer Großmacht besetzt… Ganz Europa? Nein! Eine von unbeugsamen Briten bevölkerte Insel hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten.“ Beginnt er seinen Text und verkennt, dass die Europäische Union sich selten in die Belange seiner Mitglieder eingemischt hat. Auch vergisst er, dass britische Regierungen gerne mal EU Gesetze in nationales Recht umgewandelt haben.

„Das Vereinigte Königreich wird sich nun zusehends aus den Fängen eines Riesen-Oktopus befreien. Es hat die volle Kontrolle über die Einwanderungspolitik und die Grenzen wieder erlangt. Britische Steuerzahler überweisen keine Milliarden mehr an den EU-Haushalt. Großbritannien liegt nunmehr außerhalb der Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofs. Das Land kann Handelsabkommen mit anderen Ländern auf der ganzen Welt schließen. Und auf längere Sicht wird es viel weniger Regeln und Kosten geben.“

Schreibt er weiter und mir stellt sich die Frage, wo Herr Peiser die letzten 40 Jahre gelebt hat? Großbritannien hatte immer die Kontrolle über seine Einwanderungspolitik und die Brexiteers vergessen, das die Osterweiterung maßgeblich von Großbritannien ausging und man auch hinter dem Freizügigkeits Grundsatz stand. Die Ablehnung des Schengenabkommens erlaubte Großbritannien – Übrigens auch Irland – weiterhin souverän über seine Grenzen zu wachen. Man musste sich einer Paßkontrolle unterziehen wenn man aus der EU aus und nach Großbritannien einreisen wollte.

Einer der Gründe für das Referendum war, dass man sich das anders vorgestellt hatte, Freizügigkeit ja, aber doch nicht für Osteuropäer und schon gar nicht, dass Polen die Jobs übernahmen die die englische Bevölkerung nicht machen wollte. Freizügigkeit bedeutete vielmehr das man selber in Europa ohne Probleme leben kann.

Auch werden die Steuerzahler weiterhin Gelder nach Brüssel überweisen, da das Land weiterhin in einigen Organisationen verbleibt und die Mitgliedschaft Geld kostet. Auch konnte GB Verträge mit anderen Ländern schließen, es profitierte aber von der starken Gemeinschaft die die EU bietet. Aber hey, die Verträge, die im Zuge des Deals den Briten zufallen bedeuten nicht, dass man da weitermachen kann, wo man ausgestiegen ist. Man wird diese neu verhandeln müssen, zu neuen Konditionen.

Als ich ……“Durch die Sicherung eines Brexit-Handelsabkommens hat Johnson das geliefert, was seine Kritiker nicht für möglich hielten. Während seine Kritiker ihn seit Jahren als einen ideologischen Fanatiker und Polit-Clown verschrien, hat er sich als das erwiesen, was viele Briten in ihm sehen – ein realpolitischer Pragmatiker.

Einer der Gründe, warum Johnson, im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Theresa May, einen Großteil seiner Unterstützung halten konnte, ist, dass er die britische Volkssouveränität mehr als die parlamentarische Souveränität respektierte, ja respektieren musste, um letztendlich das Referendum und mithin den Willen des Volkes zum Erfolg zu führen.

„Tatsächlich hatte Boris Johnson bei den Verhandlungen mit der EU keinen großen Spielraum für Kompromisse. Das Schicksal Theresa Mays und das Überleben der konservativen Partei standen auf dem Spiel. Denn das erste, ursprünglich von Theresa May und der EU ausgehandelte Austrittsabkommen war von den britischen Wählern und dem Unterhaus kategorisch abgelehnt worden.“…gelesen habe, da mußte ich lauthals lachen. Mir stellt sich die Frage, ob Peiser völlig realitätsfern ist und auf der Jagd nach dem Einhorn, oder im Koma lag.

Schauen wir uns doch mal den „Erfolg“ an: Die EU hat den Vertrag bekommen, den sie sich mühsam erarbeitet hat. Ich erkläre auch warum. Als Theresa May im Unterhaus ihre Rede zum, von Boris Johnson „ausgehandelten“ Deal hielt, adressierte sie das Ganze an Keir Starmer, Vorsitzender der Labour Party, meinte aber Boris Johnson.

Sie sagte es sei der Vertrag den sie ausgehandelt habe, der mehrfach abgelehnt wurde – auch von Jeremy Corbyn und Labour – und nun in leicht veränderter Form vom Unterhaus bestätigt wird. Zum einen hätte man den Vertrag viel früher und besser haben können, aber man wollte ihn nicht. Dann lehnte Johnson den Vertrag im September ab und versuchte das Binnenmarktgesetz in‘s Spiel zu bringen und damit Nordirland vor den Bus zu stoßen. Es wurde noch ein bisschen nachverhandelt, und als ein No Deal drohte, unterschrieb er.

Was hat er bekommen? Johnson brachte gegen Ende die Fischindustrie in‘s Spiel die 80% der Fanggründe für die britischen Fischer beanspruchte, obwohl sie nur 1% zum BIP beitragen und das meiste eh in die EU exportiert wird. Man fischt auch überwiegend Kabeljau und ganz ehrlich, Fische kennen keine Nationalität. Am Ende haben die britischen Fischer gar nichts bekommen, denn es bleibt so wie es war mit einer Ausnahme, dass man in 5 Jahren neu verhandelt.

Service- und Dienstleistungssektor machen 70% des britischen BIP aus, allerdings war dieser Sektor kein Bestandteil der Verhandlungen, so dass das Ergebnis sein wird, dass Johnson Nachverhandlungen beantragen muß, will er nicht für einen massiven Crash verantwortlich sein. Viele Dienstleister haben ihre Sitze nach Dublin, Frankfurt, Paris, oder Amsterdam verlegt. Was Boris Johnson nämlich nicht bedacht hat ist, dass Finanzfirmen ihren Sitz in der Europäischen Gemeinschaft haben müssen, da sie sich EU-Regeln unterzuordnen haben.

Das ist spätestens seit 2018 bekannt und dementsprechend schreibt Peter S. Goodman in der New York Times: „Nach dem Brexit-Referendum verlagerten viele Unternehmen Vermögenswerte, Büros oder Geschäftsbetriebe aus Großbritannien nach Kontinentaleuropa. Bis Anfang April 2019 haben Banken mehr als 1 Billion US-Dollar aus Großbritannien verlagert, und Vermögensverwaltungs- und Versicherungsunternehmen haben 130 Milliarden US-Dollar aus Großbritannien transferiert.

Ein Bericht des unabhängigen Forschungsinstituts New Financial vom März 2019 identifizierte 269 Unternehmen aus dem Banken- oder Finanzdienstleistungssektor, die nach dem Brexit Teile ihres Geschäfts oder ihrer Belegschaft verlagert hatten; von diesen Umzügen wurden 239 als Brexit-bedingt bestätigt. Die meisten Umzüge erfolgten nach Dublin (30 %), gefolgt von Luxemburg (18 %), Frankfurt (12 %), Paris (12 %) und Amsterdam (10 %).“ Und es wird weitergehen und viele werden in der Finanzmetropole London ihre Arbeitsplätze verlieren dank Brexit. – Anmerkung, der Report wurde Oktober 2019 upgedated –

Ich möchte hier auch nicht erwähnen, dass 70% der britischen Unternehmen auf den Brexit nicht vorbereitet sind, da es bis zuletzt keine Informationen darüber gab was sich alles ändert. Laut Boris Johnson sind das die Unternehmen schuld, denn Verantwortung übernimmt er grundsätzlich nicht. Um das zu wissen sollte man sich seine Reden im Unterhaus anhören. Für ihn und die Tories sind alle anderen Schuld.

Das NHS wurde jahrelang kaputt gespart, und mit dem Brexit verlor es einen großen Teil seiner Pflegekräfte aus EU-Ländern. Die Reaktion eines Brexiteers war, dass diese Osteuropäer schnell den Schwanz einklemmen, wenn mal eine kleine Epidemie kommt und die Engländer im Stich lassen. Ein anderer schrieb naiv, dann sollte das NHS für Nachwuchs sorgen, als wäre der Heilberuf mit einem Abendbesuch auf dem College in 2 Wochen erlernbar.

Durch Covid-19 wurde die ganze Situation noch verschärft. Unicef richtet Suppenküchen für Kinder und Jugendliche, besonders in Nordengland ein und erreicht damit 4,2 Millionen die unter der Armutsgrenze leben. Die Zahl der Obdachlosen steigt rasant, und immer mehr Briten müssen Universal Credit beantragen, um zu überleben. Währenddessen verlagerte Jacob Rees-Mogg, der Multimillionär aus dem Unterhaus, der aussieht, als hätte er einen Stock im Arsch und wäre aus der Zeit gefallen, Teile seines Konglomerats nach Dublin aus, um weiter in der EU Geschäfte zu machen, während der größte Spalter, Lügner und staatlich lizensierte Hochstapler Nigel Farage Jagd auf „illegale Migranten“ macht und nicht davor zurückschreckt, wenn er nicht in Dover Patrouilliert, Hotels abfährt und von den Angestellten wissen will, ob dort Flüchtlinge untergebracht sind. Im übrigen spekulieren britische Medien, ob er schon in der deutschen Botschaft einen Deutschen Pass beantragt hat, seine Frau und seine Kinder sind Deutsche.

Ein Highlight des Artikels, er zitiert Alexander von Schönburg, der in der britischen Mail folgendes Schmankerl zum Besten gibt:
„Was Boris Johnson erreicht hat, ist eine maßgeschneiderte Vereinbarung, die Grossbritannien den uneingeschränkten Zugang zum EU Binnenmarkt ermöglicht und gleichzeitig erlaubt, eigene Gesetze und Standards zu schreiben, ein Abkommen, das geradezu sensationell ist: „Rechtlich außerhalb der EU, aber mit vollem wirtschaftlichen Zugang zum EU-Binnenmarkt“, so lautet von Schönburgs Fazit.“

Nun lese ich selten die Mail, in der man nicht mal seine Fish & Chips einwickeln möchte, aber der Artikel ist von daher originell weil am gleichen Tag sein Kollege der Bildzeitung, Albert Link, schreibt, „Als eine der auflagenstärksten Zeitungen des Landes nimmt die „Mail on Sunday“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ins Visier. „Merkel will, dass Großbritannien über Glasscherben krabbelt“, titelt die Zeitung unter Bezugnahme auf eine anonyme Regierungsquelle.“

Artikel vom 13.12 der Mail, nun was stimmt denn jetzt?

Und in der Tat, auf der Hauptseite der Mail on Sunday vom 13.12.2020, liest man genau das. Wie Peiser und Schönburg auf den Gedanken kommen, Angela Merkel hätte Druck auf die EU ausgeübt wissen nur die Beiden. Merkel hat Johnson untersagt die Hauptstädte aufzusuchen, um direkt mit den einzelnen Regierungschefs zu sprechen. Kann man alles schon mal vergessen im Eifer des Geschäfts. Das Königreich hat auch keinen „vollen“ Zugang zum EU-Binnenmarkt wie die beiden fantasieren, sondern ist an viele Bedingungen geknüpft, die sowohl Firmen in der EU als auch auf der Insel belasten werden. Beispielsweise muß nun eine Steuernummer in Großbritannien beantragt werden, wenn man mit englischen Firmen Geschäfte macht, das war vorher nicht nötig.

Ja, Herr Peiser, ihre alternative Brexiterzählung zeigt einen Sieger Broris Johnson auf ganzer Linie. Übrigens, da ich vermute dass er einen EU-Pass hat, muß er sich um den Brexit keine Gedanken machen, kann er doch, im Gegensatz zu den Briten überall in Europa ohne Schwierigkeiten leben. Und was das Erasmus Programm betrifft, da die Tories sagen, dass es doch besser ist, wenn die jungen Leute ein Studienjahr in Australien, oder Kanada machen, hat man mit dem Brexit das Programm verlassen und will es nach dem britischen Mathematiker Alan Turing benennen. Experten fürchten es wird die Steuerzahler eine Menge Geld kosten und ein Loch in die Kassen reißen, aber ja, Sieg auf ganzer Linie.

„Die Feder ist mächtiger als das Wort,“ stellte der Politiker und Schriftsteller Edward George Bulwer-Lytton vor über hundert Jahren fest. Die Achse verdeutlicht dies, denn es geht ihnen längst nicht mehr um eine Gegenargumentation, oder Kritik. Ja, Kritik an der EU ist notwendig und es gibt viele Baustellen, wie das Vetorecht, das es Ungarn erlaubt davon reichlich Gebrauch zu machen, besonders wenn es um die Menschenrechte geht. Der Achse und ihren Autoren geht es allein darum alles abzulehnen und zu diffamieren, beziehungsweise diskreditieren, was nicht in ihr Nationalkonservatives Weltbild passt. Dafür lieben sie ihre Leser und feuern sie an. Sie reagieren allerdings hochaggressiv wenn einzelne Autoren mal einen vernünftigen Artikel schreiben, zum Beispiel Trump zu entfernen.

So lange es gegen Menschen, wie Frau Kahane und die Amadeu Antonio Stiftung geht, die regelmäßig zur Zielscheibe werden weil ihnen das Engagement zuwider ist.
Oder man hat die Corona Maßnahmen zur Zielscheibe und hetzt Leute zu zivilem Ungehorsam auf, nur weil man als Feld, Wald, und Wiesendoktor glaubt das man auch Experte auf dem Gebiet der Virologie ist. Man denkt ernsthaft, nur weil man eine Boxershorts trägt, kann man mit dem amtierenden Boxweltmeister in den Ring steigen.

Was der Brexit bringt wissen wir alle nicht, allerdings wissen viele, auf Grund der Unwägbarkeiten, das es einfacher ist den Kaffeesatz zu lesen, als Prognosen über die langfristigen Folgen des Brexit zu machen.

Anmerkungen: Wer sich umfassender über den Brexit informieren möchte, dem seien die folgenden YouTube Kanäle an‘s Herz gelegt: Maximilien Robespierres, Der Betreiber ist ein Italien lebender Ire der sich seit Beginn mit dem Brexit beschäftigt. Marc Wesseling und sein „A German Eye on Brexit“ Und „A Different Bias“

Dummheit mit Ansage

johnson-205~_v-videowebl

Le roi est mort, vive le roi

Als Teresa May ihre Rede vor der 10 Downing Street gehalten hat, da hätte ich beinahe mitgeweint, denn zuletzt hat mir die Frau einfach nur noch leid getan. Im irischen Fernsehen wurden die Debatten zum Brexit live übertragen und man sah eine sichtlich angespannte, gealterte und zutiefst verunsicherte Politikerin, die versuchte eine Mehrheit für ihren Plan, den sie mit der EU ausgehandelt hatte, zu finden. Am Ende ist sie an allen gescheitert. An der Opposition und, was besonders hart ist, an ihren eigenen Leuten. Die Frage, die ich mir die ganze Zeit gestellt habe war, haben diejenigen, die sich so vehement für den Brexit eingesetzt haben, sich eigentlich mit dem EU-Vertragswerk beschäftigt, oder dachten sie, der Austritt sei wie die Kündigung eines Zeitungsabos?

Diese ganze Veranstaltung hatte etwas zutiefst skurriles und brachte Abgeordnete dazu, vor laufenden Kameras die Segel zu streichen. Irgendwann reichte es Teresa May dann auch. May erinnerte mich an einen Vegetarier der einen Chefposten als Direktor eines Schlachthofes annehmen muss, und diesen dann effektiv gestalten. Da sie als überzeugte Europäerin gilt konnte das nur scheitern. Ganze vorne mit dabei war derjenige, der sie nun beerbt hat, Boris Johnson, oder BoJo wie man ihn auch nennt. Seit dem 23. Juli ist Johnson nun Premier und Johnson wäre nicht Johnson, wenn er nicht wieder einen flotten Spruch auf den Lippen gehabt hätte.

Seine Rede die er vor seinem Haus hielt war eine typische Boris Rede, viel Blabla, heiße Luft und wenig Inhalt und mit diesem Pathos ging es weiter in’s Parlament. Er will UK groß machen, das beste Land auf der Welt. Jeder der die Rede verfolgte, erinnerte sich an die Sprüche Trumps und viele werden sich gefragt haben, wann er endlich „make England great again,“ sagt. Mehr Polizei, so ein Versprechen, wird er in Angriff nehmen und, bezüglich des Brexit, wird er, ‚Bottler‘ Boris, wie ihn sein Rivale Jeremy Hunt nannte, Schlitten fahren und Brüssel quasi zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Dabei hat Brüssel schon gegenüber Teresa May klar gemacht das der Deal, den sie mit Barnier ausgehandelt hatte, das Beste ist was sie bekommt. Johnson, so spotten Einige, spiele jetzt den Bösen mit der Pistole in der Hand und glaubt dass die EU ihm gegenüber einknicken wird.

„Bumbling Boris“

Egal wo Johnson auftauchte, zielsicher trat er dabei in jedes Fettnäpfchen das auf dem Weg stand. „Stolpernder Boris“ -Bumpling Boris- so hat man ihn genannt und es ist zweifelhaft, ob er wirklich in der Lage ist irgendetwas positives für die Bevölkerung Großbritanniens zu erreichen. In London schreiben einige Zeitungen dass er eine Politik machen möchte für die Leute, die gedanklich noch im Common Wealth leben, wo sich zwar Kolonien vom Mutterland befreiten, die Queen aber trotzdem noch in den Amtszimmern hing -von einer Rekolonialisierung träumen die ganz Alten-. Das sind auch die Leute die mit großer Mehrheit für den Brexit gestimmt haben. Sie leben im Shire, sind finanziell unabhängig und verabscheuen es zutiefst, dass ihr geliebtes Königreich an ein Gebilde gebunden ist, wo doch England 800 Jahre lang die Welt regierte.

Wahrscheinlich ist das auch die Wählerschicht die bei der letzten Europawahl fast geschlossen zur Brexit-Party schwenkten. Konservativ bis zum Letzten, knüpfen sie nun die Hoffnungen an den „Eton-Schüler,“ einer der Ihren, der auf Grund seiner Herkunft die Sorgen und Nöte der Upperclass bestens kennt. Vielleicht verachtet er sogar den Durchschnittlichen Engländer, wer weiß. Was er allerdings meisterhaft beherrscht ist, dass er einen Spagat nach allen Seiten machen kann, egal was er erreichen will. Dabei nimmt er es dann auch mit der Wahrheit, besser Fakten nicht ganz so genau, und bevorzugt eher „alternative Fakten.“

So verteidigte er sich gegenüber Kritikern, die ihm vorgeworfen hatten, er hätte Zahlen des Amtes für Statistik aus dem Kontext gerissen, dass seine Zahl von £350 Mrd. eigentlich noch zu gering gegriffen sei und entging nur haarscharf einer Klage wegen Falschbehauptung. Als Bürgermeister von London behauptete er bei der Jugendkriminalität, diese sei angeblich zurückgegangen, eigentlich aber hatte sie zugenommen. Und mehr Polizisten würden die Straßen Londons nun sicher machen, tönte er. Dabei war die Anzahl der Beamten nicht gewachsen, sondern geschrumpft.

Das Wolfram Weimar auf N-TV jubelt: „Er wurde im Mulitkulti-London von 2008 bis 2016 zum beliebten Bürgermeister gewählt und wiedergewählt – eine der buntesten, offensten, tolerantesten Metropolen der Welt hat ihn zu ihrer Galionsfigur erkoren,“ zeugt eher von Ignoranz, ebenso sein Satz, „In der latent linken Stadt gewann er so zweimal mühelos Mehrheiten, weil er – ganz entgegen der derzeit verbreiteten Klischees – Toleranz leben kann.“ Man möchte fragen, „so, kann er das?“ Wer muslimische Frauen, die Niqab tragen, als Briefkästen bezeichnet, oder Schwarze als Picaninnies, der kann alles aber nicht Toleranz und beliebt in London war er nicht, oder wie man dort sagte, „Johnson war ein Idiot, aber Lustig.“ Schaut man sich nämlich die Bilanz an, so war sein Regentschaft alles andere als ein Erfolg.

König von London

2008 stellte er sich zur Bürgermeisterwahl in London. Nun stimmt es zwar, dass London traditionell eher Links, oder Linksliberal ist, das hat allerdings damit zu tun, dass die Hauptstadt Großbritanniens ein melting pot ist. Es gibt dort reiche Einwohner und sehr reiche Einwohner, es gibt die Middle Class und es gibt die Underdogs, dazu gibt es viele Zuwanderer aus dem Commonwealth. Hinzu kommt, das London Zeitlos ist. Kunst und Mode verbindet man auch und gerade mit London, das heißt, London zog über Jahrzehnte stets die Avantgarde an, und diese Leute denken eher Liberal, beziehungsweise Linksliberal. Und denkt man an London, dann denkt man auch an Minirock und Punk. Auch wenn die meisten ersten Punk-Rock-Bands aus New York kamen – zu einer echten Bewegung wurde der Punk in London. Was bei den New Yorker Punk-Rock-Bands künstlerisches Programm war, verband sich in Großbritannien mit dem eher diffusen, meist noch apolitischen Groll, den viele Jugendliche gegenüber sämtlichen Institutionen empfanden, und wurde so zu einer breiten subkulturellen Strömung. Zu den Ursachen für die Frustration englischer Jugendlicher bezüglich der sie umgebenden Regeln gehörte der mangelnde Halt durch die Schulen und mangelnde Aussichten im Berufsleben, bedingt durch die Wirtschaftskrise und das steife englische Klassensystem, schreibt Wikipedia.

Diese Mischung ist es, die jemanden wie Ken Livingstone zum Bürgermeister machte und Livingstone verlor ja nicht gegen Johnson weil er weniger beliebt gewesen wäre, im Gegenteil. Trotz aller Prognosen dass Red Ken ein trotzkistisches Refugium errichten würde waren seine Maßnahmen zu großen Teilen von Erfolg geprägt -Johnson erntete die Früchte von Livingstones Vorarbeit-. Livingstone verlor auch nicht weil er, ebenso wie Johnson, so exzentrisch ist -eine Eigenschaft mit der man die Engländer assoziiert-, er verlor, weil er Dinge tat, die man normalerweise nicht macht. So empfing er im Januar 2005 Yussuf al-Qaradāwī, einen islamistischen Kleriker, der Selbstmordattentate durchaus als Legitim erachtet. Es nutzte Livingstone nicht, dass er kurz nach den Terroranschlägen vom 7. Juli 2005 eine Kampagne startete in dem er den Multikulturellen Zusammenhalt der Londoner beschwor.

Außerdem nahm man ihm sein Verhältnis zu Hugo Chávez übel. Der Besuch Chávez‘ in London verursachte heftige Kritik, besonders aus konservativen Kreisen. Der Gegenbesuch, der £29.000 kostete, löste eine Debatte in den britischen Medien aus. Als er dann mit Venezuela die Lieferung von günstigerem Öl abschloss, um die Verkehrsbetriebe zu versorgen, kam es zum Bruch. Die konservativen Abgeordneten der London Assembly kritisierten dieses Vorgehen und meinten, die dafür notwendigen Gelder sollen besser dazu verwendet werden, den Armen Venezuelas direkt zu helfen. Als dann auch noch das Gerücht aufkam, dass sein enger Vertrauter Lee Jaspers als Chef der Stadtentwicklungsbehörde 2,5 Millionen Pfund unterschlagen haben soll, da war die Grenze erreicht, auch wenn eine unabhängige Kommission 2009 feststellte, dass an den Gerüchten nichts dran sei, half das Livingstone nicht.

Livingstone ist als notorischer Antisemit bekannt und in der jüdischen Londoner Community betrachtete man ihn mit einer gewissen Abscheu. Aber selbst sein Vergleich des Journalisten Oliver Finegold mit einem KZ-Wärter, womit Livingstone auf Feingolds Arbeitgeber, den Evening Standard, anspielte. Deren Blatt, der Daily Mail, war dafür bekannt, in den dreißiger Jahren eine gewisse Sympathie für den Faschisten Oswald Mosley gezeigt zu haben, hatten auf seine Beliebtheit keinen Einfluss. Vor allem war seine Suspendierung als Bürgermeister, nachdem sich mehrere Organisationen über ihn beschwert hatten, nur von kurzer Dauer. Er erklärte und bestand gegenüber dem London Assembly darauf, dass er in Wortwahl und Inhalt richtig gehandelt habe.

Für Johnson war es also ein Leichtes, zwar nicht König der Welt aber Bürgermeister zu werden. Und mit den Lorbeeren aus der Vorarbeit seines Kontrahenten konnte er gut glänzen und Erfolge vorweisen. Diese relativieren sich allerdings wenn man sich die Gesamtbilanz anschaut. 940 Millionen Pfund kosteten den englischen Steuerzahler Johnsons Wolkenschlösser. „Misserfolge überging er dagegen einfach. Als der Labour-Politiker Sadiq Khan im Mai dieses Jahres den Posten des Bürgermeisters von Johnson übernahm, entdeckte er im Rathaus einen Bericht über Londons miserable Luftqualität, von der vor allem Menschen in ärmeren Stadtteilen betroffen sind. Er stammte aus dem Jahr 2013. Johnson hatte ihn in der Schublade verschwinden lassen,“ schreibt Sascha Zastiral in der Zeit und weiter: „Detailfragen interessierten ihn nicht, er kümmerte sich um das Grobe. Für die Feinheiten mussten seine Mitarbeiter sorgen. Johnson trat weiter regelmäßig in Fernsehshows auf und schrieb weiter seine wöchentlichen Kolumnen für den Daily Telegraph, mit denen er 2005 begonnen hat – und für die er 250.000 Pfund im Jahr bekommt. Als er bei einem Interview mit der BBC darauf angesprochen wurde, bezeichnete Johnson die Summe als „Kleingeld“. Der nächste Skandal: Es war 2009 und Großbritannien steckte in einer tiefen Rezession.“

Verbrannte Erde

Es ist kein Wunder dass viele Menschen in England ihn mit Misstrauen betrachten. Schaut man sich sein Kabinett an und weiß, dass Jakob Rees-Mogg der reichste Abgeordnete im britischen Parlament ist (und vehementer Brexiteer), dann kommt einem schon die Frage in den Sinn, ob der Brexit das Ergebnis eines Spiels gelangweilter englischer Adeliger war. Rees-Mogg ist Multimillionär, ihn kümmert es wenig ob England nun in der EU ist, oder nicht.

Und schaut man sich den Weg von Boris Johnson an, dann wird man das Gefühl nicht los, dass er, um an die Macht zu gelangen, eine Landfläche in der Größe Luxemburgs als verbrannte Erde hinterlassen hat.

Fakten interessieren ihn nicht, Details geht er aus dem Weg und, wenn es zu Diskussionen kommt, dann geraten seine Politikberater regelmäßig in Panik und der Umsatz an Blutdrucksenkenden Mitteln steigt. Das konnte man sehen als er auf dem Parteitag der Tories den Brexit verteidigte in dem er einen eingeschweißten Fisch mit den Worten in die Höhe hielt, „Nach Jahrzehnten, in denen die Fische so transportiert wurden, erhöhen nun Brüsseler Bürokraten die Kosten, indem sie die Verwendung von Kühlkissen vorschreiben.“

Nun ist das eine reine englische Verordnung und die Isle of Man, wo der Fisch herkam, ist kein Teil der EU, aber Details sind halt nicht so wichtig. Prompt meldete sich Brüssel denn auch zu Wort: „Der Fall, den Herr Johnson beschreibt, fällt ausschließlich unter die nationale Kompetenz des Vereinigten Königreichs“, sagte eine eigens angereiste Sprecherin der EU-Kommission bei einer Pressekonferenz in London. Zwar gebe es tatsächlich umfangreiche europäische Vorschriften zum Transport von unverarbeitetem Fisch. Der Verkauf von verarbeitetem Fisch unterliege diesen Regeln aber nicht, so die Sprecherin weiter. Das gelte auch für die Kühlkissen, die Johnson erwähnte, betonte sie, und verwies darauf, dass für die Regelung das Vereinigte Königreich selbst verantwortlich sei.“

Ian Blackford, Abgeordneter und Fraktionschef der Scottish National Party, bezeichnete Boris Johnson als letzten Premierminister des Vereinigten Königreiches. 2016 hatten Schottland und Nordirland mehrheitlich für einen Verbleib in der EU gestimmt. Vergrätzt sind die Schotten auch über die Tatsache, dass sie im Unterhaus so gut wie keine Rolle spielen. Schottische Interessen würden nicht berücksichtigt, sagte Blackford vor ein paar Monaten während einer Debatte und traf damit einen wunden Punkt in der schottischen Seele. Wenn Johnson sagt, dass die Briten mit überwältigender Mehrheit 2016 für den Brexit gestimmt hätten, dann war er anscheinend auf einem anderen Planeten.

In der Tat könnte der Brexit dazu führen, dass das Vereinigte Königreich bald Geschichte sein dürfte, außer Johnson entwickelt sich zum Supermann und bringt einen Brexit durch, der die Insel zusammenhält, danach sieht es aber nicht aus. 2014 stimmten die Schotten in einem Referendum gegen die Unabhängigkeit, einfach deswegen, weil schottische Farmer die Vorzüge, die die EU bietet nicht verlieren wollten und Sorge hatten, im Falle einer Unabhängigkeit müsse man neue Anträge stellen. Da die EU nun aber Zusicherungen macht, würde ein neues Referendum den Nationalisten in die Hände spielen.

Und auch in Nordirland ist noch die Erinnerung an die Zeit lebendig, als IRA und UDA das Land in Atem hielten, und Beide scharren nun mit den Füßen, wobei viele Protestanten mittlerweile in der EU bleiben wollen und auch für einen Anschluss an die Republik Irland wären. Wie schrieben irische Zeitungen über die Nibelungentreue zu Teresa May und jetzt zu Johnson, „die DUP schafft das, was Sinn Féin und IRA nicht erreichen konnten, nämlich die Wiedervereinigung des Nordens mit dem Süden.“ In einem Kommentar auf RTÉ schrieb jemand, dass es in England ein offenes Geheimnis sei und auch öfter angesprochen wurde, dass Irland ein Dorn im Fleisch der Engländer ist und diese den Iren nie verziehen haben, dass sie sich die Unabhängigkeit erkämpft hatten. Also, so seine Schlussfolgerung, werde man Artikel 50, der die Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland obsolet machen soll, nie zustimmen.

Genau das ist unsere Sorge und die unserer Politiker, auch wenn jemand in Dublin sagt, Johnson werde schon einen vernünftigen Kompromiss finden. Alles, wirklich alles, was die EU (Michel Barnier) und London ausgehandelt haben, inklusive Backstop, wurde vom Parlament abgelehnt. Warum sollte Johnson da Erfolg haben, wo May gescheitert ist, oder will er wirklich, wie viele Korrespondenten vermuten, mit Hilfe der Brexiteers, mit einem No-Deal Brexit aussteigen. Das würde das Ende des UK bedeuten und England an den Rand einer Katastrophe führen. Aber ich denke das wird Boris Johnson nicht interessieren und wenn alles am Boden liegt, dann wird er sich das Chaos relativierend Schönreden und zum nächsten Abenteuer eilen. Wie sang André Heller: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Johnson erinnert mich an die Erzählung von Rudyard Kipling, „der Mann der König sein wollte,“ Nun hat Johnson keine 20 Gewehre, ist nicht verkleidet, und gibt sich auch nicht als Muslim aus, trotzdem will er um jeden Preis herrschen.

Im 1949 erschienen Film „The Guinea Pig“ sagt einer der Schauspieler (Nigel Lorraine), „Britain today is a powerhouse of ideas, experiments, imagination“. In gewisser Weise stimmt das, man hat die Idee und die Vorstellung ein Land gegen die Wand zu fahren und experimentiert wie das Bestmöglich gelingt.

Warten wir die 99 Tage ab was passiert.